
Die Selbstregulation hat insbesondere auch im Hinblick auf das zunehmend als herausfordernd wahrgenommene Verhalten von Kindern in KiTa und Schule im Fach-Diskurs gerade Hochkonjunktur. Die Selbstregulation wird dabei als Schlüsselkompetenz für das Wohlbefinden und die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen sowie ihre gesellschaftliche Teilhabe bewertet.
Die Spiegel Bestseller-Autorin Susanne Mierau greift dieses Thema nun auch in ihrem neuen Praxis-Buch auf und zeigt, wie wichtig und unabdingbar die Co-Regulation von Erwachsenen für die Entwicklung der Selbstregulation von Kindern ist – gerade auch im Hinblick auf überschäumende Emotionen wie Wut, Angst oder Trauer: „Statt Kinder durch Strafen oder Auszeit aus einer Situation auszuschließen oder ihre Gefühle zu übergehen, geht es darum, sie aktiv in ihrer Regulation zu begleiten: Erwachsene unterstützen dabei, Gefühle wahrzunehmen, zu benennen und zu verstehen“.
Fundiert und kompakt führt die Kleinkindpädagogin und Elternbegleiterin in ihrem Buch die entwicklungspsychologischen und neurobiologischen Grundlagen von Reiz und Wahrnehmung, Stress und Regulation aus. Sie verdeutlicht, dass Kinder aufgrund von genetischer Disposition (z.B. Temperament), aber auch aufgrund ihres familiären Lebensumfeldes ganz unterschiedliche Reizschwellen und Wahrnehmungsmuster ausbilden. Wenn beispielsweise angstbesetzte Situationen in der frühen Kindheit ohne ausreichende (Co-) Regulation bleiben, „kann ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel zu einer erhöhten Stresssensibilität führen“.
Immer wieder unterstreicht Susanne Mierau die Bedeutung einer verlässlichen Beziehung und sensiblen Co-Regulation durch Erwachsene für die Entwicklung der Selbstregulation der Kinder. Nur so könnten Kinder ein Gefühl der Sicherheit und Selbstwirksamkeit entwickeln. Wichtig sei dabei eine verkörperte (embodied) Co-Regulation, die nicht nur mit Worten agiert, sondern „durch Atmung, Stimme, Bewegung und Haltung möglichst viel Ruhe ausstrahlt“ und so auch eine körperliche Sicherheit vermittelt.
In einem zweiten Teil des Buches zeigt die Autorin wirksame Ansätze für die Förderung der Selbstregulation von Kindern in der KiTa auf. Dafür brauche es keine Programme oder Trainings, sondern vor allem das Lernen in selbstbestimmten und selbstgesteuerten Aktivitäten der Kinder. Sie hebt hier beispielsweise das Freispiel als eine Phase intensiver Lernprozesse und hoher Selbstregulationsanforderungen heraus: „Im freien Spiel planen Kinder Handlungen, verhandeln Regeln, regulieren Emotionen, steuern Impulse und passen ihr Verhalten an andere an.“
Ein schwieriger Balanceakt stelle für Fachkräfte dabei jedes Mal die Entscheidung dar, bei Konflikten oder anderen emotionsintensiven Situationen abzuwarten oder co-regulierend einzugreifen. Susanne Miraus empfiehlt hier ein „Gespür für Momente von Selbständigkeit und Selbstwirksamkeit zu entwickeln“ und eine „abwartend-beobachtende, zugleich zugewandte Haltung dem Kind gegenüber“ einzunehmen.
Im letzten Kapitel des Buches geht Susanne Mierau auf die Selbstregulationskompetenzen der Fachkräfte selber ein, die ja Grundlage für eine gute Co-Regulation der Kinder ist. Wie bei Kindern auch, hat jede Fachkraft dabei ganz unterschiedliche Stressreaktionsmuster, die von biographischen Erfahrungen sowie aktuellen Lebensumständen und Belastungssituationen abhängen. Hier sei es wichtig, sich selbst zu reflektieren sowie das eigene Stress-Toleranzfenster sowie unbewusste Triggerpunkte und Körperreaktionen kennen zu lernen und sich auch darüber im Team auszutauschen. In herausfordernden Situationen im Kita-Alltag können kleine Übungen und Techniken die Selbstregulation stärken – ein bewusster Atemzug, ein kurzer Köpercheck oder ein inneres Mantra: „Es gilt, den Moment zwischen Reiz und Reaktion bewusst wahrnehmbar zu machen“ und sich dadurch einen professionellen Handlungsspielraum zu eröffnen.
Die Förderung der Selbstregulation von Kindern schätzt Susanne Mieraus als eine der „Kernaufgaben der Teamarbeit“ ein. Eine gemeinsame Auseinandersetzung mit und die Weiterentwicklung von Selbstregulation sei dabei Grundbedingung: „Fachkräfte wirken so als Vorbild und ermöglichen es Kindern, ihre Fähigkeiten Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.“
Kompetent und kurzweilig führt Susanne Mieraus in das komplexe Thema der Selbst- und Co-Regulation ein und macht deren Bedeutung für die Arbeit in der KiTa und für die Zukunft der Kinder deutlich. Sie bietet dafür neben dem Wissen auch eine Reihe von Selbsttests, Fragebögen und Reflexionsfragen an, mit dem sich eine Fachkraft oder das gesamte KiTa-Team auf den Weg machen kann: „Eine regulationsstarke Kita entsteht Schritt für Schritt – getragen von einer gemeinsamen Haltung, die Vielfalt wertschätzt, Beziehungen stärkt und Entwicklung achtsam begleitet.“
Susanne Mierau: Co- & Selbstregulation in der Kita. Alltagsnahe Entwicklungsräume schaffen und begleiten. Herder, 176 S., 20 Euro
Karsten Herrmann