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Wenn Kinder beißen

Veröffentlicht:
4. Dezember 2025

Zum Abschluss der stark nachgefragten digitalen nifbe-Vortragsreihe „Der geht mir dann über Tische und Bänke“ beleuchtete Prof. Dr. Dorothee Gutknecht das vielschichtige und leicht missinterpretierte Phänomen des Beißens in der KiTa und ging dabei auch auf die schwierige Kommunikation mit Eltern ein – denn, so die Referentin: „Beim Beißen hört jedweder Spaß auf und die Eltern reagieren aufgebracht und schockiert.“

Dorothee Gutknecht

Dorothee Gutknecht führte aus, dass das Thema Beißen mit der Krippenpädagogik Konjunktur bekommen habe und es nach den wenigen vorhandenen Studien ein durchaus häufiges Phänomen in KiTas sei. Beißen sei dabei weder abhängig vom Temperament noch vom Geschlecht des Kindes, trete aber häufiger bei neurodivergenten Kindern mit Autismus, ADHS oder auch Hochsensibilität auf. Sie unterstrich, dass Beißen viele Ursachen haben könne und „nicht per se ein externalisierendes oder aggressives Verhalten ist“ – so könne Beißen auch „Welterkundung“, „Sprache ohne Worte“ oder „Selbstregulation und Stresskompensation“ sein. Aufgabe der Fachkräfte sei es daher mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung in die pädagogische Diagnostik zu gehen und Hypothesen über die Gründe des Verhaltens aufzustellen. Abzuklären seien dabei Fragen wie:

  • Handelt es sich um ein Kleinkind?
  • Ist es ein entwicklungsverzögertes Kind?
  • Und bei älteren Kindern: Ist es absichtsvoll aggressiv?

Professionelle Responsivität

Die Professorin an der EH Freiburg mit den Schwerpunkten Säuglings- und Kleinkindpädagogik zeigte in der Folge auf, wie eine „professionelle Responsivität auf Beißverhalten“ aussehen kann. Ziel sei es dabei, das Kind dabei zu unterstützen, „alternatives, sozial angemessenes Verhalten aufzubauen“. Dafür brauche es passgenaue Antworten und ein breites Handlungsrepertoire der Fachkraft. Die sei durchaus anspruchsvoll und nur durch lebenslanges Lernen und den systematischen Austausch der Fachkräfte untereinander sowie Qualifizierung zu erreichen. Die zentrale Frage sei dabei: „Was wirkt?“

Neben der Unterstützung und Co-Regulation des beißenden Kindes müsse aber natürlich auch das gebissene Kind Trost und Empowerment erfahren, um nicht in eine Opferrolle zu rutschen. Und schließlich müssten die Eltern des gebissenen Kindes mit ins Boot geholt werden.

Was können Ursachen des Beißens sein?

Nachfolgend beleuchtete Dorothee Gutknecht drei zentrale Ursachen des Beißens näher und hier insbesondere die entwicklungsbedingten Faktoren. So könne Beißen von kleinen Kindern beispielsweise durch Zahnen/Zahnschmerz, „mundmotorischen Explorationsdrang“ oder „Sensorische Stimulationsbedürfnisse“ verursacht sein. Abhilfe könne hier eine „Knabberkiste“ mit verschiedenem Beißspielzeug schaffen. Weitere entwicklungsbedingte Faktoren könnten das „Lernen von Ursache und Wirkung“ sein, die Verteidigung des eigenen Raums, das Suchen von Aufmerksamkeit und insbesondere auch der Ausdruck von Emotionen. Hier sei es wichtig, das Verstehen und die Emotionssprache des Kindes gezielt zu fördern.

Aber auch umgebungsbedingte Stressfaktoren in der KiTa können, wie die Referentin aufzeigte, Ursache von Beißverhalten sein – von einer zu langen Aufenthaltsdauer pro Tag über Überstimulation bis zu stressigen Übergangssituationen in Garderobe, Essen oder Ruhezeiten. Hier gelte es den Tag und die Abläufe zu entstressen. Für gestresste und überstimulierte Kinder empfahl sie das Spielen mit Sand und das „Strandgutkonzept“.

Akut-Handlungsplan

Zum Abschluss ihres Vortrags stellte die lange auch als Logopädin in KiTas tätige Professorin einen 9-schrittigen Handlungsplan im Falle eines Beißvorfalls vor:

  1. Das Verhalten mit kurzen und klaren Worten stoppen (und dabei möglichst das Wort Beißen vermeiden, da das „nicht“ davor von Kleinstkindern häufig nicht verstanden wird und nur das Signalwort Beißen hängen bleibt)
  2. Zuwendung für das gebissene Kind
  3. Gefühle beider Kinder in langsamen Worten benennen und dabei zwischen ihnen hin und her blicken
  4. Entscheiden, ob die Kinder getrennt werden müssen
  5. Konflikt in Worten beschreiben
  6. Grenzen setzen, Gruppenregeln benennen
  7. Lösungen und Alternativen anbieten
  8. Schlussstrich ziehen und beide Kinder wieder in das Spiel einbinden
  9. Eltern informieren

Im Hinblick auf die Information der Eltern räumte die Referentin ein, dass dies eine heikle Aufgabe sei, da Eltern in der Regel eine völlig unterschiedliche Perspektive auf den Beiß-Vorfall einnehmen als die Fachkraft. Daher müssten die Worte wohl abgewogen sein und solche Gespräche sollten nicht zwischen Tür und Angel geführt werden. Wichtig sei es, Eltern Schritt für Schritt zu erläutern, wie die KiTa mit beißenden Kindern umgehe und im Idealfall gebe es dafür auch schon Info-Materialien.

Zum Abschluss unterstrich Dorothee Gutknecht, dass nach dem Akut-Handlungsplan eine Phase des Analysierens und Reflektierens folgen müsse, um weiteren Beißvorfällen vorzubeugen. Dazu seien der Austausch im Team und auch in übergreifenden Runden Tischen sowie ggf Supervision und Weiterbildung notwendig. Ziel müsse es letztlich sein, Ausschlüsse von Kindern aus der KiTa zu vermeiden und so einem inklusiven Anspruch gerecht zu werden.

Karsten Herrmann

Niedersächsisches Institut
für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
49080 Osnabrück
Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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