Sozio-emotionale Grundkompetenzen, aber auch sprachliche und mathematische Bildung sind in den letzten Jahren stark in den Fokus der Bildungsdebatte geraten und gelten als Voraussetzung für eine gelingende Bildungsbiographie. Wie KiTas diese Fähigkeiten noch gezielter und systematischer fördern können, zeigt ein neues Rahmenmodell, das UNICEF im Auftrag des Niedersächsischen Kultusministeriums entwickelt hat. Die Ergebnisse des durch die Europäische Union geförderten Projekts wurden jetzt bei einer Abschlussveranstaltung in Hannover vorgestellt. Wie Moderatorin Inge Michels einleitend anmerkte, können die Projektergebnisse „Impulsgeber für einen umfangreichen Reformprozess sein“ und möglicherweise sogar einen „Paradigmenwechsel“ in der frühkindlichen Bildung einleiten.
Das zentrale Projektergebnis ist ein praxisnahes Rahmenmodell zur Stärkung der pädagogischen Qualität in der elementaren Bildung. Es zeigt auf, wie pädagogische Fachkräfte Lern- und Bildungsumgebungen im Kita-Alltag bewusst gestalten können, um alle Kinder wirksam beim Erwerb sprachlicher, mathematischer und sozial-emotionaler Kompetenzen zu unterstützen. Das Rahmenmodell unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, Kinder im Kita-Alltag noch gezielter beim Lernen und in ihrer Entwicklung zu begleiten. Gleichzeitig hilft es ihnen, die eigene pädagogische Arbeit regelmäßig zu reflektieren und weiterzuentwickeln. So soll das Modell dazu beitragen, die Qualität der frühkindlichen Bildung nachhaltig zu stärken und Kindern von Anfang an gute Chancen für ihren weiteren Bildungsweg zu eröffnen.

Zur Begrüßung unterstrich Dr. Dag Danzglock, der die wegen einer dringlichen VW Aufsichtsratsitzung verhinderte Kultus-Ministerin Jula Willie Hamburg vertrat, dass das Land Niedersachsen sich mit diesem Projekt frühzeitig im bundes- und europaweiten Diskurs zur frühkindlichen Bildung positionieren konnte. Das Niedersächsische Kultusministerium habe 2023 über das Technische Unterstützungsinstrument der Europäischen Union (Technical Support Instrument, TSI) erfolgreich die Finanzierung und Umsetzung des Projekts eingeworben. Das TSI sei das zentrale Instrument der Europäischen Kommission zur Unterstützung von Reformvorhaben in den Mitgliedstaaten.
Wie Dag Danzglock weiter ausführte, habe UNICEF im Auftrag der Europäischen Kommission von August 2024 bis September 2026 das Rahmenmodell zur Stärkung der pädagogischen Qualität im Elementarbereich erarbeitet. Dies sei partizipativ zusammen mit dem Kultusministerium und einem großen Beirat aus Wissenschaft, Aus- und Weiterbildung sowie Trägervertreter*innen erfolgt – in einem konstruktiven, aber durchaus auch „kontroversen Diskurs- und Annäherungsprozess.“ Für die „sehr engagierte Mitarbeit“ dankte der Abteilungsleiter im Kultusministerium allen Beteiligten ganz herzlich.

