Vertiefen, einordnen, weiterdenken.
Professionelles pädagogisches Handeln bewegt sich in einem Zusammenspiel von Wissen, Haltung, Wahrnehmung, Erfahrung und konkretem Handeln. Unterschiedliche pädagogische Konzepte und fachliche Perspektiven bieten dabei Orientierung und eröffnen verschiedene Zugänge dazu, wie Kinder wahrgenommen, Beziehungen gestaltet, Lernprozesse begleitet und Beteiligung ermöglicht werden können.
Die folgenden fachlichen Zugänge laden dazu ein, einzelne Aspekte näher zu betrachten, Zusammenhänge zu erkennen und vertraute Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven weiterzudenken. Dabei geht es nicht um eindeutige Zuordnungen: Viele Konzepte überschneiden sich, setzen unterschiedliche Schwerpunkte oder betrachten ähnliche pädagogische Situationen aus einer anderen Perspektive.
Neben fachlichen Hintergründen und weiterführenden Informationen werden hier nach und nach auch Praxisanregungen ergänzt, die dazu einladen, einzelne Aspekte im pädagogischen Alltag aufzugreifen und weiterzudenken.
Ergänzend finden Sie Literaturhinweise, ausgewählte nifbe-Fachbeiträge und weiterführende Angebote. Die Inhalte werden Schritt für Schritt ergänzt.
Fachliche Grundlagen
Allgemeines Kompetenzmodell frühpädagogischer Fachkräfte
Die Transferreihe „Jedes Kind im Blick“ orientiert sich am Allgemeinen Kompetenzmodell frühpädagogischer Fachkräfte von Fröhlich-Gildhoff, Nentwig-Gesemann und Pietsch (2011). Das Modell beschreibt, wie professionelles pädagogisches Handeln im Zusammenspiel von Wissen, Wahrnehmung, Reflexion, Haltung und konkretem Handeln entsteht. Es bildet damit einen wichtigen fachlichen Bezugspunkt für die Konzeption der Transferreihe.

Das Modell macht deutlich, dass professionelles Handeln nicht zufällig entsteht, sondern auf verschiedenen Kompetenzfacetten aufbaut: fachlichem und reflektiertem Erfahrungswissen, Situationswahrnehmung und -analyse, Motivation, methodischen und sozialen Fähigkeiten, Handlungsplanung, Handeln in der Situation sowie anschließender Analyse und Evaluation.
Zugleich verweist das Modell auf die zentrale Bedeutung professioneller Haltung als Querschnittsdimension. Haltung prägt, wie Situationen wahrgenommen, eingeschätzt und beantwortet werden, und sie ist zugleich durch Wissen, Erfahrung und Reflexion weiterentwickelbar.
Genau hier setzt die Transferreihe „Jedes Kind im Blick“ an. Sie greift zentrale Aspekte professioneller Kompetenz auf und unterstützt Fachkräfte dabei, ihr Wahrnehmen, Deuten, Handeln und Reflektieren im pädagogischen Alltag bewusst weiterzuentwickeln.
Die Transferreihe folgt damit einer dreistufigen Logik, die verschiedene Ebenen professioneller Kompetenz anspricht: Erinnern als Impuls für die Situation, Reflektieren als Auseinandersetzung mit dem eigenen Handeln und Vertiefen als fachliche Weiterentwicklung. Auf diese Weise werden unterschiedliche Zugänge eröffnet, die Fachkräfte darin unterstützen, ihr Handeln im Alltag bewusst wahrzunehmen, zu überprüfen und weiterzuentwickeln.
Fachliche Konzepte und Perspektiven
Die folgenden fachlichen Konzepte und Perspektiven bilden wichtige Bezugspunkte der Impulse. Sie werden hier nicht alphabetisch, sondern entlang zentraler Aspekte professionellen Handelns vorgestellt.
Wahrnehmendes Beobachten
Nach Alemzadeh und Schäfer (2012) zielt Wahrnehmendes Beobachten darauf ab, die Perspektiven, Interessen und Bildungsprozesse von Kindern zu verstehen, anstatt ihr Verhalten vorschnell zu bewerten. Im Mittelpunkt steht die Frage, was Kinder beschäftigt, welche Bedeutungen sie ihren Erfahrungen geben und wie pädagogische Fachkräfte diese Prozesse wahrnehmen und begleiten können. Wahrnehmendes Beobachten bildet eine wichtige Grundlage für eine partizipative und kindzentrierte Pädagogik.
Weiterführende Informationen:
KiTa-Fachtext: Die Bedeutung Wahrnehmenden Beobachtens in einem partizipatorischen Eingewöhnungsmodell – nifbe e.V.
Professionelle Responsivität
Professionelle Responsivität beschreibt die Fähigkeit pädagogischer Fachkräfte, die Signale, Bedürfnisse, Interessen und Ausdrucksformen von Kindern aufmerksam wahrzunehmen, angemessen zu interpretieren und feinfühlig darauf zu antworten. Nach Gutknecht (2012) geht es dabei um ein professionelles „Antwortverhalten“, das sich an den individuellen Signalen des Kindes orientiert und Beziehung, Beteiligung sowie Bildungsprozesse unterstützt. Professionelle Responsivität gilt als ein zentrales Merkmal pädagogischer Interaktionsqualität.
