Vor welchen Herausforderungen steht die KiTa-Fachberatung in einem gesellschaftlichen Spannungsfeld, das von hohen Erwartungen an die frühkindliche Bildung und einer gleichzeitigen KiTa-Krise sowie einer grundsätzlich veränderten Kindheit geprägt ist? Diese Frage wurde auf dem mittlerweile 12. nifbe-Fachtag unter der Gesamtmoderation von nifbe-Transfermanagerin Mirela Schmidt beleuchtet und intensiv miteinander diskutiert.
In einem digitalen Grußwort unterstrich der nifbe-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Kai-Uwe Kühnberger die Vielzahl von Herausforderungen, vor denen das System-KiTa heute stehe – von der Be- und Überlastung der Fachkräfte oder das zunehmend als herausfordernd wahrgenommene Verhalten von Kindern bis zu einer umfassenden Digitalisierung. „Die Fachberatung“, so Kühnberger, „nimmt eine zentrale Rolle bei der Bewältigung dieser Herausforderungen ein“ und müsse daher „weiter gestärkt und gesetzlich verankert“ werden. Mit ihrer Unterstützung der KiTas, der Bündelung von Expertise und ihrer Methodenvielfalt stehe Fachberatung für eine „forschungsbasierte Professionalisierung und Qualitätsentwicklung der frühkindlichen Bildung“ und werde dabei konsequent durch das nifbe begleitet. Gemeinsames Ziel sei es, „eine KiTa zu schaffen mit gleichen Chancen für alle Kinder von Anfang an“.

In ihrem Auftaktvortrag beleuchtete Prof. Dr. Johanna Mierendorff von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg eine in den letzten Jahren grundlegend veränderte Kindheit und sensibilisierte für die aktuelle Komplexität der Lebensbedingungen von Kindern. Die frühkindliche Bildung sei dabei mit einer „Heilserwartung“ und letztlich unrealistischen Erwartungen und Ansprüchen konfrontiert.
Die aktuelle Kindheit beschrieb Johanna Mierendorff als eine „extrem lange und extrem behütete Lebensphase“, als einen „Schutzraum für Bildung und Entwicklung“. Dabei hätten sich die Familienmodelle extrem verändert und die Elternschaft zeige sich heute durch Berufstätigkeit, hohe Bildungserwartungen für ihre Kinder und die digitalen Medien überfordert. Eine durch den rapiden Anstieg der Betreuungsquoten institutionalisierte Kindheit verbinde sich dabei mit einer „organisierten und kommerzialisierten Freizeit“.
Grundsätzlich, so die Wissenschaftlerin, zeigen sich Kindheiten heute „sozial und kulturell sehr unterschiedlich“ – und dies nicht zuletzt durch die Flucht- und Migrationsbewegungen sowie eine relativ hohe Armutsquote, von der insbesondere auch Alleinerziehende betroffen seien.
Die KiTa skizzierte sie als eine seit den 2000er Jahren von hoher Regulationsdichte geprägte Institution, in die eine Reihe von neuen Instrumenten der Qualitätssicherung Einzug gehalten hätten: Von den Bildungsprogrammen über Dokumentationen und Portfolios oder Schutzkonzepte und Beschwerdeverfahren bis hin zum umfassenden Anspruch der Inklusion. Der Fachberatung wies Johanna Mierendorff bei der Bewältigung der aktuellen Erwartungen und Herausforderungen durch eine veränderte Kindheit eine „Schlüsselrolle“ zu.

Auf der Grundlage des Auftaktvortrags diskutierten die gut 100 Teilnehmer*innen ausführlich die aktuellen Herausforderungen im System KiTa. Konstatiert wurden hierbei zunächst „hochengagierte KiTas“ und „Erzieher*innen, die oftmals über ihr Limit gehen“ und strukturelle Defizite des Systems kompensieren würden. Es gebe ein „politisches Umsetzungsdefizit“ z.B. im Hinblick auf einen veralteten Orientierungsplan und das NKiTaG sowie eine „fehlende gesetzliche Verankerung der Fachberatung“. Es gelte daher das „politische Mandat zu ergreifen und gemeinsam zu kämpfen“.
Konkret sahen es die Fachberater*innen als eine ihrer zentralen Aufgaben an, die „Fachkräfte in die Reflexion zu bringen und sie sprachfähig zu machen“, gerade auch gegenüber Eltern. Es gelte sich dabei verstärkt bewusst zu machen, was schon gut läuft und sich gleichzeitig von den hohen bildungspolitischen Heilserwartungen zu entlasten. Zugleich komme es aber auch darauf an, „alte Vorstellungen und Standards“ oder „überholte Normalitätsvorstellungen“ zu hinterfragen und die Kunst des Perspektivwechsels einzuüben und sich immer wieder zu fragen: „Was brauchen die Kinder wirklich?“
Für sich selber wünschten die Fachberater*innen „weniger Feuer löschen zu müssen“ und im Sinne einer Prozessbegleitung mehr in eine kontinuierliche Unterstützung und Begleitung der KiTas zu kommen. Die Themen müssten dabei idealerweise „aus den Kitas selber kommen“ oder aber anschlussfähig an die jeweiligen aktuellen Ausgangslagen und Bedarfe sein.
Auf dem Fachtag zeigte sich einmal mehr, vor welchen großen Herausforderungen das System KiTa im Zuge einer gravierend veränderten Kindheit und den nach wie vor unzureichenden strukturellen Rahmenbedingungen steht. Angesichts der von Johanna Mierendorff skizzierten „institutionalisierten Kindheit“ und einer „überforderten Elternschaft“ stellt sich letztlich auch die Frage, ob sich KiTas tatsächlich (wie beispielsweise von Aladin El Mafalaani argumentiert) von einer familienergänzenden zu einer familienersetzenden Institution entwickeln – und was das wiederum für die Rolle von KiTa und Fachberatung zukünftig bedeutet.
Zum Abschluss des Fachtages bekamen die Fachberater*innen vom nifbe noch eine kleine Präsenttüte überreicht, in der sich unter anderem eine „Verflixte Schlinge“ befand, die im Plenum für viel Spaß, rauchende Köpfe und gemeinsame Problemlösungen sorgte – und so wunderbar auf zukünftige schwierige Herausforderungen vorbereitete.
Karsten Herrmann