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LERNEN MIT KOPF, HERZ UND HAND

Veröffentlicht:
5. März 2026

Förderprogramme allein reichen laut Frühpädagogik-Expertin Rahel Dreyer nicht aus, um Basis- und Zukunftskompetenzen zu entwickeln. Im Interview mit Franziska Schuberl von Meine Kita, erläutert sie, welche Fähigkeiten Kinder für die Zukunft brauchen und wie pädagogische Fachkräfte diese im Alltag stärken können.

Rahel Dreyer ist Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre und leitet den Studiengang „Kindheitspädagogik“ an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Sie ist Mitautorin des im November erschienenen „Memorandums zur Frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland“.

Meine Kita: Warum ist die Kita-Zeit so entscheidend, um Kompetenzen für die Zukunft zu entwickeln?

Rahel Dreyer: Weil hier die Grundlagen gelegt werden, auf denen später alles aufbaut. Kinder kommen nicht als leere Gefäße in die Welt, sondern als aktiv lernende, forschende Wesen. Sie wollen verstehen, dazugehören und handeln. In der Kita entwickeln sie genau die Fähigkeiten, die später darüber entscheiden, ob sie lernen können: Selbstregulation, Sprache, soziale Sicherheit, Neugier, Problemlösefähigkeit. Das sind die Betriebssysteme des Lernens. Wenn sie stabil sind, sind das beste Voraussetzungen für das Lernen – wenn nicht, hilft auch das beste Förderprogramm nichts.

Viele verstehen unter Vorbereitung vor allem frühes Lesen, Schreiben, Rechnen in der Kita. In Ihrem Memorandum greifen Sie das kritisch auf, wieso?

Weil das den Blick verengt. Natürlich sind sprachliche und mathematische Fähigkeiten wichtig. Aber Kinder lernen nicht in isolierten Fächern. Sie lernen ganzheitlich mit Kopf, Herz und Hand. Wenn ich mit Kindern backe, dann zähle, wiege und messe ich mit ihnen. Gleichzeitig spreche ich über Zutaten, Herkunft von Lebensmitteln, über Geschmack. Ich plane, löse Probleme, arbeite mit anderen zusammen. Das ist echte Bildung. Im Memorandum haben wir deshalb gesagt: Kita darf nicht auf „schulische Vorläuferfähigkeiten“ reduziert werden. Demokratie, Bewegung, Nachhaltigkeit, kulturelle Bildung – all das gehört dazu. Und vor allem: soziale, personale und kognitive Grundlagen wie Empathie, Kritikfähigkeit oder Kreativität.

Diese Fähigkeiten gelten als Schlüssel für die Zukunft. Wie lassen sich diese Kompetenzen bei Kindern fördern?

Diese Kompetenzen entstehen im normalen Kita-Alltag. In offenen, gut begleiteten Bildungssettings entwickeln sich die sogenannten 4Ks viel nachhaltiger als in jeder Übungseinheit. Kreativität entsteht, wenn Kinder Materialien, Räume und Zeit haben, um etwas Eigenes zu erfinden. Kommunikation entsteht, wenn Erwachsene mit Kindern wirklich sprechen und ihnen nicht nur Anweisungen geben. Kollaboration entsteht, wenn Kinder gemeinsam etwas planen und aushandeln dürfen. Kritisches Denken entsteht, wenn Kinder Fragen stellen, vergleichen, überlegen: „Wie könnte es auch anders gehen?“ Dafür braucht es eine gute pädagogische Rahmung: Fachkräfte, die beobachten, strukturieren, Impulse geben – ohne das Spiel zu übernehmen. Auf diese Weise regen sie die Selbstbildung der Kinder an.

Was genau meinen Sie damit?

Kinder bringen von sich aus eine enorme Lernlust mit, sind neugierig, wissensdurstig, wollen verstehen und dazugehören. Sie lernen, indem sie erkunden, ausprobieren, Rollen spielen, imitieren, scheitern, es neu versuchen. Diese Motivation ist das eigentliche Kapital. Unsere Aufgabe als Fachkräfte und als System ist es, diese Neugier aufzugreifen und zu erhalten. Aus der Entwicklungspsychologie, der Neurobiologie und der Säuglingsforschung wissen wir: Diese frühen, selbstaktiven Lernprozesse sind die Basis für alles spätere Lernen. Das heißt aber nicht, dass wir die Kinder sich allein überlassen. Selbstbildung ist immer sozial eingebettet. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen Resonanz geben und Sprache anbieten, für sie Strukturen und eine anregende Umgebung gestalten. Fachkräfte sind also Lernbegleiterinnen, sie machen Selbstbildung möglich. Die Beziehung zu den Kindern ist entscheidend.

