
Was bedeutet die umfassende Digitalisierung und die sprunghafte Entwicklung der Künstlichen Intelligenz für die frühkindliche oder schulische Bildung und welche Zukunftskompetenzen brauchen Kinder heute? Diese spannenden Fragen nimmt Wassilios Fthenakis in einem äußerst voluminösen neuen Buch in den Fokus und verbindet sie mit weiteren großen pädagogischen Themen wie Ko-Konstruktion, sozio-emotionale Entwicklung und Demokratie(-bildung). Gleich zu Anfang unterstreicht er: „Bildungssysteme [stehen] vor einer noch nie dagewesenen Herausforderung, sich tiefgreifend zu verändern, ja sogar sich neu zu erfinden.“
Zum Auftakt des Buches skizziert der mehrfach promovierte Pädagoge, Psychologe und Anthropologe die Entwicklung von einer Bildung 1.0 im 19. Jahrhundert zu einer aktuellen Bildung 5.0. Hier sollen neben dem technischen Wissen nun solche Kompetenzen beim Individuum gestärkt werden, „die es befähigen, souverän und verantwortungsvoll die Entscheidung zu treffen, ob, wie, wann, zu welchem Zweck und mit wem Technologien eingesetzt werden“. Dazu seien beispielsweise Kritisches Denken, Kreativität, Kommunikation, Kooperationsbereitschaft, Empathie, Umgang mit kultureller Diversität, Konfliktmanagement und manches mehr notwendig. Eine grundlegende und revolutionäre Transformation stehe jetzt aber mit der Bildung 6.0 an, die ein „ganzheitliche Entwicklung des Kindes und eine kooperative, innovative und symbiotische Beziehung zwischen Menschen und Maschine verfolgt.“
Einher geht hiermit das Konzept der „erweiterten Persönlichkeit“, wonach digitale Tools und die Integration von KI die individuelle Selbstwahrnehmung und soziale Interaktionen fundamental umgestalten. In der neuen digitalen Welt könnte dann jedes Kind über das spielerische und animierte Lernen in virtuellen Umgebungen hinaus einen persönlichen Chat-Bot oder Roboter haben, der Fragen beantwortet, gemeinsame Lernprozesse gestaltet und Welt erschließt. „KI ist nicht mehr lediglich ein Informationsaustausch, sondern Chatbots werden zu persönlichen Gesprächspartnern, die dazu fähig sind, Inhalte zu erzeugen, die zutiefst maßgeschneidert hinsichtlich der Bedürfnisse des Lernenden sind. Das produzierte Wissen reflektiert die einzigartige Denkweise des Lernenden, reagiert zudem auf seine Fragen und formt sie. Mit der Zeit wird der Chatbot auf diese Weise zu einer Art ‚alter ego‘ des Lernenden.“
Das transformative Potenzial von generativer KI in der Bildung sieht Wassilios Fthenakis so nicht nur in der Fähigkeit zur Förderung personalisierter Lernumgebungen, sondern auch in der Kapazität zur neuen Definition der Beziehungen zwischen Lernenden, Lehrkräften und Bildung selbst. Generative KI müsse zukünftig „als ein aktiver ‚partner to think with‘ verstanden werden“ was das Bildungsparadigma grundlegend umgestalten würde. Zum Tragen komme dann auch das Konzept des „Konnektivismus“ als einer Lerntheorie, die das Lernen durch Netzwerke betont. Grundsätzliches Ziel müsse ein „Deep Learning“ sein, durch das ein Individuum in die Lage versetzt wird, das in einer Situation Gelernte in neuen Situationen anzuwenden.
