Im Netzwerk »Pädagog:innen gegen Rechts« (eine Website ist in Vorbereitung) positionieren sich Akteur:innen im (sozial-)pädagogischen Arbeitsfeld für die Verteidigung der Werte einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung und gegen jede Form von rechtspopulistischem, rechtsextremem und faschistischem Gedankengut. Warum das heute dringender denn je ist, beschreibt dieser Beitrag.
Seit einiger Zeit verschärft sich der Wind in Politik und Gesellschaft. Und auch in der Pädagogik wird deutlich, dass in Büchern und Artikeln zunehmend eine demokratisch geprägte, humanistische Pädagogik in Frage gestellt und als Ursache einer »verweichlichten, leistungsschwachen« Generation verantwortlich gemacht wird. Schnell wurde im Austausch mit Kolleg:innen klar: Es geht nicht um die bislang geläufigen Missverständnisse über Partizipation oder Bedürfnisorientierung, sondern um Grundhaltungen, die entscheidend dafür sind, ob unsere Gesellschaft demokratisch bleibt oder in autoritäre Denkmuster zurückfällt.
Seit vielen Jahren gibt es warnende Stimmen, doch die geäußerten Bedenken wurden und werden auch weiterhin nicht selten als übertrieben abgetan. Die aktuellen Ereignisse weltweit bestätigen, dass sie eher untertrieben sind. Dass eine in Teilen rechtsextrem eingestufte Partei auf der Didacta ausstellen durfte – ausgerechnet bei einer Messe unter dem Motto »Demokratie braucht Bildung« – ist ein Warnsignal. Die Proteste zeigten immerhin, dass ein Problembewusstsein wächst. Während wir Kinder zu selbstbewussten, empathischen Menschen erziehen, sickern vermehrt rechtsideologische Narrative in den öffentlichen Diskurs. Begriffe wie Inklusion, Diversität oder Demokratiebildung werden umgedeutet: zu »Zwang«, »Wahnidee« oder »Indoktrination«. Partizipation wird als Bedrohung, Bedürfnisorientierung als Ursache gesellschaftlicher Schwäche dargestellt. Fachkräfte müssen eine über Jahrzehnte entwickelte, wissenschaftlich fundierte Pädagogik rechtfertigen.
Rechte Einflussnahme kommt heute selten in Bomberjacken daher, sondern subtil – über Eltern, die sich über Bücher zur Vielfalt beschweren oder über sexualpädagogische Konzepte empören. Fachkräfte berichten von Anfeindungen, wenn sie Kinderrechte thematisieren oder sich für Vielfalt stark machen. Schlagworte wie »Kinderschutz«, »El-ternrecht« oder »Normalität« dienen zur Verbreitung ideologischer Inhalte. So tarnt sich rechte Propaganda etwa als vermeintlicher »Kinderschutzkongress«, der Ängste vor Frühsexualisierung oder Impfungen schürt – mit Referent:innen, die fragwürdige fachliche Kompetenz mitbringen.
Die »Neuen Rechten« spielen gezielt mit den Sorgen von Familien, denen das Wohl ihrer Kinder wichtig ist. Doch ihr Interesse gilt nicht dem Kindeswohl, sondern der Verhinderung jeder Entwicklung zu kritisch denkenden, selbstständigen Menschen. Ihr Ziel ist eine autoritäre Gesellschaft, in der Kinder gehorchen, Frauen auf das Heim reduziert werden und alles Nicht-Normative ausgegrenzt wird.
Und auch die aktuelle Regierung trägt zur rechtskonservativ geprägten Haltung bei, die nicht davor zurückscheut, gegen Menschenrechte und Grundgesetz zu verstoßen. Das alles ist Wasser auf den Mühlen von Rückwärtsorientierung und Autokratie.
Deshalb wurde das Netzwerk »Pädagog:innen gegen Rechts« von Menschen gegründet, denen es darum geht, Problembewusstsein zu schaffen, rechte Narrative aufzudecken und Träger wie Fachkräfte zur Entwicklung umfassender Schutzstrukturen anzuregen. Jede Einrichtung soll ein sicherer Ort für alle Kinder, Jugendlichen und Familien sein – unabhängig ihrer Identitätsmerkmale und Familienkulturen. Fachkräfte, die sich für Demokratie und Vielfalt einset-zen, werden zunehmend selbst Ziel von Angriffen. Es reicht nicht mehr, einfach nur »gute Pädagogik« zu machen. Wir müssen vorbereitet sein: auf Beschwerden, gezielte Kampagnen, Elternabende mit rechten Provokationen und die bewusste Verunsicherung durch gezielt gekaperte Themen.
Aus einer Kita wurde berichtet, dass bei einem Kinderschutzfall nicht das Kind, sondern die Einrichtung ins Visier geriet – durch eine Anwältin aus der Reichsbürgerszene. Mitarbeitende wurden bedroht und fotografiert, ein Hausverbot musste ausgesprochen werden. In einer anderen Einrichtung verbreitete eine Leitungsperson rechtsideologische Inhalte. Was tun? Welche arbeitsrechtlichen Maßnahmen sind möglich? Wie lässt sich rechtsextremen Einflüssen vorbeugen? Solche Fälle sind keine Einzelfälle mehr. Es braucht klare Strukturen, Schutzkonzepte und eine öffentliche Debatte darüber, wie Kitas dem Rechtsruck begegnen.
Was also tun? Nicht schweigen. Nicht einknicken. Sich weiterbilden, vernetzen, Haltung zeigen. Pädagogik ist nie neutral – sie dient entweder der Demokratie oder deren Unterdrückung. Jede Einrichtung sollte klare Positionen formulieren und sich durch Schutzstrukturen wappnen. Diese müssen Fragen beantworten wie: Wofür stehen wir? Wie gehen wir mit diskriminierenden Äußerungen um? Was tun wir bei rechten Angriffen? Und: Welche Konsequenzen drohen Mitarbeitenden, die rechtsextreme Inhalte verbreiten? Neben Konzepten braucht es vor allem eins: Menschen, die sich verbünden und ins Handeln kommen. Denn es geht nicht um Theorie, sondern um die Frage, in welcher Gesellschaft unsere Kinder aufwachsen sollen.
Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus
Betrifft Kinder 09/10-2025, S. 16-17