Der Übergang von der KiTa in die Grundschule sowie die (schwierige) Kooperation der beiden Institutionen stand im Fokus des 14. Forums Frühpädagogik, das gemeinsam von Fröbel, der Stiftung Kinder forschen, der Stiftung Lesen und der didacta im Berliner Allianz-Forum ausgerichtet wurde. In abwechslungsreichen Formaten wurden vielfältige Perspektiven auf das Thema geworfen und dabei auch die unterschiedlichen Bildungsverständnisse kontrovers diskutiert. Klar wurde: Kinder müssen in der KiTa die Kompetenzen lernen, die sie zur gesellschaftlichen Teilhabe befähigen und hier stehen sozio-emotionale Kompetenzen und die Sprache an vorderster Stelle.

Zur Begrüßung unterstrich Dr. Stefan Luther aus dem Bildungsministerium, dass Kinder ein Recht auf „beste Bildungs- und Teilhabechancen von Anfang an“ haben müssten. Hier spiele insbesondere die Sprachbildung und -förderung eine zentrale Rolle und dabei sei auf Erkenntnisse der BiSS-Initiative und des BRISE-Projektes zurückzugreifen. Im Rahmen des Qualitätsentwicklungsgesetzes sollten auch flächendeckende Sprachstandserhebungen etabliert und ein besonderer Fokus auf die Kinder in herausfordernden Lebenslagen geworfen werden. Zugleich versicherte er: „Wir wollen die KiTa nicht verschulen, keine Sorge!“

In seinem Auftaktvortrag konstatierte der frühere Hamburger Bildungssenator Ties Rabe eine tiefgreifende Bildungskrise in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern. Er führte dies insbesondere auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie und auf Veränderungen in den Familien zurück, die noch immer der entscheidende Faktor für den Lernerfolg der Kinder seien: So gebe es immer mehr Kinder aus bildungsfernen Familien, in denen wenig gelesen und vorgelesen sowie wenig miteinander kommuniziert und gespielt werde. In 25 Prozent der Familien würde heute zudem zuhause kein Deutsch gesprochen. Studien hätte gezeigt, dass Kinder, deren Eltern im Ausland geboren sind, bis zu 3 Schuljahre zurückliegen und sogar bis zu 5, wenn die Kinder selbst im Ausland geboren sind. Ein weiterer Faktor für die Bildungskrise sei die umfassende Digitalisierung und zunehmende Mediennutzung schon bei kleinen Kindern.
Ties Rabe unterstrich: „Die Weichen für das Leben werden vor der Schulzeit gelegt.“ Deutlich sei dabei aber ein „Matthäus-Effekt“ zu beobachten: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Besorgniserregend sei dabei, dass Kinder aus bildungsfernen Familien eine deutlich geringere Quote beim KiTa-Besuch haben. So gehe die Schere schon in frühen Jahren auseinander und soziale Bildungsungleichheit werde verfestigt. Die demographische Wende sah er als Chance, um nun auch verstärkt Kinder aus bildungsfernen Familien in die KiTas zu bekommen.
Ties Rabe forderte, die KiTa weiter als Bildungseinrichtung zu entwickeln und näher zu definieren, was Kinder konkret können sollen und was Fachkräfte dafür konkret tun sollen. Im ganzheitlichen Bildungsansatz der KiTa würden sprachliche und mathematische Grundfähigkeiten neben der sozio-emotionalen Entwicklung, Bewegung oder Kulturellen Bildung oft vernachlässigt. Als das Allerwichtigste markierte der Bildungsexperte die Haltung und die Beziehungsgestaltung der Fachkräfte mit den Kindern. Dabei könne es allerdings nicht auf die alleinige Selbstbestimmung der Kinder hinauslaufen, sondern es gelte auch „anzuspornen, herauszufordern und zu unterstützen.“
Im Hinblick auf den Übergang in die Grundschule kritisierte er das häufige „Silodenken“ beider Institutionen und unterstrich zugleich, dass KiTa keine Vorläufereinrichtung für Schule sei. Dennoch müssten Sprachstände durch systematische Beobachtung und Dokumentation frühzeitig erhoben werden, um auch gezielt fördern zu können. Die (deutsche) Sprache sei eine entscheidende Voraussetzung für Teilhabe und damit auch für das Wohlbefinden der Kinder.

