
Die Demokratie ist weltweit und auch bei uns in Deutschland unter Druck: Rechtspopulistische und -extremistische Bewegungen und Meinungen sind auf dem Vormarsch und der Grundkonsens für eine offene, tolerante und inklusive Gesellschaft bröckelt.
Das betrifft auch eine entsprechende frühkindliche Pädagogik und daher haben unter dem Motto des „Nie wieder ist jetzt!“ ein dutzend Expert*innen aus dem Feld das programmatische Buch „Haltung zeigen für demokratische Werte“ verfasst. Mit dabei sind u.a. Inke Hummel, Fea Finger, Kathrin Hohmann, Anja Cantzler oder Lea Wedewardt. Sie unterstreichen im Vorwort: „Bildungseinrichtungen haben die große Verantwortung und Chance, Kindern vorzuleben, was es bedeutet, demokratische Werte zu leben, Vielfalt wertzuschätzen und Diskriminierung abzubauen. Hier lernen die Kinder die Wichtigkeit von Freiheit, Gleichwürdigkeit, Mitbestimmung und Solidarität und können sie später in der Gesellschaft verteidigen.“ Und dazu brauche es „Mut“, „Wissen“ und „Handwerkszeug“, zu dem das vorliegende Buch nun beitragen möchte.
Im Eröffnungsbeitrag „Pädagogik ist politisch“ umreißt Inke Hummel, worauf es in der frühkindlichen Bildung unter demokratischen Vorzeichen ankommt: So müssten Kinder einerseits lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu erkennen und einzufordern, um psychisch gesund zu bleiben. Andererseits müssten sie lernen, „die Bedürfnisse anderer Menschen zu beachten, um in der Gesellschaft eingebunden zu sein“. Grundsätzlich bedürfe es also einer Balance zwischen dem eigenen Wohl und dem Allgemeinwohl. Für eine solche Persönlichkeitsentwicklung sieht die Pädagogin und Erfolgsautorin es auch als unabdingbar an, im alltäglichen Miteinander darauf zu achten, tatsächlich alle Kinder einzubeziehen: „Alle Kinder müssen in einem förderlichen, partizipativen Umfeld lernen und reifen dürfen. Jeder und jede braucht eine Stimme“. Dafür brauche es neben der Empathie und Feinfühligkeit der Fachkräfte auch verankerte pädagogische Konzepte in der KiTa. Und sie stellt klar: „Die pädagogische Haltung kann und darf nicht neutral, nicht tolerant für Intolerante sein.“
Die gelebte Partizipation in der KiTa als das Erlernen eines demokratischen Selbstverständnisses rückt Fea Finger in ihrem Beitrag in den Fokus und weist auf entsprechende rechtliche Verankerungen in den Kinderrechten, im SGB VIII und auch im Kinderschutzgesetz hin. Partizipation müsse in der KiTa sowohl strukturell verankert – z.B. über Beschwerdeverfahren oder Kinderparlamente – als auch im Alltag gelebt werden, damit Kinder „mitbestimmen, für sich selbst einstehen und mitgestalten dürfen“. Ein Hindernis für die Anerkennung der Kinder als selbstbestimmte und gleichwürdige Menschen stelle aber oftmals noch der tief verankerte Adultismus von Erwachsenen dar, mit dem sich Fachkräfte bewusst auseinandersetzen sollten.
Katrin Hohmann zeigt in ihrem Beitrag die Bedeutung einer empathischen und bedürfnisorientierten Beziehungsgestaltung auf, um die „freie Entfaltung der Persönlichkeit zu ermöglichen und ein stabiles Selbstwertgefühl zu fördern“. Fachkräfte sollten den Kindern im Alltag achtsam vorleben, wie ein respektvolles Miteinander gelingt und auf „Verbindung statt Macht“ und auf „Vertrauen statt Kontrolle“ setzen
Für ein demokratisches Leitbild in politisch unsicheren Zeiten als Anker und Orientierungspunkt plädiert Anja Cantzler. Sie stellt ein exemplarisches Leitbild des Netzwerks zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention vor, das als Rahmen dienen kann, aber für die Umsetzung in die Praxis von einem KiTa-Team noch intensiv bearbeitet und reflektiert werden müsse. Abgeleitet von einem solchen Leitbild könne auch eine „Selbstverpflichtungserklärung“ von allen Mitarbeiter*innen unterschrieben werden, „um sicherzustellen, dass alle die gleichen Werte und Leitlinien teilen und sich aktiv für die Förderung von Vielfalt, Toleranz und Demokratie einsetzen.“
Damit demokratische Werte in frühkindlichen Bildungseinrichtungen auch tatsächlich gelebt und geschützt werden können braucht es, so Lea Wedewardt in ihrem Beitrag, aber auch „Erwachsene, die verantwortlich handeln, die hinsehen und hinhören, die sich positionieren und klarstellen“. Sie führt aus, wie das Ansprechen eines grenzverletzenden Verhaltens mit Einfühlsamkeit und Klarheit gelingen kann, ohne die Würde, Integrität und Zugehörigkeit des Gegenübers zu verletzen: „Es geht darum zu verstehen, aber nicht einverstanden zu sein“.
Aus gleichermaßen politischer wie psychologischer Perspektive beleuchtet Anna Evers in dem Band abschließend die Frage „Was passiert, wenn wir nichts tun?“. Dann, so die Autorin, verlieren wir „nicht nur eine Generation von Kindern, sondern auch das Vertrauen in Werte, die uns als Gesellschaft verbinden und stabilisieren könnten“.
Neben diesen angerissenen Beiträgen versammelt das Buch noch ein halbes Dutzend weiterer Beiträge rund um die Themen Diskriminierung, Vielfalt, Solidarität oder auch dem Selbstmitgefühl als Basis von Toleranz. Die Beiträge in diesem Buch sind insgesamt kurzweilig und prägnant und angereichert mit Verweisen auf vertiefende Inhalte, Reflexionsfragen sowie Zitate berühmter Persönlichkeiten wie Barack Obama.
Der Sammelband setzt als Ganzes ein klares Ausrufezeichen für eine auf den Kinderrechten basierende, inklusive, partizipative und demokratische Frühpädagogik sowie eine entsprechende selbstbewusste und durchaus auch politische Haltung der Fachkräfte. Es ist ein kraftvolles Manifest für Offenheit, Toleranz und Selbstbestimmung und gegen einen Rückfall in autoritäre, menschenverachtende Zeiten und Strukturen – denn in der Frühpädagogik zeigt sich, wie wir als Gesellschaft zukünftig leben möchten.
Inke Hummel, Fea Finger, Kathrin Hohmann, Katharina Spangler, Anja Cantzler, Anna Evers, Lea Wedewardt, Nadine Köster, Ramona Noll, Sandra Richter, Sarah Bauer, Sebastian Lisowski: Haltung zeigen für demokratische Werte in Kita, Ganztag, Schule. Klett Kita, 96 S., 19,95 Euro
Karsten Herrmann