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Kita-Fachkräfteverband lehnt verpflichtendes Kita-Jahr ab

Veröffentlicht:
23. Juli 2026

„Ursachen bekämpfen statt Symptome verwalten“

In Niedersachsen wird wie in anderen Bundeländern auch über die Einführung eines verpflichtenden KiTa-Jahres diskutiert (s. hier). Angesichts schwerwiegender (verfassungs-) rechtlicher und finanzieller Hürden sowie aufgrund der schon jetzt hoch belasteten Situation in den KiTas wird eine KiTa-Pflicht von Praxis und Wissenschaft schon seit längerem kritisiert – auch wenn es ein Beitrag zur Chancengerechtigkeit sein könnte und die KiTa als erste Stufe des Bildungssystem etablieren könnte. In einer aktuellen Stellungnahme führt der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen e. V. seine Kritik an einer KiTa-Pflicht in der aktuellen Situation aus und fordert grundlegenden Verbesserungen für das KiTa-System statt eine „Symboldebatte“.

Die Stellungnahme im Wortlaut:

Auch wenn das Ziel, allen Kindern gute Bildungschancen und einen erfolgreichen Übergang in die Grundschule zu ermöglichen, ausdrücklich unterstützt wird, lehnt der Verband eine Einführung eines verpflichtenden Kita-Jahres unter den derzeitigen Rahmenbedingungen entschieden ab.

„Frühkindliche Bildung beginnt nicht erst ein Jahr vor der Einschulung, sie beginnt bereits mit dem Eintritt in die Krippe“, erklärt Vorstandsvorsitzende Melanie Krause. Die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die Sprachentwicklung, den Aufbau sozial-emotionaler Kompetenzen und die gesamte Bildungsbiografie eines Kindes. Entwicklungs- und Sprachdefizite, die über mehrere Jahre entstanden sind, können im letzten Kita-Jahr nicht mehr vollständig aufgeholt werden. Wer Chancengerechtigkeit schaffen möchte, muss deutlich früher ansetzen und allen Kindern von Beginn an einen Zugang zu qualitativ hochwertiger frühkindlicher Bildung ermöglichen.

Aus Sicht des Verbandes handelt es sich bei der Diskussion um ein verpflichtendes Kita-Jahr um reine Symptombekämpfung. Die eigentlichen Ursachen werden dadurch nicht behoben.

Der anhaltende Fachkräftemangel, unzureichende Personalschlüssel, fehlende Betreuungsplätze und die zunehmende Belastung der pädagogischen Fachkräfte bestehen weiterhin. Schon heute arbeiten viele Kindertageseinrichtungen an der Belastungsgrenze. Ein verpflichtendes Kita-Jahr würde das System zusätzlich belasten, ohne die Qualität der frühkindlichen Bildung nachhaltig zu verbessern.

Besonders kritisch bewertet der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen, dass dies bereits der zweite bildungspolitische Vorstoß der Landesregierung innerhalb kurzer Zeit ist, der aus fachlicher Sicht auf erhebliche Bedenken stößt. Bereits für das Jahr 2026 war gemäß § 41 NKiTaG eine Revision des Niedersächsischen Gesetzes über Kindertagesstätten und Kindertagespflege vorgesehen. Diese gesetzlich verankerte Evaluation ist bislang jedoch ausgeblieben. Dabei liegen der Landesregierung seit Jahren zahlreiche Vorschläge und Forderungen aus Wissenschaft, Praxis, Verbänden und Trägern zur qualitativen Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung vor.

Anstatt neue verpflichtende Maßnahmen zu diskutieren, erwarten wir, dass die Landesregierung zunächst ihren gesetzlichen Auftrag erfüllt, die Evaluation des NKiTaG durchführt und die daraus sowie aus den zahlreichen Stellungnahmen hervorgegangenen Empfehlungen ernsthaft prüft und konsequent umsetzt. Die frühkindliche Bildung benötigt keine weiteren Symboldebatten, sondern nachhaltige Reformen zur Qualitätsentwicklung.

Besonders kritisch sieht der Verband, dass ausgerechnet die Kinder, die von frühkindlicher Bildung am meisten profitieren würden, häufig keinen oder erst sehr spät einen Platz in einer Kindertageseinrichtung erhalten. Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben aufgrund des anhaltenden Kitaplatzmangels oftmals schlechtere Chancen auf einen Betreuungsplatz.

Gleichzeitig nehmen Familien mit Migrationsgeschichte die Angebote aus unterschiedlichen Gründen nicht immer in Anspruch. Sprachbarrieren, fehlende Informationen über das deutsche Bildungssystem sowie kulturelle Unterschiede können dazu führen, dass Kinder erst spät oder gar nicht in eine Kita kommen. Genau hier muss die Landespolitik ansetzen.

Der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen fordert deshalb anstelle einer Kita-Pflicht den konsequenten Ausbau niedrigschwelliger Unterstützungsangebote. Hierzu gehören eine frühzeitige Elternberatung in verschiedenen Sprachen, aufsuchende Familienarbeit, Familienzentren, Stadtteilprojekte sowie eine bessere Information über die Bedeutung frühkindlicher Bildung. Gleichzeitig müssen ausreichend Betreuungsplätze geschaffen werden, damit insbesondere Kinder aus sozial benachteiligten Familien und Familien mit Unterstützungsbedarf tatsächlich einen frühzeitigen Zugang zur Kindertagesbetreuung erhalten.

Darüber hinaus fordert der Verband erneut nachhaltige Investitionen in die Qualität der frühkindlichen Bildung. Dazu gehören eine deutliche Verbesserung der Fachkraft-Kind-Relation, die Einführung der praxisintegrierten Ausbildung (PiA) in Niedersachsen, bessere Arbeitsbedingungen sowie eine langfristige Strategie zur Gewinnung und Bindung qualifizierter Fachkräfte. Diese Forderungen erhebt der Verband gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Niedersachsen, ver.di und weiteren Akteuren seit Jahren.

„Eine Verpflichtung ersetzt keine Qualität. Kinder brauchen keine Symbolpolitik im letzten Kita-Jahr, sondern verlässliche Bildungsangebote von Anfang an. Wer echte Chancengerechtigkeit schaffen will, muss die Ursachen angehen und nicht lediglich deren Folgen verwalten. Ein verpflichtendes Kita-Jahr löst weder den Fachkräftemangel noch den Mangel an Kitaplätzen. Es verschiebt lediglich den Fokus auf eine Symptombehandlung, anstatt die strukturellen Probleme unseres Systems endlich nachhaltig zu lösen“, so der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen abschließend.

Niedersächsisches Institut
für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
49080 Osnabrück
Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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