Als Initiatorin des Projektes erläuterte Dr. Monika Lütke-Entrup in der Folge noch einmal näher Ausgangpunkte und Zielrichtung des Projektes. Erkannt worden sei aufgrund des deutlich abnehmenden Kompetenzstandes von Kindern am Ende der Grundschulzeit so ein Reformbedarf auch in der KiTa. Der Blick in Nachbarländer wie Schottland und Estland habe gezeigt, dass dort eine gezieltere Förderung der Grundkompetenzen im sozio-emotionalen sowie sprachlichen und mathematischen Bereich bereits systematisch stattfinde. Ziel sei es daher gewesen, die Handlungsfähigkeit und -sicherheit der Fachkräfte in den niedersächsischen KiTas mit einem entsprechendem Rahmenmodell zu stärken.
Als Herausforderung beschrieb die Referatsleiterin im Kultusministerium die Verständigung mit UNICEF über die „unterschiedlichen Bildungsverständnisse und Begrifflichkeiten“ wie zum Beispiel das im anglo-amerikanischen Raum selbstverständliche „Outcome oriented“. Als Ausgangsbasis für die niedersächsische Elementarpädagogik beschrieb sie „die Sicherheit und das Wohlbefinden des Kindes“. Die Kompetenzförderung müsse „vom Kind und seinem Entwicklungsstand und Bedarfen her gedacht werden“. Zentral seien sei dafür die „Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit des Kindes“.
Aus einer Ist-Analyse im Projekt sei noch einmal die „stark fragmentierte Verantwortung in der niedersächsischen KiTa-Landschaft“ sowie das Fehlen von konkreten Vorgaben zur Prozessqualität oder zu Kompetenzzielen deutlich geworden. Zudem fehle es laut Analyse-Ergebnis von UNICEF in den niedersächsischen KiTas an „systematischer Planung und individuellen Lehrplänen“ und es finde nur bedingt „der Transfer von aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Praxis“ statt. Deutlich geworden sei in der Analyse auch ein „Bedarf nach Orientierung und Standards“. Mit dem Rahmenmodell, so Monika Lütke-Entrup, solle nun eine „gezielte Kompetenzentwicklung ermöglicht und zugleich die kindzentrierte und ganzheitliche Ausrichtung der frühkindlichen Bildung in Niedersachsen erhalten bleiben und weiter gestärkt werden“. Es biete dabei „Wissen über die Entwicklung und das Lernen von Kindern im Kindergartenalter“ und stärke „den Blick auf die individuellen Stärken, Interessen und Bedürfnisse jedes Kindes“. Damit würden die Fachkräfte ein konkretes Instrument erhalten, um Bildungsprozesse gezielt zu begleiten und Kinder bestmöglich in ihrer Entwicklung zu unterstützen.

Im Projektverlauf wurde die Praxistauglichkeit des Rahmenmodells bereits in 13 KiTas erprobt und im Auftrag von UNICEF von der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin (LVG & AFS) wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. In einer Talkrunde mit Dr. Moritz von Gliszsczynski von der LVG & AFS berichteten auf der Tagung Leitungs- und Fachkräfte von ihren Erfahrungen. Sie bewerteten das Instrument als „hilfreich für die Selbstüberprüfung und Selbstvergewisserung“ und sahen die Möglichkeit es „systematisch im Alltag zu integrieren“. Allerdings müssten dafür auch die entsprechenden Rahmenbedingungen und vor allen Dingen „mehr Zeit pro Kind“ „und für die Reflexion im Team“ zur Verfügung stehen. Berichtet wurde von den Praktiker*innen, dass mit dem Rahmenmodell „der Blick geweitet und verschiedene Bereiche in der KiTa neu in den Blick genommen“ wurden. Es habe sich dabei gezeigt, dass schon „kleinere Veränderungen und Anpassungen“ zu sehr positiven Effekten führen könnten. Beispiele waren hier die Raumgestaltung oder auch das (Wieder-) Entdecken von Alltagsgegenständen als wertvolles pädagogisches Spielzeug sowie das bessere Nutzen von Alltagssituationen als Lerngegenstände. Resümierend wurde festgestellt, dass das Rahmenmodell „in seiner Offenheit und Vielfalt gut an den Alltag in den KiTas andocken“ und als „Ausgangspunkt für nachhaltige Entwicklung dienen kann.“
Doch wie kann das TSI-Rahmenmodell nun in flächendeckend in die Praxis transferiert und implementiert werden? Dafür stellte einerseits Loise Philips die Empfehlungen von UNICEF und Europäischer Kommission vor.

