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Mit Wut und Emotionen bedürfnisorientiert umgehen

Veröffentlicht:
21. August 2025

Unsere Bedürfnisse sind die Grundlage unseres gesamten Verhaltens – und um das Verhalten zu verstehen, muss man die dahinterliegenden Bedürfnisse erkennen. Diese Grunderkenntnis stand im Mittelpunkt des frühzeitig ausgebuchten Vortrags „Wut verstehen – Bedürfnisse erkennen“ von Kathrin Hohmann, in dem sie zugleich die Eckpunkte einer bedürfnisorientierten Pädagogik aufzeigte. Der Vortrag fand im Rahmen der kostenlosen nifbe-Vortragsreihe „Der geht mir dann über Tische und Bänke“ statt und wurde von nifbe-Referent Peter Keßel moderiert.

Die als Autorin, nifbe-Podcasterin und Weiterbildnerin bekannte Kathrin Hohmann stieg in ihren Vortrag mit einem Fallbeispiel ein: der dreijährige Luis kommt offenbar etwas müde und traurig in die KiTa und setzt sich alleine in die Bauecke. Als andere Kinder dazukommen geht er sie sogleich körperlich an und zieht einem anderen Jungen heftig an den Haaren. Einfühlsam schilderte die derzeit promovierende Kindheitspädagogin eine mögliche Überforderung der Fachkraft in dieser Situation und ihr Schwanken zwischen einer emotionalen Überreaktion auf der einen Seite und dem Wunsch, den Grund für das Verhalten zu verstehen auf der anderen Seite. An dieser Stelle brachte sie auch eine auf Viktor Frankl zurückgehende philosophische Erkenntnis mit weitreichenden Implikationen ein: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt die Freiheit“ – denn in diesem Raum können wir bewusst entscheiden, wie wir reagieren wollen und uns damit Freiheit und persönliches Wachstum ermöglichen.

In einem zweiten Schritt führte Kathrin Hohmann die über 800 Teilnehmer*innen in „die große Welt der Emotionen“, worunter die Wut eine wichtige und kraftvolle, aber häufig auch noch tabuisierte sei. Doch Wut sei ein „Achtungs-Signal“ und „Ausdruck einer inneren Not“ und rufe nach empathischer Begleitung und Ko-Regulation statt nach Sanktionen.

Das Eisbergmodell

Mit der Symbolik des Eisberges und des Tiefseetauchens zeigte sie auf, dass das konkrete Verhalten eines Kindes oder auch Erwachsenen nur die Spitze des Eisberges sei. Unter der Wasseroberfläche kämen dann die Gefühle und  Bedürfnisse sowie ihre Auslöser und Ursachen zum Vorschein. Verhalten sei  das „Endprodukt komplexer innerer Prozesse und Reaktionsketten“. Dies gelte es für die pädagogische Fachkraft ebenso zu reflektieren wie auch die eigene Wahrnehmung, die wiederum von eigenen Emotionen und Erfahrungen sowie biographischen Hintergründen eingefärbt sei.

An dieser Stelle umriss Kathrin Hohmann auch die Grundzüge einer maßgeblich von ihr und Lea Wedewardt entwickelten „Bedürfnisorientieren Pädagogik“. Diese bedeute, dass „alle Beteiligten mit ihren Gefühlen, Grenzen und Bedürfnissen gesehen und respektiert werden. Im gleichwürdige Aushandlungsprozess werden Bedürfnisse einander gegenübergestellt, abgewogen und den Gefühlen wird Raum geschenkt.“ Zentrale Fragen seien hier:

  • „Was fühlst du und was fühle ich?“
  • „Was brauchst du und was brauche ich?“
  • „Was willst du (nicht) und was will ich (nicht)?“

Im Hinblick auf das als herausfordernd wahrgenommene Verhalten eines Kindes biete es sich in diesem Sinne an, Hypothesen über die zugrundeliegenden Gefühle und Bedürfnisse zu bilden und damit empathisch in den Dialog zu gehen: „Wenn das Bedürfnis des Kindes von einem Erwachsenen gesehen ist“, so Kathrin Hohmann, „ist es auch schon halb erfüllt“. Als seelische Grundbedürfnisse führte sie folgende an:

  • Bindung, Beziehung und Sicherheit
  • Autonomie
  • Orientierung
  • Selbstwert(steigerung)
  • Lustgewinn / Unlustvermeidung

Verstehensorientierter Ansatz

Im Sinne des verstehensorientierten Ansatzes und des „Konzept des guten Grundes“ unterstrich Kathrin Hohmann: „Wenn wir Verhalten verändern wollen, müssen wir die dahinter liegenden Bedürfnisse erkennen“ – und das gelte ganz besonders bei traumatisierten Kindern. Notwendig sei hier ein grundlegender Perspektivwechsel: „Wir sollten uns als Fachkraft vom kindlichen Verhalten nicht angegriffen oder provoziert fühlen, sondern die dahinterliegenden Botschaft verstehen wollen.“ Dafür sei es sinnvoll vor einer emotionalen Erstreaktion sozusagen die „Pause-Taste“ zu drücken, tief durchzuatmen und durch „bewusste Wahrnehmung und Reflexion“ zu einer professionellen Zweitreaktion zu kommen, mit der wir uns auf den Weg des Verstehens begeben. Und, so pointierte Kathrin Hohmann zum Abschluss ihres Vortrages: „Verständnis führt zu Mitgefühl“ – und in der Folge dann zu einer bedürfnisorientierten Haltung.

Karsten Herrmann

Niedersächsisches Institut
für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
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E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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