Keinen Zweifel lässt der Mitbegründer des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und langjährige didacta-Präsident aber bei aller technischen Transformationsbegeisterung daran, dass die persönliche, empathische Beziehung zwischen Fachkräften und Kindern in der KiTa absolut entscheidend bleibt. Großen Raum nehmen in diesem Buch daher auch die dialogische Beziehungs- und Bildungsgestaltung sowie die sozio-emotionale Entwicklung der Kinder und die Förderung ihrer Resilienz in einer krisenhaften Welt ein. In diesem Sinne kann KI die Fachkräfte keinesfalls ersetzen, „sie kann ihnen jedoch helfen, den Bildungsprozess effektiver und für die Kinder motivierender zu organisieren.“
Im Hinblick auf eine dafür notwendige Pädagogik und Lerntheorie zieht Wassilios Fthenakis eine Linie vom entwicklungspsychologischen Klassiker Jean Piaget über Lev Wygotski bis hin zu Ingrid Pramling mit einem „phänomenographischen“ und „metakognitiven“ Ansatz. Dieser ziele darauf ab, „Kindern ein Bewusstsein für ihre Lernprozesse zu schaffen, ihre intuitiven Theorien über das Lernen zu verändern und Kompetenzen der Selbststeuerung zu vermitteln“. Das kindliche Denken verstehen zu können sei eine wesentliche Voraussetzung für Fachkräfte, um mit Kindern kooperieren, planen, den Erfolg ihrer Arbeit bewerten und vor allem vom Kind ausgehend agieren zu können. Hierbei sollten Planung und Bewertung der Arbeit Hand in Hand gehen: „Aus diesen Gründen stehen Fachkräfte nach dem metakognitiven Ansatz in einem fortdauernden Dialog mit den Kindern. Gespräche werden dabei von der Fachkraft bewusst in eine Richtung geleitet, die Aufschluss über die Art des kindlichen Denkens, ihr Wissen und die Inhalte ihres Denkens erlaubt.“
Wassilios Fthenakis hat mit diesem Buch einen beeindruckenden und zuweilen etwas erschlagenden Gesamtentwurf einer zukünftigen frühkindlichen Bildung vorgelegt und geht dabei auch auf hierzulande noch oftmals unbekannte internationale Entwicklungen z.B. in Australien oder Südostasien ein. Par excellence führt er hier ein vernetztes und multidimensionales Denken vor Augen, das unzählige Aspekte einer zukünftigen Bildung und einer entsprechenden Lerntheorie umfasst – und in dem natürlich auch sein Lieblingskonzept der Ko-Konstruktion eine entscheidende Rolle beibehält. Grundsätzlich sieht er mit der Digitalisierung und dem Konzept der Konnektivität große Chancen für die Individualisierung und Demokratisierung des Lernens und skizziert eine Vision der zukünftigen Bildung:
„Es ist aus meiner Sicht heute erstmals möglich, dass die Bildung eine aktive Rolle übernehmen kann, wenn es darum geht, die Welt zu konstruieren, in der Kinder von heute später als Erwachsene leben möchten. Die Technologien bestimmen nicht nur den Trend der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie haben zugleich das Potenzial, die Kinder so zu stärken, dass sie aktiv und eigenverantwortlich die eigene Welt entwickeln können. Dies ist eine historische Chance, die das Bildungssystem nicht verspielen darf. Es gilt, jene Kompetenzen zu stärken, die das Individuum in die Lage versetzen, zum Ko-Konstrukteur nicht nur der eigenen, sondern auch der gesellschaftlichen Entwicklung zu werden.“
Zugleich mahnt Wassilios Fthenakis aber eine „Dekolonialisierung“ der Bildung an, die schon seit Jahrhunderten vom westlichen Denken dominiert werde. Er sieht daher die „Einführung von Anti-Bias Betreuungs- und Bildungsprogrammen der frühen Kindheit“ als notwendig an und warnt konkret vor einer neuen umfassenden „Kolonialisierung der Bildung“ durch die Macht der Tech-Konzerne.
Mit zutiefst ethischem Impetus zeigt der fast neunzigjährige Autor und mehrfacher Großvater abschließend auf, wie ein reformiertes Bildungsverständnis und Bildungssystem im 21. Jahrhundert aussehen sollten:
„Wir benötigen ein Bildungssystem, das Menschenwürde, Menschenrechte, Wertschätzung kultureller Vielfalt, Demokratie, Gerechtigkeit, Fairness, Gleichheit und vieles mehr zu seinen Grundprinzipien erklärt. Wir brauchen ein Bildungssystem, das Einstellungen wie Offenheit für kulturelle Andersartigkeit, für andere Weltanschauungen und Glaubensrichtungen über alle Stufen des Bildungsverlaufs stärkt, Respekt, Gemeinwohlorientierung und Übernahme von Verantwortung ermöglicht, Toleranz für Mehrdeutigkeit lehrt, kritische Denkweisen, Perspektivwechsel, Empathie, Teamfähigkeit, Konfliktlösungskompetenz, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an veränderte Situationen und nicht zuletzt kritisches Weltverständnis zu Qualitätsmerkmalen seines Ansatzes macht, um nur einiges anzusprechen.“ Dafür bräuchten wir vor allem „mutige Menschen, die für die Prinzipien der Demokratie nachhaltig eintreten und diese mit dem gebotenen Engagement in der Öffentlichkeit verteidigen.“
Karsten Herrmann