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Verletzendes Verhalten in der KiTa: Erschreckende Einblicke

Veröffentlicht:
13. März 2026

Welche Facetten des verletzenden Verhaltens in der KiTa gibt es und wie häufig kommen sie vor? Und wie geht man mit dem verletzenden Verhalten um und begegnet ihm auch schon präventiv? Diese Fragen standen im Fokus einer gemeinsamen Tagung von nifbe und ver.di auf der didacta in Köln unter dem Titel „Verletzendes Verhalten in der KiTa – aber nicht bei uns!?“ Wie nifbe-Moderatorin Gerlinde Schmidt-Hood zur Begrüßung unterstrich, sollte die Tagung auch einen Beitrag dazu leisten, ein „Tabuthema“ offen miteinander zu diskutieren.

Zum Auftakt präsentierten Dr. Elke Alsago, Fachgruppenleiterin bei ver.di, und Prof. Dr. Nikolaus Meyer von der FH Fulda erschütternde Ergebnisse aus ihrer AVASA-Studie (Arbeitsbedingungen und verletzendes Verhalten im Alltag der Sozialen Arbeit). Deutlich wurde hier, dass Gewalt in der KiTa kein bedauerliches Einzelphänomen ist, das immer mal wieder mit großen Schlagzeilen in der Presse landet, sondern strukturell verankert und verursacht ist. In der Studie wurden fünf Formen von Gewalt in den Blick genommen – und zwar nicht nur von Fachkräften gegenüber Kindern, sondern auch die bisher unterbelichteten Phänomene der Gewalt unter Kindern, der Gewalt von Kindern oder Eltern in Richtung Fachkräfte sowie die Gewalt im Team. Die Studie mit einer Sonderauswertung zum KiTa-Bereich zeigte, dass fast zwei Drittel der Fachkräfte im Team psychische Gewalt erfahren oder beobachten und über 15 Prozent sogar physische Gewalt. Ebenfalls fast zwei Drittel berichteten von psychischer Gewalt von Beschäftigten gegenüber den Adressat*innen und knapp 27 Prozent sogar von entsprechender physischer Gewalt.

Strukturelle Ursachen von Gewalt

Wie Elke Alsago und Nikolaus Meyer aufzeigten, hängen dabei alle Gewaltformen zusammen und „dort, wo einmal nicht interveniert und weggeschaut wird, öffnet sich ein Raum für weitere Gewalt“. Wie die Studie deutlich macht, hat Gewalt in der KiTa auch und vor allen Dingen strukturelle Ursachen und an erster Stelle steht hier eine stetige Überlastung und Überforderung der Fachkräfte. Wie auch im von Elke Alsago zitierten Kita-Krisenbuch von ver.di deutlich wird, zeigen sich Fachkräfte zerrissen zwischen den eigenen Ansprüchen und dem, was in der häufig von Personalmangel geprägten Realität möglich ist. So können Fachkräfte nicht gleichzeitig alle Anforderungen in einer KiTa-Gruppe erfüllen, wenn an mehreren Stellen Streit ausbricht oder Trost notwendig ist – und in der Folge kann sich eine Eskalationsspirale voller gegenseitiger Verletzungen in Gang setzen.

Elke Alsago und Nikolaus Meyer empfahlen den teilnehmenden Fachberatungen, KiTa-Leitungen und Trägervertreter*innen dringend, den Personalmangel als Risikofaktor mit in das Schutzkonzept aufzunehmen. Zudem müssten Fachkräfte besser darüber Bescheid wissen, was im Schutzkonzept steht und wie sie verfahren müssen, „wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.“

Als weitere Faktoren, die neben Personalmangel und Überlastung ein Klima der Gewalt in der KiTa befördern, führten die Referent*innen folgende an:

  • Hierarchische Strukturen
  • Negatives Arbeitsklima / keine offenes Meinungsklima
  • Fehlende Prävention
  • Unzureichende Partizipation

In Bezug auf Adorno sprach Nikolaus Meyer von einer „neuen pädagogischen Kälte“ in den überforderten KiTas, die durch die „Diskrepanz zwischen dem, was ist und dem, was sein soll“ sowie einem neuen „Trend zur technokratischen Steuerung“ entstehe. Verbunden damit sei ein „hohes Burn Out-Risiko“ für Fachkräfte oder auch ein Abrücken von den eigenen pädagogischen Ansprüchen.