Weiterführende Informationen:
Responsivität: Antworten und sich abstimmen – nifbe e.V.
Sensitive Responsivität
Sensitive Responsivität beschreibt eine besonders feinfühlige Form responsiven Handelns. Pädagogische Fachkräfte nehmen die Signale eines Kindes wahr, deuten diese angemessen und antworten zeitnah sowie unterstützend. Das Konzept knüpft an die Bindungsforschung und insbesondere an die Arbeiten von Mary Ainsworth an und wurde für den frühpädagogischen Kontext unter anderem von Remsperger (2011) aufgegriffen. Sensitive Responsivität unterstützt Kinder dabei, sich sicher, verstanden und wirksam zu erleben.
Weiterführende Informationen:
Das Konzept der Sensitiven Responsivität – nifbe e.V.
Emotionale Validierung
Emotionale Validierung beschreibt eine Haltung, bei der Gefühle wahrgenommen, anerkannt und ernst genommen werden, ohne sie zu bewerten, abzuwerten oder vorschnell zu korrigieren. Die Fachkraft signalisiert dem Kind: „Ich sehe, wie du dich fühlst, und dein Gefühl darf da sein.“ Dadurch erlebt das Kind Verständnis, emotionale Sicherheit und Unterstützung bei der Entwicklung seiner Emotionsregulation. Die Bedeutung emotionaler Validierung für den Kita-Alltag arbeitet Ingvarsson (2026) praxisnah für pädagogische Fachkräfte heraus.
Beispiel:
Statt „Das ist doch nicht so schlimm.“ sagt die Fachkraft:
„Du bist gerade traurig, weil dein Turm umgefallen ist.“
Weiterführende Informationen:
KiTa-Fachtext: Emotionale Validierung in Kindertageseinrichtungen – nifbe e.V.
Co-Regulation
Co-Regulation beschreibt die Unterstützung kindlicher Selbstregulation durch Erwachsene. Kinder entwickeln die Fähigkeit, Gefühle, Aufmerksamkeit und Verhalten zu regulieren, zunächst nicht allein, sondern in Beziehung zu verlässlichen Bezugspersonen. Durch Nähe, Orientierung, Beruhigung und sprachliche Begleitung helfen pädagogische Fachkräfte Kindern dabei, ihre Emotionen und Belastungen zu bewältigen. Co-Regulation gilt als wichtige Grundlage für die Entwicklung von Selbstregulation (vgl. Eilers 2024).
Weiterführende Informationen:
Kindlicher Stress und Ko-Regulation von Erwachsenen – nifbe e.V.
Kindlicher Stress, erwachsenes Wohlbefinden und pädagogische Qualität in Kitas – nifbe e.V.
Dialogische Beziehungsgestaltung
Dialogische Beziehungsgestaltung versteht Kinder als aktive Gesprächs- und Beziehungspartner. Pädagogische Fachkräfte begegnen Kindern mit Interesse, Offenheit und Respekt für deren Perspektiven. Ziel ist nicht die einseitige Vermittlung von Wissen, sondern ein gemeinsamer Austausch, in dem Verstehen und Bedeutungen miteinander ausgehandelt werden.
Weiterführende Informationen:
Mit Kindern im Dialog – nifbe e.V.
Beziehung als Grundlage von Partizipation in der KiTa – nifbe e.V.
Partizipation
Partizipation bedeutet, Kinder an Entscheidungen und Gestaltungsprozessen zu beteiligen, die ihren Alltag und ihr Leben betreffen. Sie basiert auf dem in der UN-Kinderrechtskonvention verankerten Recht von Kindern, ihre Meinung zu äußern und in sie betreffenden Angelegenheiten gehört zu werden. Partizipation bedeutet nicht, dass Kinder alles entscheiden, sondern dass ihre Perspektiven ernst genommen, aufgegriffen und bei Entscheidungen berücksichtigt werden. Sie stärkt das Erleben von Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und demokratischer Teilhabe.
Weiterführende Informationen:
Partizipation und Demokratiebildung in der KiTa – nifbe e.V.
Auf dem Weg zur gelebten Partizipation – nifbe e.V.
Weitere Beiträge finden Sie über das Fachbeitragsschlagwort #Partizipation innerhalb unserer Homepage.
Ko-Konstruktion
Ko-Konstruktion beschreibt Lernen als einen gemeinsamen Prozess, bei dem Kinder und Erwachsene miteinander Wissen, Bedeutungen und Verständnis entwickeln. Wissen wird dabei nicht einfach vermittelt, sondern in der Interaktion gemeinsam hervorgebracht. Pädagogische Fachkräfte begleiten die Denk- und Lernprozesse von Kindern aktiv, indem sie Fragen stellen, Perspektiven aufgreifen und zum Weiterdenken anregen. Das Konzept geht insbesondere auf die sozialkonstruktivistischen Arbeiten von Lev Vygotskij zurück.
