Wie können Fachkräfte in der KiTa die Kinder in Stresssituationen ko-regulieren und wie hängt das Wohlbefinden der Kinder mit dem Wohlbefinden der Erwachsenen zusammen? Diese Fragen beleuchtete Ineke Eilers in der kostenlosen digitalen nifbe-Vortragsreihe „Der geht mir dann über Bänke und Tische!“ sowohl aus neurobiologischer wie auch ganz praktischer Perspektive.
Im Vorgespräch mit nifbe-Moderator Peter Keßel erzählte die Gesundheits- und Erziehungswissenschaftlerin, die als freie Fachberaterin, Yoga-Lehrerin und Autorin arbeitet, wie sie auf dieses Thema gekommen ist: „Ich habe um mich herum immer wieder viele gestresste Menschen wahrgenommen und mich gefragt, was das für die frühkindliche Bildung bedeutet.“ Im Vortrag wurde dann deutlich, welche Aus- und Wechselwirkungen dauerhafter Stress für Kinder wie Fachkräfte in der KiTa haben kann und wie ihm zu begegnen ist.
In ihrem Vortrag stellte Ineke Eilers den rund 800 Teilnehmer*innen zu Beginn das „Stresstoleranzfenster“ vor, das aus drei Ebenen besteht: In der Mitte ist alles genau richtig und der Mensch ist im Flow, ist gelassen, neugierig und kann zugleich denken und fühlen. Darüber beginnt die Ebene des „zu viel“ und der Mensch schaltet in einen „Flight or Fight“-Modus, ist angespannt, unruhig und impulsiv. Auf der untersten Ebene herrscht der „Freeze“-Modus, der mit Rückzug, Erstarrung und Dissoziation verbunden ist.
Wie Ineke Eilers weiter ausführte, gehören Stresssituationen zur normalen Entwicklung eines Kindes und Erwachsenen dazu, solange sie punktuell und vorübergehend sind. Dauerhafter Stress könne allerdings zu ernsten und langfristigen gesundheitlichen Schäden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, einem geschwächten Immunsystem oder auch einer dauerhaften emotionalen Dis-Regulation führen. Sie zeigte auf, dass sich bei dauerhaftem Stress sowohl bei Kindern wie bei Erwachsenen auch der „Set point“ des Stressempfindens nach unten verlagern könne, so dass „schon wenig zu viel wird“ und ein Teufelskreislauf droht. Das jeweilige Stressempfinden könne darüber hinaus aber auch noch mehr oder minder stark von generationsübergreifenden „epigentischen“ Faktoren, vom Erleben im Mutterleib und natürlich vom Resonanzverhalten der Eltern beeinflusst sein.
In der Folge gab Ineke Eilers den Teilnehmer*innen in ihrer mit vielen eigenen Zeichnungen und Abbildungen versehenen Präsentation einen kurzen Abriss der sensorischen und neuronalen Entwicklung eines Kindes und führte die Hirnarchitektur mit dem Stammhirn, dem limbischen System und dem Präfrontalen Cortex vor Augen. Grundsätzlich sei die rechte Hirnhälfte dabei emotional, nonverbal und erfahrungsbezogen ausgerichtet, die linke dagegen logisch, linguistisch und linear. Für eine gelungene frühkindliche Entwicklung sei die Integration der sensorischen und neurophysiologischen Eindrücke im Hirn sowie insgesamt von Körper und Geist entscheidend. In Stresssituationen werde allerdings die linke Hirnhälfte ausgeschaltet und die rechte in Alarmbereitschaft versetzt. Hier müsse dann eine bewusste Selbstregulation einsetzen.
Wie Ineke Eilers unterstrich, kann Selbstregulation bei Kindern nur durch eine Ko-Regulation von Erwachsenen entstehen und Kinder seien essenziell auf deren Unterstützung angewiesen: „Erwachsene nehmen eine Pufferfunktion ein und der Weg der Regulation führt von außen nach innen“. In diesem Sinne könnten Erwachsene ein dreistufige bewusste Ko-Regulation übernehmen:
Darüber hinaus gebe es aber auch eine „unbewusste Ko-Regulation“, denn grundsätzlich würden Menschen intuitiv die Signale von anderen Menschen wahrnehmen und in eine „neurobiologische Resonanz“ gehen.
Im Hinblick auf die häufig be- und überlasteten Fachkräfte in KiTas stellte die Fachberaterin aber auch klar: „Ein gestresstes System kann ein gestresstes System nicht regulieren“. Kinder nähmen den Stress von Erwachsenen sehr genau wahr und würden dann ihr Bedürfnis nach Bindung, Rückversicherung und Orientierung in Gefahr sehen und ihrerseits in Stress und Alarmbereitschaft versetzt – der Beginn einer möglichen Eskalationsspirale.
Daher sei die Selbstregulation-Kompetenz der Fachkräfte entscheidend, um mit dem zunehmend als herausfordernd wahrgenommenen Verhalten von Kindern konstruktiv umzugehen. Dafür gelte es von einer unbewussten, emotionalen Erstreaktion zu einer regulierten und reflektierten Zweitreaktion zu kommen – z.B. durch ein tiefes Durchatmen zwischendurch. Beispielhaft stellte Ineke Eilers weitere konkrete mentale (top down) und körperliche (bottom up) Strategien der Selbstregulation vor. Sie favorisierte dabei, an den unteren Hirnstrukturen und damit am Körper, der Bewegung und den eigenen Gefühlen anzusetzen – denn auf mentale Strategien könne in Stressreaktionen nur schwer zugegriffen werden. Wichtig sei es, sich der eigenen Stressregulationskompetenz bewusst zu sein und eine Rückkehr in das Stresstoleranzfenster zu prioriseren.

Für die Ko-Regulation von Kindern zeigte die als Fachberaterin eng mit der Praxis in Kontakt stehende Ineke Eilers auch ein Bündel von Strategien auf: körperlich-somatische wie Umarmung, Berührung oder taktile Stimulation, das Anbieten von Gegenständen oder das Unterbreiten von verschiedenen Angeboten für das Kind – wie z.B. ein Spiel spielen, sich zurückziehen oder eine Höhle bauen und sich hineinlegen. Für jedes Kind müsse individuell geschaut werden welche Strategie im jeweiligen Moment passe.
Grundsätzlich sei es in kindlichen Stresssituationen für Fachkräfte aber auch wichtig, den Sinn hinter dem Verhalten zu hinterfragen. Jedes Verhalten habe seine Ursache und sei, wie sie am Eisbergmodell aufzeigte, das letzte Glied in einer langen Reaktionskette aus Gefühlen und Bedürfnissen. „Mit einem Verstehen des Problems ergeben sich auch leichter Lösungsmöglichkeiten“ sagte sie.
In der sich anschließenden regen Diskussion erfuhr Ineke Eilers sehr viel positive Resonanz für ihre Erklärungsansätze und konkreten Handlungsstrategien rund um kindlichen Stress und die erwachsene Ko-Regulation und vertiefte sie punktuell noch weiter. Kritisch gefragt wurde allerdings auch, wie zwei Erzieher*innen in einer 25köpfigen Kindergruppe mit einer Vielzahl von als herausfordernd empfundenen Kindern diese Ko-Regulation tatsächlich leisten können – denn diese kostet ohne Zweifel Zeit und diese Zeit fehlt oftmals im hektischen Alltagstrubel der KiTas.
Karsten Herrmann
Tipp zum Weiterlesen: nifbe-Fachbeitrag von Ineke Eilers