Als wichtige Ansatzpunkte gegen Gewalt in KiTas führte das Referent*innen-Duo folgende Aspekte auf:

  • Unterstützendes Leitungshandeln
  • Offene Fehler- und Kommunikationskultur
  • Solidarisches Teamklima
  • Funktionierende Beschwerdeverfahren
  • Gelebte Partizipation zwischen Fachkräften und Kindern

Für jede einzelne Fachkraft sei es letztlich entscheidend, „die eigenen Grenzen zu kennen und auch signalisieren zu können“ – im Team, aber beispielsweise auch durch eine Gefahrenanzeige gegenüber dem Träger.

Prof. Dr. Regina Remsperger-Kehm zeigte in einen zweiten Fachvortrag zunächst auf, was verletzendes Verhalten bei den Beteiligten auslöst. Ab 2019 hatte sie quasi auf einen Hilferuf aus der Praxis heraus zusammen mit Prof. Dr. Astrid Boll ein qualitatives Forschungsprojekt zum verletzenden Verhalten in der KiTa begonnen und war auf eine „unglaubliche Resonanz“ gestoßen. Dabei hätten sich drei Formen der Gewalt herauskristallisiert, nämlich „Mikrogewalt“, „Makrogewalt“ und „Spiralgewalt“. Grundsätzlich, so Regina Remsperger-Kehm, sei Gewalt in der KiTa ein emotional hoch aufgeladenes Phänomen mit vielen Graubereichen und Zwischentönen. Es könne schon im ganz Kleinen anfangen und „viele Vorstufen bis zu einem eindeutig roten Bereich haben“.

Wie die Teilnehmer*innen ihrer Studie eindringlich aufzeigten, geht verletzendes Verhalten in der KiTa auch bei den beobachtenden Fachkräften mit „Beklemmung, Scham, Angst, Schock oder Ohnmacht“ einher und es folge eine „ schwierige Gratwanderung zwischen Schweigen und Handeln“.

Grundbedürfnisse erfüllen

Als Ursachen von Gewalt identifizierte Regina Remsperger-Kehm einerseits persönliche und berufsbiographische und andererseits auch strukturelle Faktoren. Häufig seien Stress und Überforderung der Fachkräfte Auslöser von verletzendem Verhalten gegenüber Kindern – oder aber auch eine falsche Prioritätensetzung, bei der nicht die Bedürfnisse der Kinder, sondern die reibungslosen Abläufe im KiTa-Alltag im Vordergrund stehen. Würden die Bedürfnisse der Kinder (dauerhaft) nicht erfüllt, käme es zu konfliktträchtigen externalisierenden oder auch internalisierenden Verhaltensweisen.

Zur Vergegenwärtigung skizzierte die Sozialpädagogin und Erziehungswissenschaftlerin den Tagungs-Teilnehmer*innen noch einmal die zentralen Grundbedürfnisse der Kinder:

  • Bindung und feinfühlige Beziehungen
  • Weltaneignung und Exploration
  • Orientierung und Kontrolle
  • Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
  • Lustgewinn und Unlustvermeidung

Feinfühlig antworten

Regina Remsperger-Kehm plädierte für einen entsprechenden Perspektivwechsel „sowohl im Hinblick auf Kinder wie auch die Kolleg*innen“. Entscheidend sei eine „Sensitive Responsivität“, mit der die Signale und Bedürfnisse des Gegenübers wahrgenommen und feinfühlig beantwortet werden können. Als Instrument für eine entsprechende Professionalisierung und Weiterentwicklung der Haltung stellte sie auch den „Kreislauf des feinfühligen Antwortverhaltens“ und ein selbst entwickeltes Kartenset vor. Wichtig sei es dabei, auch immer „die eigene Anspannung zu reflektieren und zu regulieren“ und im Team „eine Kultur der gegenseitigen Rückmeldung und Unterstützung“ zu etablieren – bis hin zu einem verabredeten „Stopp-Signal“ oder Codewort in einer eskalierenden Situation.

Nach den wissenschaftlichen Inputs und konkreten Ansätzen zur Vermeidung von verletzenden Verhalten in der KiTa arbeiteten die Teilnehmer*innen des Fachtags in Kleingruppen zusammen, um zu diskutieren, worauf es aus ihrer Sicht ankommt und von wem sie noch Unterstützung benötigen. Klar wurde dabei, dass das ganze System in der Verantwortung ist, um verletzendes Verhalten in der KiTa zu vermeiden – von der Politik, die für bessere Rahmenbedingungen zu sorgen hat, über den Träger und die Unterstützungssysteme wie Aus- und Weiterbildung, Fachberatung und Supervision bis hin zur zentralen Aufgabe der Leitung eine fehlerfreundliche, offene und partizipative Teamkultur zu entwickeln, in der die Bedürfnisse des Kindes an erster Stelle stehen.

Karsten Herrmann

Niedersächsisches Institut
für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
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Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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