Das System KiTa steht in den letzten Jahren unter starkem Druck und die psychische Gesundheit von Kindern wie auch Fachkräften zeigt sich zunehmend als gefährdet. Wie kann KiTa nun aber trotz zumeist unzureichender struktureller Rahmenbedingungen wieder mehr zu einem Ort des Wohlfühlens, zu einem Ort der empathischen und responsiven Beziehungs- und Interaktionsgestaltung sowie bestmöglichen Bildung und Entwicklung der Kinder werden?
Antworten auf diese Frage können die beiden sich überschneidenden Konzepte des Wohlbefindens und der Resilienz liefern, die in den letzten Jahren für die frühpädagogische Praxis stark diskutiert und weiterentwickelt worden sind.
Das Wohlbefinden der Kinder wird im aktuellen frühpädagogischen Diskurs als »wichtige[r] Indikator« (Eberlein & Schelle 2018, S. 388) oder als »Ausgangs- und Zielpunkt« (Reker & Spiekermann 2021, S. 60) für die institutionelle Kindertagesbetreuung und ihre pädagogische Qualität angesehen. Schon vor zwanzig Jahren unterstrichen Tietze et al., dass qualitativ hochwertige pädagogische Prozesse das Wohlbefinden der Kinder sicherstellen und ihre motorische, sozialemotionale und kognitive Entwicklung fördern sollen (vgl. Tietze et al. 2005). Als Qualitätsentwicklungsverfahren für die Krippe nimmt so auch das Dresdner Modell das kindliche Wohlbefinden zum Ausgangspunkt für pädagogisches Handeln (vgl. Neher et al. 2019).
Kindliches Wohlbefinden – und damit eng zusammenhängend eine wertschätzende und verlässliche Beziehungsgestaltung – gilt als Grundlage für das Lernen und die frühkindliche Entwicklung. Auf der Kehrseite zeigt das Nicht-Wohlbefinden, im Sinne von Unwohlfühlen und Stress, in der Regel ein nicht erfülltes Bedürfnis an und kann unter anderem zu einem in den letzten Jahren zunehmend von Fachkräften wahrgenommenem »herausforderndem Verhalten« von Kindern führen.
Doch was ist kindliches Wohlbefinden eigentlich? Wohlbefinden gilt in der Forschung als ein »fuzzy«-Konzept (Betz et al. 2018, S. 13), auf das aus ganz verschiedenen Perspektiven geschaut wird und das bei näherem Hinschauen einen verschwommenen und unscharfen Charakter bekommt. Es ist ein mehrdimensionales und komplexes Konstrukt mit starken Überschneidungen zu anderen Konzepten und Theorien – von Konzepten zu Gesundheit und Resilienz bis zu Selbstbestimmungs- und Bindungstheorien.
Lange Zeit wurde kindliches Wohlbefinden in internationalen Studien insbesondere auf einer Makroebene und aus einer entsprechend quantifizierenden und objektivierenden Perspektive beschrieben. Herangezogen wurden hier beispielsweise Indikatoren wie Einkommen, Bildungsstand und Wohnsituation der Eltern, um daraus Rückschlüsse auf das kindliche Wohlbefinden zu ziehen. Erst in den letzten Jahren werden über (standardisierte) Fremd- und Selbsteinschätzungen zunehmend verschiedene Dimensionen des kindlichen Wohlbefindens wie Freunde, Freizeit, Bildung oder soziales Umfeld in den Blick genommen und auch die subjektive Perspektive von Kindern im KiTa-Alter selbst erfasst (vgl. z. B. Nentwig-Gesemann et al. 2017).
Auch wenn sich die konzeptionellen Diskurse zum kindlichen Wohlbefinden und entsprechende Forschungen in den letzten Jahren deutlich intensiviert haben (vgl. z. B. Z.f.Päd. 2014; Viernickel & Andresen 2022), gibt es bis heute noch keine einheitliche, anerkannte Definition, was genau kindliches Wohlbefinden ist (Viernickel 2022). Zu beachten ist an dieser Stelle, dass das kindliche Empfinden von Wohlbefinden neben individuellen Dispositionen immer auch von den jeweiligen kulturellen und sozio-ökonomischen Hintergründen beeinflusst ist und die entsprechend förderlichen oder gefährdenden Faktoren unterschiedlich sein können.