In einem sich an den Vortrag anschließenden Talk betonte Stefan Spieker, Vorstandsvorsitzender von Fröbel e.V., dass in der KiTa keine Vorläuferfähigkeiten für die Grundschule vermittelt, sondern Weichen für die gesamte Bildungsbiographie gestellt würden. Auch er unterstrich, dass die jetzige und spätere Teilhabefähigkeit von Kindern stark von den Basiskompetenzen abhänge und diese daher in der KiTa besonders gefördert werden sollten. Und im Hinblick auf den Übergang sagte er: „Wenn Fröbel Grundschulen bauen würde, dann nach dem KiTa-Konzept.“
Wie kann der Übergang von der KiTa in die Grundschule bruchlos gelingen und was müssen die jeweiligen Institutionen dafür tun? Diese Frage stand im Zentrum eines moderierten (Streit-) Gesprächs zwischen Prof. Dr. Yvonne Anders von der Universität Bamberg und Prof. Dr. Peter Cloos von der Universität Hildesheim. Einleitend wies auch Yvonne Anders wie schon zuvor Ties Rabe darauf hin, dass wir ein echtes Bildungsproblem haben und die Unterschiede schon vor dem Schuleintritt vorhanden seien. „KiTas“, so die Wissenschaftlerin, „haben ein ungeheures Bildungspotenzial, das aber noch nicht voll ausgeschöpft wird“. Notwendig seien zusätzliche individuelle Fördermaßnahmen und eine Abstimmung der Curricula zwischen KiTa und Grundschule.

Peter Cloos wies auf den im SGB VIII umfassenden und ganzheitlichen Bildungsauftrag der KiTas hin. Über die Basiskompetenzen hinaus müssten hier auch Zukunftskompetenzen wie Demokratie oder nachhaltige Entwicklung vermittelt werden. Der weite und eigenständige Bildungsauftrag der KiTas dürfe nicht verkürzt werden. Der Übergang in die Grundschule sei eine Gemeinschaftsaufgabe und es brauche einen stetigen Dialog zwischen den Systemen. Mit systemischen Blick forderte er auch eine bessere Verankerung der KiTas im Sozialraum, die KiTa-Sozialarbeit und die Weiterentwicklung von KiTas zu Familienzentren.
Eine Kompromisslösung deutete sich dann bei dem Gegensatzpaar der alltagsintegrierten oder additiven Förderung an: Im Idealfall, so Yvonne Anders, würden additive Maßnahmen in den Alltag integriert, z.B. beim dialogischen Lesen in Kleingruppen. Sie unterstrich aber zugleich die Notwendigkeit von regelmäßigen Entwicklungsstandverfahren, um daraus frühzeitig zusätzliche Förderung ableiten zu können. Peter Cloos forderte abschließend eine „adaptive statt standardisierte Bildung“.

In einem weiteren Vortrag betrachtete Prof. Dr. Timm Albers von der Universität Paderborn den Übergang aus inklusiver Perspektive und so lautete seine Frage auch: Wie kann sich das System an die immer heterogeneren Bedarfe der Kinder anpassen? Er plädierte für eine gemeinsame Orientierung und Verzahnung der Systeme KiTa, Grundschule und Familie und führte dafür dass „Sprachbrücken“-Modellprojekt mit einer durchgängigen Sprachbildung und gegenseitigen Hospitationen an. Als zentrale Gelingensbedingung habe sich dabei eine externe Prozessbegleitung gezeigt. Wichtig seien in der KiTa eine kontinuierliche Beobachtung und Dokumentation des (sprachlichen) Entwicklungsverlaufs und dafür brauche es von den Ländern aber „Orientierung im Dschungel der Verfahren“.
In einem weiteren Talk wies Niels Espenhorst vom Paritätischen Gesamtverband darauf hin, dass KiTas „aktuell unter hohem Druck stehen“ und häufig einfach die Zeit fehle, um die vorhandenen Instrumente systematisch einzusetzen. Er forderte daher, in der aktuellen Debatte weniger auf das einzelne Kind und die einzelne Fachkraft zu schauen, sondern auf die Verbesserung des KiTa-Gesamtsystems und der Rahmenbedingungen.

Den Blick auf die Gesellschaft als Ganzes weitete schließlich aus Sicht eines Eltenvertreters der Bildungsblogger Marco Fechner Er musste konstatieren, dass Kinder und Kindheiten in dieser Gesellschaft keine Lobby und keine Freiräume mehr haben. Mit Augenzwinkern und Humor beschrieb er auch das Verhältnis von KiTa und Grundschule auch als das eines zerstrittenen (Ehe-) Paars, das nicht mehr miteinander redet oder sich nur noch Vorwürfe macht. In der Konsequenz scheint da eine Paartherapie unausweichlich, um den Übergang so zu gestalten, dass Kinder nicht darunter leiden und ihre Zukunft gefährdet wird….
Text: Karsten Herrmann
Bilder: Fröbel e.V. / Bettina Straub