
Anja Cantzler spricht mit ihrem Buch „Schätze finden statt Fehler suchen“ eine Einladung zum Umdenken aus. Es werden keine Rezepte für den pädagogischen Alltag angeboten, aber viele Anregungen und Impulse, die die tägliche Praxis mit sehr unterschiedlichen Kindern und den individuellen Umgang mit ihren Verhaltensweisen bereichern und erleichtern kann. Bereits in der Einleitung wird die Grundannahme des Buches deutlich: „Bevor ein Kind Probleme macht, hat es welche“ (S. 4). Die dem Buch zugrunde liegende Haltung ist jedoch nicht, Verhaltensweisen von Kindern zu problematisieren, sondern vielmehr den jeweils guten Grund für die verschiedenen Verhaltensweisen der Kinder zu finden, der als „verborgener Schatz“ (S. 5) gesehen wird.
Im ersten Kapitel des Buches wird die Grundannahme des Buches weiter aufgefächert. Mehrere Impulse zeigen z.B. den Unterschied zwischen Ursache und Auslöser, die Grundbedürfnisse des Menschen, die Auswirkungen vom Stress-Modus, die Wirkweise von Teufelskreisen sowie die Chance der Ressourcenorientierung auf.
In den folgenden elf Kapiteln des Buches werden verschiedene häufig vorkommende Gründe für Verhaltensweisen von Kindern in Kindergarten, Krippe und Kindertagespflege erläutert. Dabei erleichtert eine gleichbleibende Struktur in diesen Kapiteln das Lesen und Verstehen: Jeweils zu Beginn führt ein Praxisbeispiel in die Thematik ein und dann wird aus verschiedenen Blickwinkeln analysiert, was in der jeweiligen Situation passiert ist. Abschließend werden Überlegungen dargelegt, wie eine Fachkraft in den beschriebenen Situationen anders hätte reagieren können – ohne dabei zu kritisieren oder den Zeigefinger zu heben. Oft sind Verhaltensweisen von Fachkräften auf das Unwissen über Zusammenhänge zurückzuführen, die daher in diesem Buch gut verständlich und praxis-angebunden erklärt werden. Dafür sind die vielen zusätzlichen Kästchen und Exkurse in den Kapiteln hilfreich, in denen sehr pointiert Begriffe erläutert und Impulse gegeben werden, die zur Selbstreflexion des eigenen pädagogischen Verhaltens dienen.
Das Buch ist insgesamt angenehm und übersichtlich für die Leserschaft gestaltet. Zunächst kann irritieren, dass das Inhaltsverzeichnis den Inhalt nicht ausschließlich chronologisch darstellt. So werden die neun Exkurse im Buch nach den dreizehn Hauptkapiteln des Buches gesondert aufgeführt, was sie deutlich sichtbarer macht. In seiner Aufmachung und Schreibweise ist das Buch sicher geeignet, um als Fachkraft das eigene Verhalten zu hinterfragen und zu reflektieren und dabei mehr Verständnis für die Verhaltensweisen von Kindern zu erlangen. Damit steigt die Chance, Kinder angemessen und ressourcenorientiert zu begleiten. Darüber hinaus können viele der Abschnitte und Exkurse in der leicht zugänglichen Herangehensweise auch für die Aus- und Weiterbildung nützlich sein, so dass angehende und ausgebildete Fachkräfte möglichst früh die Gelegenheit haben, eine Haltung zu entwickeln, auf die es ankommt: Kinder mit und in ihren Herausforderungen zugewandt und wortwörtlich verständnisvoll begleiten zu können.
Cantzler, Anja (2023): Schätze finden statt Fehler suchen. Herausforderndes Verhalten verstehen in Kita, Krippe und Kindertagespflege. Freiburg (Brsg.): Herder.
Peter Keßel