Grundsätzlich sind in der Erforschung des kindlichen Wohlbefindens vor allem zwei Traditionen identifizierbar, eine hedonische und eine eudaimonische. Kurz gefasst ist die hedonische Tradition auf den lustvoll und positiv erlebten Augenblick, auf das Hier und Jetzt ausgerichtet, während die eudaimonische Tradition Wohlbefinden in einen größeren psychologischen Entwicklungskontext einbettet und dabei auch die Zukunft in den Blick nimmt (vgl. Viernickel 2022).
Unter Berücksichtigung beider Aspekte ist Wohlbefinden auf einer »Matrix aus Sein und Werden« (Ben-Arieh & Frønes 2011, S. 464) zu verorten, in dem sowohl das aktuelle subjektive Wohlbefinden (well-being) einfließt wie auch die Potenziale einer zukünftigen positiven Entwicklung und Selbstverwirklichung (well-becoming) (vgl. Viernickel & Jankowicz 2022).
Als unabdingbarer Faktor für das Wohlbefinden von Kindern in der Familie und der KiTa (vgl. Keßel et al. 2024) kann die Erfüllung der körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse angeführt werden. Neben Maslows Bedürfnispyramide und den seelischen Grundbedürfnissen nach Grawe kann hier insbesondere auch die Selbstbestimmungstheorie nach Deci und Ryan (1993) als Kompass dienen.
Sie benennen hier drei zentrale Bedürfnisse:
Die Erfüllung dieser Bedürfnisse trägt entscheidend zum Wohlbefinden der Kinder bei. Speziell auf das Setting KiTa werden Aspekte wie die Stabilität von Betreuungsverhältnissen, der Lärmpegel, die Fachkraft-Kind-Relation oder die Gruppengröße im Zusammenhang mit dem Wohlbefinden der Kinder diskutiert, allerdings ist die Evidenz hier noch nicht immer eindeutig. Besonders hohes Wohlbefinden konnte bei Kindern allerdings im ungestörten, freien und auch riskanten Spiel nachgewiesen werden (Viernickel 2025, S. 23).
In einem Reframing der Erkenntnisse zur KiTa-Qualität aus Kindersicht haben Nentwig-Gesemann und Fröhlich-Gildhoff (2022) vier Kernbereiche ausgemacht, deren Qualität für das Wohlbefinden von Kindern entscheidend ist: Das Selbsterleben, das Erleben sozialer Beziehungen, das Erleben von Raum, Dingen und Zeit sowie das Erleben organisationaler und generationaler Rahmung (vgl. Nentwig-Gesemann 2025).
Eine zentrale Rolle für das Wohlbefinden von Kindern liegt auch in der sozioemotionalen Entwicklung, wie Tina Malti (2025) und Kolleg*innen ausführen. Sie gehen dabei von einem in uns (genetisch) angelegten Potenzial für Güte und Prosozialität aus, das zur Entfaltung gebracht werden muss und dann zum Wohlbefinden beiträgt – denn prosoziales Verhalten führt unabhängig von einer direkten Belohnung oder Anerkennung zu positiven Emotionen und ebenso zu einer stärkeren sozialen Einbindung. Beides sind wiederum wesentliche Aspekte des Wohlbefindens. Als ebenso wichtig erscheint aber die in Wechselwirkung zum prosozialen Verhalten stehende Emotions- und Selbstregulation.
So hat jüngst auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2024) in einem Gutachten herausgehoben, dass die Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen entscheidend für ihr Wohlergehen und ihre Entfaltungsmöglichkeiten sind, insbesondere für ihre psychische und körperliche Gesundheit, Bildung und soziale Teilhabe. Kinder mit höheren Emotionsregulationsfähigkeiten verhalten sich demnach sozial angemessener und geraten seltener in Konflikte mit Gleichaltrigen, während Kinder mit Schwierigkeiten in der Emotionsregulation häufiger aggressive und externalisierende Verhaltensweisen zeigen. Wie Carmen Deffner (2025) ausführt, verfügen sich selbst regulierende Kinder über die Fähigkeiten, gut mit Stress umgehen zu können, ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren, und besitzen mentalisierende Fähigkeiten.
