
Dorothee Gutknecht beschäftigt sich schon sehr lange mit dem Thema von Kindern, die beißen, und nun gibt es eine auch eine überarbeitete Neuausgabe ihres Klassikers „Wenn Kinder beißen“ – ein nach wie vor äußerst hilfreiches Buch, um Kinder, die beißen, zu verstehen, sie achtsam und responsiv zu begleiten, sich selbst auf entsprechende Situationen vorzubereiten und um ebenso Eltern zu stärken und zu begleiten.
Beim ersten Blick in das Buch fällt die sehr angenehme und übersichtliche Gestaltung auf. Die meisten Kapitel sind eher kurz und pointiert gehalten und sie bauen sinnvoll aufeinander auf. Immer wieder gibt es Beispielsituationen, die kurz beschrieben werden und das Buch äußerst praxisnah machen. Darüber hinaus ist das Buch auch gut zu lesen, da es bei aller fachlichen Fundiertheit auf komplexe Wissenschaftssprache verzichtet. Hier zeigt sich, dass dieses Buch von einer erfahrenen Wissenschaftlerin geschrieben wurde, die über ihr fachliches Wissen hinaus die Praxis kennt und mit ihr im Austausch ist. Somit ist dieses Buch gezielt für Fach- und Leitungskräfte geschrieben, kann aber ebenso im (fach)beratenden Arbeitsfeld und in der Aus- und Weiterbildung bzw. dem Studium genutzt werden.
Nachdem einführend auf die Besonderheit der Haut, die mehr als eine Hülle ist, und deren Verletzung eingegangen wird, werden verschiedene Aspekte der Fragestellung beleuchtet, ob Beißen eine Verhaltensstörung ist. Hier wird die Berücksichtigung des Entwicklungsalters, des Temperaments und möglicher Beeinträchtigungen des Kindes aufgefächert. Es folgen kurze Blitzlichter auf verschiedene mögliche Ursachen des Beißverhaltens. Sehr ausführlich werden achtsame und responsive Strategien im Umgang mit Beißen dargestellt. Dabei zeigt sich die Erfahrung der Autorin, da sehr viele unterschiedliche Ansätze aufgegriffen werden, die bei verschiedenen Kindern zu einer Veränderung führen können. Es gibt eben nicht die eine Lösung bei diesem Thema, angemessenes Interpretieren ist hier die Devise. Beispielsweise können hinter dem Beißen Themen der Mundmotorik, der Sinnesverarbeitung oder auch der Tagesstruktur liegen. Ebenso lohnt der Blick auf Erfahrungen von Nähe und Distanz (und den Umgang damit) sowie Körpersprache, Emotionalität und Selbstwirksamkeitsbestreben.
Sehr hilfreich sind die folgenden Strategien für den Umgang mit Beißen, vor allem da zwischen Akut-Situationen (und einem konkreten Umgang damit in Form eines 9-Schritte-Plans) und langfristigen Strategien unterschieden wird. Ebenso wichtig für die Realsituation sind die Ausführungen zur Zusammenarbeit mit Eltern, die bei dieser Thematik nie außen vor bleiben kann. Unterschieden wird hier die Stärkung und Begleitung von Eltern, deren Kind gebissen wurde, von der Stärkung und Begleitung von Eltern, deren Kind gebissen hat. Beide Seiten bringen Emotionen und Bedürfnisse in solchen Situationen ein, und beide Seiten müssen gut begleitet werden. Die abschließenden Impulse für Institutionen und Teams (z.B. ein Ablaufschema für eine kollegiale Fallberatung) runden das Buch mit dem nicht zu vergessenen Anhang ab, in dem Protokoll- und Beobachtungsbögen für den KiTa-Alltag, eine Vorlage für Elternbriefe und ein Leitfaden für ein Elterngespräch angeboten werden. So bietet das Buch (nahezu) alles, was man braucht, um diese Situationen achtsam und responsiv zu begleiten.
Gutknecht, Dorothee (2024): Wenn Kinder beißen. Achtsame und responsive Handlungsmöglichkeiten. Freiburg (Brsg.): Herder.
Peter Keßel