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Transformationen der KiTa-Landschaft – wohin führt der Weg?

Veröffentlicht:
23. September 2026

Unter dem Titel „TRANSFORMATIONen  – KiTa im Wandel“ beleuchtete die BAG-BEK auf ihrer Herbsttagung an der EHS in Dresden die vielfältigen Herausforderungen und Umwälzungen in der frühkindlichen Bildung, aber auch in Kindheit und Familie. Insbesondere wurden dabei die Auswirkungen des demographischen Wandels sowie der bundespolitischen Gesetzesvorhaben in den Blick genommen.

Zur Begrüßung unterstrich EHS-Rektorin Prof.in Dr. Silke Geithner: „Der Wandel ist Realität und er ist komplex“.  Sie hob KiTas als vielfältigen Mikrokosmos der Gesellschaft und entscheidende „Zukunftsgestalterin“ heraus. Hier entscheide sich schon mit, „wie wir als Gesellschaft zukünftig leben wollen“.  Zahlen seien für den KiTa-Bereich wichtig, würden aber keine Antwort auf die Frage geben, wo wir hinwollen. Dafür sei ein intensiver interdisziplinärer Austausch notwendig und hier biete die BAK-BEK auch mit der Tagung an der EHS eine „wichtige Plattform“. Hieran schloss auch Prof. Ivonne Zill-Sahm als Vertreterin des Studienbereichs Kindheitspädagogik an. Sie würdigte die BAG-BEK als „offenen Diskursraum in der frühkindlichen Bildung“ und fühlte sich angesichts vieler bekannter Gesichter aus Wissenschaft und Praxis „wie auf einem Klassentreffen.“

Die BAG-BEK-Vorsitzende Prof. em. Dr. Petra Strehmel ging in ihrer Begrüßung näher auf den Begriff der Transformation als „tiefgreifende Veränderung von Strukturen“ und auf die damit einhergehenden „großen Herausforderungen für KiTas ein – vom demographischen Wandel und einer drohenden Klima-Katastrophe bis hin zu einem „veränderten gesellschaftlichen Klima“, in der die Einhaltung von Grund- und Kinderrechten nicht mehr selbstverständlich sei. Hier bräuchten die Fachkräfte in der KiTa „einen klaren Kompass“, um die KiTa weiterhin als eine Keimzelle der Demokratie und als Ort der Vielfalt zu gestalten.

Im Hauptvortrag zeigte Dr. Christiane Meiner-Teubner, Wissenschaftliche Leiterin und Geschäftsführerin des Forschungsverbund DJI/TU Dortmund, die Auswirkungen des demographischen Wandels insbesondere für Ostdeutschland auf. Sie skizzierte die Ausgangssituation, die bisherigen Auswirkungen und wagte einen Blick auf die zukünftigen Entwicklungen.

Grundsätzlich konnte die Wissenschaftlerin für den Osten eine „hohe Beteiligungsquote in der KiTa und kaum unerfüllte Platzwünsche konstatieren“. In der Krippe seien so 55 Prozent der unter drejährigen Kinder und im Kindergarten sogar 98 Prozent der drei- bis sechsjährigen Kinder. Im Verhältnis zu Westdeutschland zeichne sich der Osten auch durch lange Öffnungszeiten von durchschnittlich 6:00 – 16:30 Uhr und vergleichsweise wenige Schließtage aus. Zudem sei hier mit 86,9 Prozent ein deutlich höherer Fachkräfteanteil zu verzeichnen als im Westen mit 66,4 Prozent. Deutlich schlechter seien allerdings die Personalschlüssel mit 1:5,0 im Krippenbereich und 1:9,3 im Kindergartenbereich.