Weiterführende Informationen:
Partizipation und Demokratiebildung in der KiTa – nifbe e.V.
Beziehungsweise Lernen – nifbe e.V.
Scaffolding
Scaffolding bedeutet „Lerngerüst“. Der Begriff beschreibt die vorübergehende Unterstützung eines Kindes bei der Bewältigung einer Aufgabe, die es noch nicht allein, aber mit Hilfe bewältigen kann. Die Unterstützung wird schrittweise zurückgenommen, sobald das Kind zunehmend selbstständig handelt. Das Konzept basiert auf den Arbeiten von Wood, Bruner & Ross (1976) und knüpft an Vygotskijs Idee der Zone der nächsten Entwicklung an.
Weiterführende Informationen:
Entwicklung von MINT-Kompetenzen in der frühen Kindheit – nifbe e.V.
Responsivität: Antworten und sich abstimmen – nifbe e.V.
Sustained Shared Thinking (Gemeinsam geteilte und vertiefte Denkprozesse)
Sustained Shared Thinking bezeichnet einen dialogischen Denkprozess, bei dem Kinder und Erwachsene gemeinsam Ideen entwickeln, Fragen verfolgen, Probleme lösen und Hypothesen bilden. Entscheidend ist, dass beide Seiten aktiv zum Denkprozess beitragen. Das von Siraj-Blatchford, Sylva, Muttock, Gilden & Bell (2002) geprägte Konzept gilt als besonders wirksame Form pädagogischer Interaktion und fördert sprachliche sowie kognitive Bildungsprozesse.
Weiterführende Informationen:
Sprache fördern durch “sustained share thinking” (Review) – nifbe e.V.
Marte Meo
Marte Meo ist ein ressourcenorientiertes Entwicklungs- und Interaktionskonzept, das von Maria Aarts entwickelt wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale Kinder bereits mitbringen und wie Erwachsene diese durch feinfühlige Interaktionen unterstützen können. Mithilfe von Videosequenzen werden gelingende Momente des Alltags sichtbar gemacht und für die pädagogische Praxis nutzbar gemacht. Marte Meo richtet den Blick auf Stärken, Initiativen und Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und unterstützt Fachkräfte dabei, Kinder in ihrer Entwicklung gezielt zu begleiten (vgl. Aarts & Aarts 2019).
Weiterführende Informationen:
Die innere Goldmine zum Leuchten bringen – nifbe e.V.
Ambiguitätstoleranz
Ambiguitätstoleranz beschreibt die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten, ohne vorschnell zu bewerten oder nach einer einzigen „richtigen“ Lösung zu suchen. Im pädagogischen Alltag zeigt sich diese Kompetenz beispielsweise dann, wenn Kinder Situationen anders wahrnehmen als Erwachsene oder wenn unterschiedliche Meinungen nebeneinander bestehen bleiben dürfen. Ambiguitätstoleranz fördert Offenheit, Perspektivübernahme, Dialogfähigkeit und den respektvollen Umgang mit Vielfalt. Sie gilt als wichtige Kompetenz für demokratische Gesellschaften und eine zunehmend komplexe Welt.
Weiterführende Informationen:
Vielfalt verlangt Haltung – nifbe e.V.
Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung
Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung ist ein pädagogischer Ansatz, der Kinder darin unterstützt, Vielfalt wertzuschätzen, Unterschiede wahrzunehmen und Diskriminierung entgegenzuwirken. Dabei geht es nicht darum, Unterschiede zu übersehen, sondern sie bewusst wahrzunehmen und einen respektvollen Umgang damit zu fördern. Pädagogische Fachkräfte reflektieren dabei auch eigene Vorstellungen, Zuschreibungen und Vorannahmen, um allen Kindern Teilhabe, Zugehörigkeit und Anerkennung zu ermöglichen.
Weiterführende Informationen:
Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung – nifbe e.V.
Pädagogischer Zirkel
Der Pädagogische Zirkel beschreibt einen reflexiven Prozess professionellen Handelns. Er unterstützt pädagogische Fachkräfte dabei, Situationen nicht vorschnell zu bewerten, sondern zunächst wahrzunehmen, zu verstehen, zu reflektieren und daraus begründete Handlungsentscheidungen abzuleiten. Der Ansatz macht deutlich, dass professionelle Haltung nicht einmal erworben wird, sondern sich in einem fortlaufenden Reflexionsprozess entwickelt.
Weiterführende Informationen:
Haltung entwickeln: Der pädagogische Zirkel als reflexiver Handlungsrahmen – nifbe e.V.
Weitere hilfreiche Links auf der nifbe Homepage und Literatur
Interaktionen in der KiTa qualitätsvoll gestalten – nifbe e.V.
Herausforderndes Verhalten professionell begleiten – nifbe e.V.
Literatur:
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