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Bewegungs- und leiborientierte Gewaltprävention  

Holger Jessel stellt mit seinem neuen Buch Möglichkeiten einer psychomotorischen Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen vor. Die besondere Perspektive des Autors ist der bewegungs- und leiborientierte Zugang zum Thema. Der Leib ist dabei mehr als nur der Körper, welcher oft vor allem nur als unser Werkzeug wahrgenommen wird. Der Leib ist darüber hinaus auch „nicht bewusster Mittelpunkt aller unserer Handlungen“ (S. 53). So ist „die Entstehung gewalttätiger Verhaltensweisen eng an die Körper- und Leiberfahrungen der Beteiligten gekoppelt“ (S. 13). Die Auseinandersetzung mit den eigenen Körper- und Leiberfahrungen (in Bewegung) kann dabei zugleich klärend und bewusstseinsschaffend sein und „zum Ausgangspunkt für persönlich bedeutsame Reflexions- und Entwicklungsprozesse werden“ (S. 14).

In diesem Sinne werden im Buch neben vielen theoretischen Erläuterungen auch Erfahrungssituationen aufgezeigt, die im bewegungsorientierten Zugang Kindern und Jugendlichen helfen können, sich eben ihres Leibes bewusst zu werden und damit bewusst(er) umzugehen. Diese Situationen sind keine Spiele, die man einfach in ein Bewegungsangebote einbaut und auch nicht dafür gedacht, in konkreten Konfliktsituationen eingesetzt zu werden. Aber auch Kinder und Jugendliche, die vermehrt in konflikthafte Situationen verwickelt sind, dürften mittelfristig davon profitieren, sich mit Hilfe der Erfahrungssituationen spielerisch-bewegungsorientiert und begleitet mit Kernfragen des menschlichen Zusammenlebens auseinanderzusetzen.   

Theoretische Einordnung

Holger Jessel nähert sich in diesem Buch der Thematik zunächst theoretisch an. So startet er mit Begriffsklärungen und Differenzierungen des Gewalt- und Aggressionsbegriffs, stellt Erklärungsmodelle der Entstehung von Gewalt dar und verdeutlicht das Ziel des vorliegenden Buches, die „Ermöglichung von Handlungsperspektiven, die genau an die jeweilige Entwicklungssituation der AdressatInnen angepasst werden“ (S. 45). Es handelt sich um kein Präventions- oder Interventionsprogamm, da im Konzept der psychomotorischen Gewaltprävention die aufgezeigte Komplexität von Entwicklungsprozessen berücksichtigt wird. 

Ein folgendes Kapitel bietet zusätzliche Begriffserklärungen und Einordnungen an, die helfen können, diesen systemisch-bewegungsorientierten Zugang des Autors zu durchdringen, der die Spezifik dieses Ansatzes kennzeichnet. Hier geht es um kurze Erläuterungen von z.B. Psychomotorik, zum Menschenbild, zur Zwischenleiblichkeit und zu systemischen Perspektiven. Diese beiden ersten Kapitel des Buches bezeichnet der Autor als „Architektur“ der psychomotorischen Gewaltprävention.  

Holger Jessel eröffnet in der Einleitung selbst die Möglichkeit, den theoretischen Teil zu überspringen, wenn man sich vor allem für die Praxis des Konzepts interessiert. Zu empfehlen wäre aber vor allem auch die Beachtung des dritten und letzten theoretischen Kapitels, in dem Argumente und Hilfestellungen angeboten werden, professionelles Handeln zu begründen. Hier wird psychomotorisches Verstehen von Situationen und Verhalten ebenso aufgezeigt wie die Bedeutung des Spiels und der Grundbedürfnisse. Auch Wirkfaktoren und Prinzipien psychomotorischer Gewaltprävention werden dargestellt, die für die praktische Arbeit wichtige Grundeinsichten vermitteln und zugleich unterstützen können, das eigene professionelle Handeln zu reflektieren und zu erklären. 

Im Praxisteil wird zunächst ein idealtypischer Prozessverlauf beschrieben. Diese Beschreibung ist jedoch nur als grobes Gerüst zu verstehen, das die konkrete Prozessgestaltung erleichtern soll, die immer situativ und individuell maßgeschneidert sein muss. Unterschieden werden hier Angebote für Familien, Gruppen und Individuen. Schließlich werden im letzten Kapitel 44 praxiserprobte Erfahrungssituationen dargestellt, die zwölf Themenbereichen zugeordnet sind. Dabei werden jeweils die Grundidee der Erfahrungssituation erläutert, Variationen und Intentionen aufgezeigt sowie ein psychomotorischer Blick auf die Erfahrungssituation angeboten. Dabei geht es um Themen wie z.B. das Spüren und Erleben des eigenen Leibes, das Schaffen eines eigenen sicheren Ortes, in Kontakt treten, Nähe und Distanz sowie Grenzen wahrnehmen und ausdrücken. 

Durchdachtes Präventivkonzept mit Potenzial

Das Buch ist keine einfache Rezepte- oder Spielesammlung, sondern ein sehr durchdachtes Präventivkonzept, mit dem man sich näher beschäftigen sollte, um das Potenzial der vorgestellten Erfahrungssituationen (die im Übrigen auch innerhalb eines Teams spannende Impulse und Reflexionsprozesse anregen können) voll ausschöpfen zu können. Der große theoretische Anteil am Buch, der stellenweise recht anspruchsvoll und wissenschaftsorientiert geschrieben ist, mag manche*n Leser*in verschrecken. Vielleicht lohnt sich hier tatsächlich ein niedrigschwelliger, praktischer Einstieg mit den Erfahrungssituationen. Beim genauen Hinsehen helfen viele Fallbeispiele und Situations-Zitate, die Inhalte einordnen zu können und sich damit bewusst zu beschäftigen. Und die vielen theoretischen Anteile ergeben auch etwas Ganzes, das letztlich der Komplexität der Thematik gerecht wird und missverständliche Vereinfachungen vermeiden möchte. In jedem Fall liegt mit diesem Buch ein ganz anderer Zugang zur Thematik vor, der den Blick auf bestimmte Situationen und Verhaltensweisen verändern kann.  

Jessel, Holger (2026): Psychomotorische Gewaltprävention bei Kindern und Jugendlichen. München: Ernst Reinhardt. 

Peter Keßel

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"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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