Inwiefern?

Weil ohne emotionale Sicherheit kein Denken in die Tiefe geht. Kinder, die sich zugehörig fühlen, trauen sich, Risiken einzugehen: etwas Neues zu probieren, Fehler zu machen, andere Lösungen zu suchen. So entstehen Kreativität, Problemlösefähigkeit und kritisches Denken. Bindung ist also kein weiches Thema, sie ist die Grundlage jeder kognitiven Entwicklung.

Können auch Förderprogramme die Kompetenzen von Kindern wirksam fördern?

Strukturierte Förderprogramme können zwar kurzfristige Effekte – etwa im Wortschatz oder mathematischen Verständnis – erzielen, diese sind jedoch häufig nicht nachhaltig. Langfristig wirksamer sind kindorientierte, partizipative Ansätze, die auf Selbsttätigkeit, Sinnbezug und Beziehungsqualität setzen und neben stabilen Lernfortschritten auch Motivation und Selbstregulation fördern. Von zentraler Bedeutung ist dabei sowohl die Implementationsqualität pädagogischer Ansätze als auch die Prozessqualität der pädagogischen Praxis. Letztere zeigt sich darin, wie Fachkräfte mit Kindern sprechen, sie beteiligen, Konflikte begleiten und Lerngelegenheiten im Alltag nutzen. Ein Förderprogramm kann helfen, wenn ein Kind einen klaren Bedarf hat. Aber als Ersatz für gute Beziehungen, gelungene Interaktionen und Zeit taugt es nicht.

Ein besonderer Förderbedarf besteht häufig beim Thema Sprache. Worauf kommt es dabei an?

Auf einen ressourcenorientierten Blick. Kinder lernen Sprache am besten im echten Leben: beim Bauen, Streiten, Kochen und Erzählen. Wenn Fachkräfte diese Situationen dialogisch begleiten, Begriffe erweitern und Ideen aufgreifen, entsteht alltagsintegrierte Sprachbildung.  Problematisch wird es, wenn Kita-Kinder mit Förderbedarf separiert werden in Extrakurse oder Sondergruppen und dafür sogar in Busse verfrachtet werden, die sie zu anderen Lernorten bringen. Das stigmatisiert. Diese Kinder spüren sehr genau: Ich gehöre nicht richtig dazu. Inklusive Sprachbildung heißt: Alle lernen gemeinsam und zusätzliche Unterstützung kommt in die Kitas.

Soweit die Theorie. Kommt die Sprachförderung auch wirklich bei den Kindern an, die sie benötigen?

Leider nicht immer. Studien zeigen klar: Kinder aus armutsgefährdeten Familien oder mit Migrationsgeschichte bekommen seltener einen Kita-Platz und landen häufiger in Kitas mit schlechterer Ausstattung. Zentrale Studien wie zum Beispiel die Kita-Studie des Paritätischen Gesamtverbandes oder die Studie „Kitas 2. Klasse“ der Friedrich-Ebert-Stiftung belegen, dass Einrichtungen in sozial benachteiligten Gegenden oft weniger Personal, schlechtere Räume und höhere Belastung haben. Dabei wissen wir aus der Forschung: Kinder müssen mindestens zwei Jahre in einer qualitativ hochwertigen Kita sein, damit sich wirklich Effekte zeigen. Jedes weitere Jahr in der Kita verstärkt den Lerneffekt.

Was bedeutet das für die Kompetenzentwicklung?

Der Zugang zu Kitas mit hoher Qualität ist eine wichtige Voraussetzung für gelungene Bildungsprozesse von Kindern. Wenn Kinder weniger stabile Beziehungen, weniger Sprache und weniger Anregung bekommen, verfestigt sich Ungleichheit früh. Chancengerechtigkeit bedeutet deshalb diskriminierungsfreier Zugang und gezielte Stärkung der Qualität dort, wo die Belastungen am größten sind.

Was heißt das konkret für die Kitas?