Gerade die jungen und jüngsten Kinder brauchen bei ihrer sozial-emotionalen Entwicklung eine feinfühlige Ko-Regulation durch die Fachkräfte in den KiTas. Eine solche feinfühlige Ko-Regulation wie auch darüber hinaus eine insgesamt wertschätzende und verlässliche Beziehungs- und Interaktionsgestaltung hängen aber wiederum entscheidend vom Wohlbefinden der Fachkräfte ab. Es ist belegt, dass unzufriedene, gestresste und überforderte Fachkräfte nicht mehr im geforderten Maße in der Lage sind, auf die Signale der Kinder einzugehen und sie auch entsprechend zu ko-regulieren (vgl. Jeon et al. 2019). Aus neurobiologischer führt Ineke Eilers (2025) das Verhältnis zwischen dem Wohlbefinden der Kinder und dem der Fachkräfte in der KiTa aus und konstatiert, dass kindliche Entwicklungs- und Bildungsprozesse eng mit dem körperlichen, geistigen und emotionalen Zustand ihrer erwachsenen Bezugsperson verknüpft sind.
Aktuelle Studien und Befragungen zeigen nun aber ein hohes Maß an Be- und Überlastung der pädagogischen Fachkräfte, die insbesondere durch den Personalmangel und dem zunehmend als herausfordernd wahrgenommenen Verhalten von Kindern verursacht wird – in Niedersachsen fühlen sich so rund zwei Drittel der KiTa-Teams »stark bis sehr stark belastet« (Herrmann & Hartwig 2025, S. 20). Wie Anja Voss (2025) anhand von Krankenkassen-Daten aufzeigt, sind so auch die Arbeitsunfähigkeitstage des KiTa-Personals zwischen 2021 und 2023 um 26 Prozent gestiegen und die Arbeitsunfähigkeit lag mit durchschnittlich 30 Tagen um die Hälfte höher als in anderen Berufsgruppen. Insbesondere die Arbeitsunfähigkeitstage infolge psychischer Erkrankungen im KiTa-Bereich sind dabei in den letzten Jahren stark angestiegen.
Im Rahmen eines aktuellen Forschungsprojektes konstatieren Rahel Dreyer (2025) und Kolleg*innen: »Pädagogische Fachkräfte arbeiten unter gesundheitlich riskanten Bedingungen. Besonders kritisch sind quantitative Belastungen wie Zeitdruck und Gruppengröße«.
In der Folge eines Teufelskreises aus Personalmangel und Überlastung des verbliebenen Personals ist in den Medien mittlerweile allenthalben von einer ausgeprägten KiTa-Krise die Rede und Wissenschaftler*innen warnen schon eindringlich vor einem »KiTa-Kollaps« . Umso wichtiger ist es daher, dass Fachkräfte ihre professionelle Selbstfürsorge und Selbstregulation nicht aus dem Blick verlieren – denn ihr körperliches, emotionales und psychisches Wohlbefinden ist Voraussetzung für das Wohlbefinden der Kinder in der KiTa. Diese haben eine sehr sensible Antenne für (auch unbewusste) Signale der Anspannung und Abwehr von Fachkräften und schalten in einen Alarmmodus, weil sie befürchten, dass ihre Beziehungs- und Bindungsbedürfnisse nicht mehr erfüllt werden – der mögliche Beginn einer Eskalationsspirale.
Für eine professionelle (psychische) Selbstfürsorge können Fachkräfte ebenso wie für eine (physische) Gesundheitsförderung einerseits einen individuellen Beitrag leisten. Dafür muss in der KiTa andererseits aber auch eine entsprechende förderliche Team-, Leitungs- und Organisationskultur entwickelt werden, in der gesundheitsförderliche Strukturen und Alltagsroutinen implementiert sind.
