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Welche Botschaft steckt hinter dem (herausfordernden) Verhalten?

Unter dem systemisch inspirierten Titel „Für das Kind ergibt es Sinn“ haben Heike Baum und Helia Schneider ein wunderbar praxisorientiertes Buch geschrieben, um das derzeit von vielen Fachkräften beklagte „herausfordernde Verhalten“ von Kindern in KiTa und Kindertagespflege zu verstehen und zu begleiten. Sie laden hier insbesondere auch zu einem Perspektivwechsel ein, um zu ergründen, was die Kinder dazu herausfordert sich aus Sicht von Fachkräften nicht angemessen zu verhalten: Was ist vorausgegangen und was behagt Kindern nicht, was stört, überfordert oder stresst sie?

Zentral nehmen die Autor*innen hierfür die Beziehungsgestaltung und das Resonanzverhalten von Erwachsenen in den Blick. Sie identifizieren drei zentrale und unhintergehbare Bedürfnisse, die für Kinder in einer Beziehung und Gemeinschaft auf Dauer gewährleistet sein müssen: Gleichwürdigkeit, Integrität und Kooperation.

Geichwürdigkeit als Maßstab

Gleichwürdigkeit sei „ein Maßstab dafür, wie ich Menschen sehe, wie ich ihnen begegne und wie ich mich in Beziehung jeglicher Art verhalten möchte“. Mit frappierenden Beispielen aus ihrer Fortbildungspraxis zeigen die Autor*innen auf, wie viele Unterschiede trotz aller Diskussionen um Adultismus noch immer zwischen Kindern und Erwachsenen gemacht werden – so sei es normal, dass Fachkräfte an der Windel eines Kleinkindes röchen und sagten: „Ich glaube, du hast da einen Kaka drin, puh, das stinkt aber“. Nun stelle man sich analog einmal vor, die KiTa-Leiterin  röche morgens unter den Achseln ihrer Mitarbeiter*innen und bemerkte zu einer: „Puh, das stinkt, komm mal mit, ich mach mal Deo drauf“.

Die Integrität eines Menschen vergleichen die Autor*innen mit einem Haus mit einem Vorgarten und mehr oder weniger hohem Gartenzaun, in das niemand ungefragt eindringen sollte wie in den Beispielen oben. Die Integrität von Kindern werde aber immer dann verletzt, wenn wir ihre Bedürfnisse, Wünsche und Gefühle missachteten und dies könne in der Folge zu herausforderndem Verhalten führen.

Kinder wie Objekte zu behandeln und sie zum Objekt eigener Erwartungen und Vorstellungen zu machen sei grundsätzlich  „weder gleichwürdig noch integritätswahrend“. Vielmehr müssten Kinder als „handelnde Subjekte“ und in ihrer subjektiven Wirklichkeit respektiert und beachtet werden – erst dann „ist eine gleichwürdige, dialogische Resonanzbeziehung möglich“.

Die Perspektive wechseln

Grundsätzlich gehen Heike Baum und Helia Schneider davon aus, dass Kinder sozial kompetent auf die Welt kommen und mit anderen Menschen in Beziehung sein und ein gutes Miteinander gestalten wollen. Sie würden so lange kooperieren, „wie sie können“ und herausforderndes Verhalten weise auf eine Not und ein nicht erfülltes Bedürfnis. Sie unterstreichen:

„Wenn wir das Verhalten von Kindern unter dem Aspekt betrachten, dass es eine Botschaft darüber enthält, wie es dem Kinde geht […], dann entwickelt sich von selbst ein neuer Blick auf Kinder und ihr Verhalten“.

Mit diesem Perspektivwechsel würden Fachkräfte sich auch nicht so leicht durch Kinder provoziert oder geärgert fühlen, sondern in die empathische Resonanz gehen und das hinter dem vermeintlichen Fehlverhalten liegende Bedürfnis versuchen zu entziffern.

In der Folge nehmen die Autor*innen die Rahmenbedingungen für Kinder in der KiTa und ihre (auch neurobiologischen) Entwicklungsbedingungen genauer in den Blick und führen aus, was bedürfnisorientiertes Arbeiten zum Beispiel im Hinblick auf eine achtsame Sprache bedeutet. Sie zeigen auf, wie Erwachsene auch im Konflikt gleichwürdig und integritätswahrend handeln können und wie Kindeswohl und Kinderschutz auch in herausfordernden Situationen gewahrt bleiben.

Sich selbst überprüfen

In einem eigenen Kapitel laden Heike Baum und Helia Schneider pädagogische Fachkräfte schließlich dazu ein, genauer zu reflektieren, was sie am kindlichen Verhalten tatsächlich herausfordert. Dazu sei auch ein Blick auf die eigenen (Integritäts-) Grenzen und Glaubenssätze sowie eine Auseinandersetzung mit der  eigenen Kindheit und dem „eigenen inneren Kind“ notwendig. Zu vergegenwärtigen sei in der Praxis, dass das „Kind vor mir nicht das Kind in mir ist“. In Stress- und Konfliktsituationen empfehle es sich zudem, die Perspektive zu wechseln und die „‘Bedürfnisbrille‘ aufzusetzen und sich zu fragen: Was ist hier gerade wirklich das Problem? Welches Bedürfnis ist nicht befriedigt und wessen Bedürfnis erwirkt im Moment den höchsten Leidensdruck?“

Last but not least unterstreichen Heike Baum und Helia Schneider einen Aspekt, der im stressigen KiTa-Alltag allzu leicht in Vergessenheit gerät: Fachkräfte müssen auch sich selbst und ihre Bedürfnisse ernst nehmen und das auch den Kindern klar signalisieren: „Es gehört zu einer gleichwürdigen Gemeinschaft dazu, dass wir uns auch mit Selbstfürsorge begegnen und gut mit uns umgehen.“

Auf der Basis der Kinderrechte und einer konsequent bedürfnisorientierten Pädagogik zeigen die Autor*innen in diesem Buch sehr praxisorientiert und schlüssig auf, wie pädagogische Fachkräfte mit einem Perspektivwechsel raus aus der Handlungsunfähigkeit und Ohnmacht in herausfordernden Situationen kommen. Sie schöpfen dabei aus ihrem breiten Erfahrungswissen als langjährige Weiterbildner*innen sowie Erzieherin und KiTa-Leiterin und bieten jede Menge Praxistipps und Reflexionsfragen. Zusätzliches Material wird auf einem Padlet zur Verfügung gestellt. Ein sehr gelungenes Buch für ein aktuell sehr herausforderndes Problem in den Kitas.

Heike Baum / Helia Schneider: Für das Kind ergibt es Sinn! Herausforderndes Verhalten in Kita und Tagespflege verstehen und begleiten. V&R, 190 S., 23 Euro

Karsten Herrmann

Niedersächsisches Institut
für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
49080 Osnabrück
Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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