Starker Geburtenrückgang um fast ein Drittel

Im Hinblick auf die demographische Entwicklung markierte Christiane Meiner-Teubner in Ostdeutschland seit 2017 „einen starken Geburtenrückgang um 31,8 Prozent“. Bis 2035 prognostizierte sie einen weiteren Rückgang um 118.000 – 156.000 Kindern unter drei Jahren. „Wir stecken schon mitten in starken Veränderungen und diese werden noch weitergehen“ resümierte sie. Absehbar sei aber auch eine „Stabilisierung auf niedrigem Niveau.“

Wie sie weiter ausführte, zeige sich der demographische Wandel in den KiTas in Ostdeutschland seit 2020 bzw. 2023 (Brandenburg, Berlin). So sei die Zahl der KiTa-Kinder bereits um 10 Prozent gesunken – mit der Folge von rund 1.800 Gruppenschließungen. Allerdings seien erst vergleichsweise wenige KiTas geschlossen worden und es zeige sich „das Bemühen, das Bestehende so lange wir möglich zu erhalten.“

Als positive Nebeneffekte des Wandels hob die Referentin eine verbesserte Wahlfreiheit für Familien, verbesserte Zugangschancen und die Betreuung von Kindern in kleineren Settings heraus. So habe sich in den letzten Jahren insbesondere in Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen der Personalschlüssel deutlich verbessert und insgesamt konnte das vorhandene Personal in den ostdeutschen KiTas bisher weitestgehend gehalten werden – wenn auch zum Teil mit geringeren Beschäftigungsumfängen und mit der Zunahme von befristeten Verträgen. So hätten sich insbesondere auch die Perspektiven für Nachwuchskräfte verschlechtert. Als weitere Effekte des demographischen Wandels markierte sie die Reduzierung von Öffnungszeiten und eine stärkere Durchmischung der Jahrgänge in den ostdeutschen KiTas.

KiTa-System für Veränderungsprozesse fit machen

Angesichts eines weiteren Rückgangs der Kinderzahlen im Osten bis 2025 sei, so Christiane Meiner-Teubner, „bis Ende des Jahrzehnts mit weiteren Einschnitten im KiTa-Bereich zu rechnen“. Gleichzeitig ergebe sich damit die „Chance für Qualitätsverbesserungen“. Aufgabe sei es nun, das KiTa-System grundsätzlich für Veränderungsprozesse fit zu machen und dabei auch möglicherweise wieder schnell ansteigende Kinderzahlen im Blick zu behalten sowie Perspektiven für Nachwuchskräfte zu erhalten.

In einem auf den Hauptvortrag folgenden Workshop-Panel wurden verschiedene Transformations-Facetten in der frühkindlichen Bildung vorgestellt und diskutiert – so zu den Berufen in der KiTa (Prof.in Dr. Andrea G. Eckhardt und Susann Stolle), zu der in einigen Bundesländern sich stark ausweitenden KiTa-Sozialarbeit (Dr. Thomas Drößler gemeinsam mit Axel Möller) oder der Pädagogischen Diagnostik als möglicherweise alten Wein in neuen Schläuchen (Prof.in Ivonne Zill-Sahm gemeinsam mit Jessica Burkhardt).

Transformationen aus historischer Perspektive

Anknüpfend an den Hauptvortrag beleuchtete Prof. Dr. Samuel Jahreiß (DSHN, Breitenbrunn) gemeinsam mit Jens Kluge (AWO Zwickau) im Panel den demografischen Wandel und die Transformation ostdeutscher Kitas noch einmal auch aus einer historischen Perspektive. Sie stellten heraus, dass „das ostdeutsche Kita-System in den vergangenen 40 Jahren immer wieder tiefgreifende Transformationsleistungen erbringen musste“ und die in der ehemaligen DDR aufgebauten Strukturen bis heute nachwirken würden – und dass „es wichtig ist, diese Besonderheiten nicht ausschließlich als eine noch nicht vollständig abgeschlossene Anpassung an das westdeutsche Kita-System zu betrachten.“