Andererseits lotete Kultus-Staatssekretär Stephan Ertner in einer sich anschließenden Podiumsdiskussion zusammen mit Vertreter*innen des Beirats konkret die Möglichkeiten von Land, Kommunen, Trägern und KiTas aus, wie das neue Rahmenmodell in Niedersachsen verbreitet und zur weiteren Stärkung der pädagogischen Qualität im Elementarbereich beitragen könne. Er betonte eingangs: „In den ersten Lebensjahren werden die Grundlagen für erfolgreiches Lernen gelegt. Das neue Rahmenmodell unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, Kinder in Kindertageseinrichtungen noch gezielter beim Erwerb von Sprache, mathematischem Verständnis und sozialen Kompetenzen zu begleiten. Es verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse mit den Erfahrungen aus der Praxis und stärkt damit die Bildungschancen von Kindern von Anfang an.“ Zugleich stellte er aber klar, „dass damit KiTas keine Schulen werden sollen“ und es nicht um „eine Normierung oder Festlegung von Kompetenzstandards geht“. Ziel sei vielmehr „ein gemeinsames Verständnis für die bestmögliche Begleitung und Förderung“. Stephan Ertner kündigte an dieser Stelle zum nächsten KiTa-Jahr auch ein novelliertes NKiTaG an. Ziel sei dabei auch eine „Entbürokratisierung“. Mit Interesse schaue man dabei aber auch auf das geplante Startchancen und KiTa-Entwicklungsgesetz des Bundes.

Als Vertreter der Wissenschaft sah Prof. Dr. Tim Rohrmann von der HAWK Hildesheim im TSI-Rahmenmodell mit seinen „guten pädagogischen Grundprinzipien“ das Potenzial „Impulse für die Weiterentwicklung des Systems zu geben“. Er empfahl aber auch dringend, das Rahmenmodell wie beispielsweise auch die Empfehlungen des Landes zur Sprachbildung in einem „überabeiteten Bildungs- und Orientierungsplan“ zu integrieren.
Jennifer Freier, Fachberaterin im Landkreis Göttingen, sah durch das Rahmenmodell insbesondere „eine wertvolle pädagogische Grundhaltung vermittelt“ – zum Beispiel im Hinblick auf Kindzentrierung, Partizipation und Inklusion. Sie brachte die Fachberatung als zentrale Vermittlungsinstanz für das Rahmenmodell ins Spiel, um die KiTas in alle ihrer Vielfalt und ihren unterschiedlichen Ausgangspunkten damit jeweils „in die nächste Zone der Entwicklung zu bringen“.
Als Vertreterin des Landesjugendhilfeausschusses wies Martina Ernst auf die „hoch anspruchsvolle pädagogische Arbeit von Fachkräften“ hin, die eine „gute Qualifizierung“ sowie „gute Rahmenbedingungen und Ressourcen“ benötige. Auch Eltje Jahnke vom KiB e.V. betonte, dass die Implementierung des Rahmenmodells in den niedersächsischen KiTas zusätzliche Ressourcen brauche, z.B. auch für „Konsultations-KiTas“.
nifbe-Geschäftsführer Marcus Luttmer zeigte auf, dass das nifbe „mit seinen dezentralen Strukturen und der interdisziplinären Vernetzung“ ideale Voraussetzungen habe, um das TSI-Rahmenmodell landesweit in den Transfer zu bekommen – zum Beispiel mit dem bewährten Konzept von prozessbegleitenden Inhouse-Qualifizierungen. Zur Zeit werde auch ein neuer Bildungsschwerpunkt geplant, der einen entsprechenden Transfer anbahnen könne.
In diesem Sinne sah auch Stephan Ertner abschließend „das Zusammenspiel von nifbe und Fachberatung“ als eine zentrale Stellschraube für den nachhaltigen Transfer des TSI-Rahmenmodells in die niedersächsische KiTa-Landschaft. Es komme nun darauf an, wie die Haltung und Praxis in den KiTas im Sinne des Rahmenmodells weiterentwickelt und verändert werden könne, um allen Kindern bessere Startchancen zu geben.

Text: Karsten Herrmann
Fotos: UNICEF/Kai Weise
Informationen zum TSI-Projekt finden Sie auf der Homepage der Europäischen Kommission unter: https://reforms-investments.ec.europa.eu/technical-support-instrument-0/skills-education-and-training/building-framework-outcome-oriented-early-childhood-education-and-care_en
Die Dokumentation der Projektergebnisse finden Sie auf der Homepage von UNICEF unter: https://www.unicef.org/eca/reports/building-framework-outcome-oriented-early-childhood-education-and-care