Bildungsungleichheit beginnt schon lange vor dem Kita-Eintritt. Wir wissen aus bildungssoziologischen Studien sehr klar, dass sich die Schere schon wenige Monate nach der Geburt öffnet, abhängig vom Bildungsniveau der Eltern. Die Effekte der Familie sind sogar stärker als die der Institutionen. Das heißt nicht, dass Kitas unwichtig wären, im Gegenteil. Aber sie können Ungleichheit nicht allein reparieren. Wenn ein Kind erst mit vier oder fünf Jahren in eine Kita kommt, ist bereits sehr viel passiert. Deshalb ist der frühe Zugang zu hochwertiger frühkindlicher Bildung so entscheidend und parallel dazu die Begleitung der Familien.

Welche Unterstützung brauchen denn junge Familien?

Wenn wir die Entwicklung von Kindern stärken wollen, müssen wir Bildung, Soziales und Gesundheit enger zusammendenken. Es gibt inzwischen sehr gute Programme, die schon in der Schwangerschaft beginnen und Familien begleiten, zum Beispiel junge Mütter aus belasteten Lebenslagen. Das wirkt enorm präventiv. In Familienzentren oder ähnlichen Konzepten gelingt es besonders gut, Bildungs- und Erziehungspartnerschaften mit allen Eltern aufzubauen, nicht nur mit denen, die sowieso schon gut erreicht werden. Auch Kitas haben hier eine Schlüsselrolle, weil sie oft der erste stabile Kontakt zu einem öffentlichen Bildungssystem sind.

Welche Rolle spielt dabei die Qualifikation der Fachkräfte?

Eine zentrale. Wir haben viele engagierte Fachkräfte, aber auch große Qualifizierungslücken, vor allem durch den schnellen quantitativen Ausbau. Berufsintegrierte kindheitspädagogische Studiengänge, wie wir sie zum Beispiel an der Alice Salomon Hochschule anbieten, sind hier ein riesiges Potenzial: Fachkräfte arbeiten in der Kita und studieren parallel, kostenneutral und praxisnah. Studien und Rückmeldungen der Träger zeigen: Wenn in einem Team mindestens eine akademisch qualifizierte Person ist, treibt das die Qualitätsentwicklung deutlich voran.

Was müsste politisch passieren, damit Kitas Kinder wirklich stark machen können?

Wir brauchen bundesweit verbindliche Qualitätsstandards: einen guten Fachkraft-Kind-Schlüssel, angemessene Gruppengrößen, klare Qualifikationsanforderungen für Fachkräfte und eine verlässliche Finanzierung. Nur so entstehen Rahmenbedingungen, in denen Kinder sich bestmöglich entwickeln können. Statt vor allem über Defizite zu sprechen, sollten wir den Fokus stärker auf das richten, was nachweislich wirkt: stabile Beziehungen, hochwertige Interaktionen und professionelle pädagogische Fachlichkeit. Dann kann die Kita das werden, was sie sein soll – ein Ort, an dem Kinder im Hier und Jetzt gestärkt werden und zugleich gute Voraussetzungen für ihre Zukunft entwickeln.

ALLTAGSBEISPIELE AUS DER KITA UNKEL – KITA DES JAHRES 2025
Auch das pädagogische Konzept der Kita Unkel ist auf die Stärkung von Basis- und Zukunftskompetenzen ausgerichtet, berichtete Kitaleiterin Claudia Gries der Meine Kita-Redaktion. Ihr Konzept beruhe dabei auf vier Säulen: reggioninspirierte Pädagogik, tiergestützte Interventionen, Wald- und Erlebnispädagogik sowie ein inklusiver Ansatz.
Im Alltag zeige sich das unter anderem in selbstbestimmten Abläufen. Kinder entscheiden eigenständig über Fragen wie: Was möchte ich essen? Wie möchte ich essen? Mit wem? Wie viel? „Auch die Jüngsten gestalten ihren Tag aktiv mit“, so Gries. „Sie setzen sich früh mit Fragen auseinander wie: Möchte ich schlafen? Wann? Wer darf mich wickeln?“
Die Raumgestaltung unterstütze dieses Lernen zusätzlich: Kinder nutzen Materialien eigenständig und verwirklichen kreativ ihre eigenen Themen. So sei Lernen im eigenen Tempo möglich – begleitet von einem Team, das Kinder und Familien ganzheitlich unterstützt.
Ein besonderes Highlight sei die Arbeit mit Ziegen und dem Kita-Hund. „Im Ziegengarten übernehmen Kinder Verantwortung für Lebewesen und erleben Nähe, Vertrauen und Selbstwirksamkeit,“ erzählt die Kitaleiterin.

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus Meine Kita 01-2026, S. 8-10

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für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
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Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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