In Bezug auf die aktuelle demographische Transformation wurde deutlich, dass es kein Patentrezept dafür gibt, wie der mittelfristig notwendige Rückbau von Gruppen und teilweise auch ganzen Kitas gestaltet werden kann. Vieles geschehe derzeit „im Doing“, ohne dass dafür bereits erprobte Vorlagen oder Konzepte existieren. Wichtig sei hier ein interdisziplinärer Austausch über die verschiedenen Ebenen des KiTa-System hinweg sowie auch ein Wahrnehmen der mit der Transformation einhergehenden Chancen wie Qualitätsentwicklung, Profilierung oder eine stärkere sozialräumliche Vernetzung. In diesem Sinne seien Veränderungen und Anpassungsprozesse schon immer Bestandteil der Entwicklung des Kita-Systems und eine Teilnehmerin brachte dies so auf den Punkt: „Der historische Rückblick war toll, weil damit noch einmal deutlich wurde, dass Transformation schon immer Bestandteil der Entwicklung war.“

Zentrale aktuelle Herausforderungen

In einer von Prof.in Yvonne Zill-Sahm und BAG-BEK-Vorstandsmitglied Prof.in Dr. Tina Friederich moderierten Podiumsdiskussion unter dem Titel „Heute schon an morgen denken!“ wurden schließlich interdisziplinär die zentralen Herausforderungen für den anstehenden Transformationsprozess diskutiert. Sabine Grohmann, in Dresden für das strategische Management von KiTas zuständig, unterstrich, dass dieser aktiv und nicht nur reaktiv gestaltet werden und schon jetzt mittelfristig bis 2040 ausgerichtet sein müsse. Dabei solle die Frage leitend sein, „was unsere Kinder in 15 Jahren für ihre Zukunft brauchen“. Xenia Roth, die in Rheinland Pfalz für viele Jahre das Referat „Grundsatzfragen der Kindertagesbetreuung“ im Ministerium für Bildung geleitet hat, warb dafür, die Zugänge zur KiTa für alle Familien zu ermöglichen und sah darin auch eine Chance des demographischen Wandels.

Im Fokus der Diskussion standen insbesondere aber auch die Perspektiven für die Nachwuchskräfte im frühkindlichen Bereich. Prof. Dr. Samuel Jahreiß (DHSN) unterstrich dabei den weiterhin „riesengroßen Bedarf an Sozialer Arbeit“ und sprach sich dafür aus, sowohl in der Kindheitspädagogik als auch in der Sozialen Arbeit noch stärker für das gesamte Praxisfeld zu qualifizieren.“ Gleichzeitig sei es wichtig, dass auch Praxiseinrichtungen, die sich in der fachschulischen Ausbildung oder im hochschulischen dualen Studium engagieren, spürbar entlastet werden.

Als Erzieher und Gewerkschafter rief Billy Berge-Kolbe dazu auf, „sich on the job weiter zu qualifizieren oder auch zu spezialisieren,“ um sich so ein breites Spektrum an möglichen Arbeitsbereichen zu erschließen. „Großes Potenzial“ sah Xenia Roth bei den Kindheitspädagog*innen – und zwar nicht nur in den KiTas selber, sondern vor allen Dingen auch in der Weiterentwicklung des gesamten Feldes.

Am zweiten Tagungs-Tag stand der Austausch in den BAG-BEK-Arbeitsgruppen im Fokus – von der Fachpolitik über die Fachberatung, die Gesundheit und den Ganztag bis zur Forschung. Hier unterstrich Prof.in Dr. Tina Friederich noch einmal die Möglichkeit der interdisziplinären Diskussion und Weiterentwicklung von fachlichen Themen auch abseits der Tagungen. Für kleinere Projekte stehen dafür auch Fördermöglichkeiten der BAG-BEK zur Verfügung.

Droht ein Paradigmenwechsel in der frühen Bildung?