Wie oben schon ausgeführt, kann Wohlbefinden und Resilienz grundsätzlich durch die Erfüllung der körperlichen und seelischen Grundbedürfnisse gefördert werden. Zentral ist hierbei eine gleichwürdige und integritätswahrende und jeglichen Adultismus vermeidende Beziehungs- und Interaktionsgestaltung auf der Basis von Kinderrechten und Kinderschutz (vgl. Helia Schneider 2025). Ein besonderes Potenzial für die Förderung von Wohlbefinden und Resilienz liegt darüber hinaus in psychomotorischen Angeboten (vgl. Martzy, Keßel, Dintsioudi 2025), in der Kulturellen bzw. Ästhetischen Bildung (vgl. Borg-Tiburcy 2025) und auch in der immer wieder unterschätzten Peer-Interaktion im »toddler style« (vgl. Wüstenberg, Schneider 2025). Hier kommen die Aspekte von Beteiligung, Selbstwirksamkeit, Kompetenzerleben und sozialer Einbindung in exemplarischer Weise zum Tragen.
Neben der bewährten Leuvener Engagiertheitsskala sind in den vergangenen Jahren aus Forschungsprojekten weitere Instrumente entstanden, um kindliches Wohlbefinden in Krippe und Kindergarten zu überprüfen und zu reflektieren von WaBe (Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse) über WoGe (Beobachtungsbasierte Wohlbefindens- und Gefährdungsbeurteilung), ILEA-Basis-T (Individuelle Lernentwicklungsanalyse von Basiskompetenzen in der inklusiven Transition KiTa – Schule) bis zur aktualisierten Early Excellence-Beobachtungssystematik. (vgl. nifbe 2025).
Neben dem kindlichen Wohlbefinden hat auch die Resilienz in den letzten Jahren eine hohe Aufmerksamkeit im frühpädagogischen Diskurs und weit darüber hinaus bekommen. Ursache dafür sind unter anderem die weitreichenden Krisen des vergangenen Jahrzehnts wie die sogenannte »Flüchtlingswelle« 2015/2016, die Corona-Pandemie und eine kaum für mögliche gehaltene Rückkehr des Krieges nach Europa. Hinzu kommen noch autoritäre und rechtsextremistische Tendenzen, mit der die Demokratie in Gefahr gerät sowie (a)soziale Medien, in denen der gesellschaftliche und politische Diskurs – befeuert durch entsprechende Algorithmen – sich immer weiter enthemmt und polarisiert.
Als notwendig erscheint daher eine gezielte Förderung der Resilienz oder seelischen Widerstandskraft von Kindern, aber auch von Fachkräften sowie letztlich von ganzen Organisationen und Systemen. Resilienz als die Fähigkeit, mit Belastungen und Herausforderungen konstruktiv umzugehen, ist von großer Bedeutung für eine gesunde Entwicklung und das psychische Wohlbefinden von Kindern und Erwachsenen, und wird in einem dynamischen Prozess der Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickelt. Zu unterscheiden ist dabei zwischen Schutz- und Risikofaktoren (vgl. Rönnau-Böse 2025).
Das Konzept der Resilienz weist erhebliche Überschneidungen mit dem Konzept des Wohlbefindens auf und beide stehen in einem Wechselverhältnis. Die Schutz-Faktoren, die zur Resilienz beitragen, ähneln dabei jenen, die zum Wohlbefinden beitragen: Als erstes anzuführen sind hier wiederum unterstützende und wertschätzende Beziehungen, die Erfahrung von Autonomie, Selbstwirksamkeit und Problemlösefähigkeit sowie Selbstregulations-Kompetenzen.
Resilienz darf aber nicht allein auf der individuellen Ebene und in der persönlichen Verantwortung verbleiben. Es gilt, wie Petra Strehmel (vgl. 2025) ausführt, insgesamt ein krisenfestes und kompetentes System KiTa zu entwickeln. In diesem trägt jede Ebene – von der Fachkraft über Träger, Verbände, Ministerien bis zur Politik – zur Resilienz des gesamten Systems bei und stärkt sich gegenseitig: eine schöne Vision, die im gemeinsamen Wirken aller Akteure Stück für Stück der Wirklichkeit anzunähern ist!

Hinweis:
Dieser Fachbeitrag ist die leicht überarbeitete Fassung der Einleitung zum nifbe-Buch „Wohlbefinden und Resilienz in der KiTa“.

Karsten Herrmann ist Stellvertretender Geschäftsführer des nifbe e.V. und insbesondere auch für die Wissenschaftskommunikation sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig.