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Von der Ohnmacht zur Selbstwirksamkeit

Veröffentlicht:
27. Juni 2025

Auf eine fesselnde Spurensuche rund um herausfordernde Situationen im KiTa-Alltag nahm Prof. Dr. Holger Jessel im Rahmen der kostenlosen nifbe-Veranstaltungsreihe „Der geht mir dann über Tische und Bänke!“ die rund 750 Teilnehmer*innen mit. Ein besonderer Fokus lag dabei auch auf den großen Potenzialen der Bewegung und der Psychomotorik, aber auch auf der existentiellen Frage nach einem gelingenden Leben. Moderiert wurde der Vortrag von nifbe-Referent Peter Keßel.

Gleich zu Begin stellte Holger Jessel klar, dass in seinem Vortrag keine vorgefertigten Lösungen und Rezepte für den Umgang mit als herausfordernd wahrgenommenen Verhalten zu erwarten seien. Vielmehr gehe es erst einmal um Fragen, denn „Fragen treiben uns an, nicht Antworten!“ So lud er die Teilnehmer*innen zur kurzen und später im Team idealerweise noch zu vertiefenden Reflexion folgender Fragen ein:

  • Was fordert mich wann und wie heraus und wann fühle ich mich ohnmächtig?
  • Welche geglückten Prozesse gibt es im Umgang mit herausfordernden Situationen?
  • Welche Kompetenzen und Ressourcen benötige ich dafür?

Resonanz als zentraler Faktor

Nach diesem Einstieg stellte der Professor für Psychomotorik und Gewaltprävention an der Hochschule Darmstadt die große Frage nach einem gelingenden Leben und was dafür notwendig ist. Mit Hartmut Rosa zeigte er als zentralen Faktor das Resonanzerleben auf vier verschiedenen Ebenen auf:

  • Soziale Resonanz (von Menschen)
  • Materielle Resonanz (von Dingen)
  • Existenzielle Resonanz (Antwortbeziehungen mit dem Weltganzen)
  • Selbst-Resonanz (Kontakt mit uns selbst)

„Glück, Zufriedenheit und Gesundheit“, so Holger Jessel, „sind insbesondere von herzlichen Beziehungen aller Art“ und von einem „sinngeleiteten und prosozialem Leben“ abhängig. Dabei komme es auf eine Kohärenz im Ganzen an, also darauf, „mit sich im Reinen zu sein“.

Anhand einer Fallvignette – „Ein Baustein fliegt durch die Luft“ – führte er den Teilnehmer*innen eine herausfordernde Situation im KiTa-Alltag eindringlich vor Augen. In einer ersten Variante wurde deutlich, dass die Fachkraft in diesem Konflikt nicht bedürfnis- und ressourcenorientiert und damit auch nicht professionell agierte.

Grundsätzlich stellte Holger Jessel klar, dass unsere Weltsicht immer konstruiert und subjektiv sei. Und so würde auch herausforderndes Verhalten von Kindern immer subjektiv wahrgenommen und interpretiert. Eine herausfordernde Situation sei aber immer auch „Ausdruck eines gestörten Entwicklungs- und Beziehungsverhältnisses“ oder einer Störung im System und seitens des Kindes oftmals der „kontraproduktive Versuch, ein verloren gegangenes Gleichgewicht wiederherzustellen.“ In diesem Sinne machten Störungen und Konflikte auch immer Sinn, denn „sonst würden sie nicht stattfinden.“ Sie seien dabei sowohl Herausforderung wie auch Chance und müssten „immer mehrperspektivisch und im Kontext“ betrachtet werden: Wer fühlt sich in einer solchen Situation wie und wodurch herausgefordert?

Grundbedürfnisse müssen befriedigt sein

Anhand der Selbstbestimmungs- bzw. Motivationstheorie von Deci & Ryan verdeutlichte er, dass in einer herausfordernden Situation immer ein (nicht erfülltes) Bedürfnis steht. Grundlegende psychische Bedürfnisse sind nach dieser Theorie:

  • Kompetenz-Erleben
  • Autonomie-Erleben
  • Soziale Eingebundenheit

Wenn diese psychischen Grundbedürfnisse befriedigt sind, so Holger Jessel, resultiere daraus in der Regel auch ein kooperatives Verhalten.

In der Folge führte er anhand von Videobeispielen aus, welche Potenzial die Bewegung und psychomotorische Ansätze für die Befriedigung dieser Grundbedürfnisse im KiTa-Alltag haben. Bewegungssituationen ermöglichten in einem breiten Spektrum die Förderung der exekutiven Funktionen wie zielgerichtetes Verhalten und Selbstkontrolle sowie die Stärkung des kindlichen Selbstkonzepts: „Ich kann das! Ich schaffe das!“ Psychomotorische Ansätze ermöglichten dabei eine ganzheitliche Entwicklungsbegleitung und ein dialogisches leibliches Resonanzerleben, eine „tonische Empathie“.

Der systemische Blick und die professionelle Haltung

Gerahmt wurden die psychomotorischen Ansätze von Holger Jessel durch den systemischen Ansatz, mit dem Kinder immer im Kontext ihrer Familien und Lebenswelt gesehen werden und jede Sichtweise als subjektiv und auch veränderbar angesehen wird. Dabei gehe es „nicht um richtig oder falsch, sondern um Passung“ sowie eine konsequente Ressourcen- und Lösungsorientierung. Ziel sei das „Herstellen und Aufrechterhalten von konstruktiven Arbeitsbeziehungen“ und dafür sei es zuweilen auch notwendig,  „Konfliktmuster zu unterbrechen, zu irritieren und zu re-framen“.

Im Rekurs auf Forschungsergebnisse aus dem nifbe (zum Fachbeitrag) zeigte Holger Jessel abschließend auf, was eine professionelle Haltung ausmacht und wie eine entsprechende Reaktion auf die ersten Fallvignette mit den fliegenden Bausteinen ausgesehen hätte. Als Basis einer professionellen Haltung markierte er einen „guten Zugang zu sich selbst“ und unterschied des Weiteren eine „emotionale Erstreaktion“ und eine „professionelle reflektierte Zweitreaktion“. Hierbei komme es darauf an sozusagen einmal kurz Luft zu holen, die Situation zu reflektieren und ressourcen- und bedürfnisorientierte Handlungsmöglichkeiten zu eruieren. So könne es im KiTa-Alltag gelingen, „von der Ohnmacht in die Selbstwirksamkeit“ zu kommen.

Karsten Herrmann

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"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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