In der AG Fachpolitik standen insbesondere die Entwicklungen auf der bundespolitischen Ebene mit dem Startchancen-Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) und die Strukturreform des KJHG im Fokus. BAG-BEK-Vorstandsmitglied Niels Espenhorst stellte hier die zentralen Entwicklungen und mögliche Auswirkungen auf das frühkindliche Feld vor. Konkretisiert werden solle im Rahmen des SCQEG so der Förderauftrag in Richtung sprachliche Fähigkeiten, Selbstregulation sowie Fein- und Grobmotorik im SGB VIII. Vorgesehen seien des Weiteren eine regelmäßige Beobachtung und Dokumentation sowie verpflichtende Sprachstands- und Entwicklungsstands-Tests sowie zusätzliche Personalmittel bei Förderbedarf.

Schlaglichtartig stellte Niels Espenhorst folgende kritische Fragen an den Gesetzentwurf:

  • Verengung des ganzheitlichen Bildungsverständnisses? Testen statt Beobachten?
  • Selektive Förderung statt allgemeiner Qualitätsentwicklung?
  • Pathologisierung normaler Entwicklungsvielfalt?
  • Implizite Übernahme schulischer Lehr- und Lehrmethoden?

Mit dem jetzigen Entwurf der SCQEG sah Niels Espenhorst zusammengefasst die Gefahr, dass eine „wirkungsorientierte Logik“ die bisherige „beziehungs- und prozessorientierte Logik“ ablösen könne. In diesem Sinne drohe eine einschneidender Paradigmenwechsel. (s. hierzu auch unser ausführliches Interview mit Niels Espenhorst)

Ebenfalls ein Paradigmenwechsel stehe im Hinblick auf das KJHSRG an: Hier sei ein „Vorrang der infrastrukturellen statt der individuellen Eingliederungshilfe und Assistenz vorgesehen“. Damit drohten, wie Elke Alsago von ver.di ergänzte, „zusätzliche Aufgaben für KiTas ohne zusätzliche Ressourcen.“ An dieser Stelle warnte Bettina Stobbe vom PFV auch grundsätzlich davor, dass die Mittel aus dem SCQEG in den Ländern zweckentfremdet werden könnten, da es keine konkretisierten Bund-Länder-Vereinbarungen mehr geben solle.

Zusätzliche Aufgaben ohne zusätzliche Ressourcen?

Für Diskussionsstoff sorgte in der Runde auch die geplante Übertragung von Daten aus der KiTa in die Grundschule auch ohne Einwilligung der Eltern. Dadurch drohe, so BAG-BEK-Vorstand Prof. Dr. Petra Stehmel, das Vertrauensverhältnis und die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Fachkräften in der KiTa beschädigt zu werden. Zudem wies sie auf die Gefahr einer frühzeitigen Segregierung und Stigmatisierung von Kindern hin. Äußerst skeptisch zeigte sie sich auch im Hinblick auf die Validität der Testergebnisse, wenn Fachkräfte dafür nicht ausreichend qualifiziert würden. Qualität der Testung wie auch der – möglichst alltagsintegrierten – Fördermaßnahmen sollten gesichert sein.

Vereinbart wurde in der AG Fachpolitik, die anstehenden Veränderungsprozesse und Transformationen im Feld kritisch zu begleiten und auch eine „Lesehilfe“ für Träger und Praxis zu erstellen, in der die wesentlichen Knackpunkte und Stolpersteine der Gesetzesvorhaben kompakt zusammengefasst werden.

Insgesamt zeigte sich, dass es im bundespolitischen Diskurs gerade eine hohe Dynamik mit vielen gegensätzlichen Positionen, unterschiedlichen Interessenlangen und Diskursmächten sowie letztlich vielen Gefahren, aber auch Chancen für die frühkindliche Bildung gibt. In diesem Sinne scheint noch ungewiss, welcher Weg tatsächlich eingeschlagen wird, aber das Ziel dürfte klar sei: Am Ende der KiTa sollten Kinder eine Persönlichkeitsentwicklung  und die grundsätzlichen Kompetenzen erreicht haben, mit der sie die Chance auf eine gute Bildungs- und Berufsbiographie und gesellschaftliche Teilhabe haben!

Download PPT Meiner-Teubner

Karsten Herrmann

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