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Willst Du mein Freund sein?“

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Einsamkeitserfahrungen jüngerer Kinder

Jules sitzt im Windfang der Kita. Es ist 16.25 Uhr und Mama ist noch nicht gekommen. Das Kind hat schon alles an – Mütze, Schal, Handschuhe. Spielen darf man jetzt nicht mehr, weil alles aufgeräumt ist. Die Erzieherin Eva läuft mit dem Wäschekorb vorbei. „Immer so spät, die Mama!“ Jules macht sich Sorgen, dass der Bus wieder ausgefallen ist und hat Bauchweh.

Was bedeutet Einsamkeit?

Einsamkeit ist ein Phänomen, ein Gefühl, dass über die ganze Lebensspanne auftreten kann. In Medien wird es oft mit einem höheren Alter in Verbindung gebracht, wenn Menschen nach und nach ihre sozialen Kontakte z.B. durch Tod verlieren und keine oder nur wenige neue aufbauen können. Einsamkeit hat somit etwas mit sozialen Kontakten zu tun, doch auch Jugendliche, die zur Schule gehen und viele Kontakte haben, beschreiben in aktuellen Umfragen (Daps und Thomas, 2026) Gefühle von Einsamkeit. Also spielt darüber hinaus die Qualität, die Tiefe der Kontakte, offenbar eine entscheidende Rolle. Soziologen und Psychologen unterscheiden daher zwischen dem „allein sein“ und dem „einsam sein“, wobei letzteres in der Regel eine negative, ungewollte und unerwünschte Erfahrung ist.

Ein Kind, dass ohne andere im Sandkasten der Kita spielt und in seine Baustelle vertieft ist, ist zunächst in dem Moment einfach allein. Es kann sein, dass es gleich die Baustelle verlässt, um Fußball zu spielen oder andere Kinder in sein Spiel einlädt. Ein Kind, dass regelmäßig zurückgezogen spielt und wenig in Kontakt mit anderen Kindern sowie den Fachkräften steht, könnte sich hingegen einsam fühlen. Expert*innen unterscheiden zwischen verschiedenen Formen von Einsamkeit sowie deren Dauer im Moment bzw. in der Lebensspanne.

Inwieweit kleine Kinder diese Gefühle erfahren, ist wenig erforscht. Zum einen können sie Einsamkeit vielleicht gar nicht konkreter benennen, zum anderen werden sie in der Regel weniger häufig direkt befragt, weil der Zugang für Forschende nicht ganz einfach ist. Das DJI ging 2025 davon aus, dass etwa jedes 5. Kind sich öfter einsam fühlt. Hierbei wurden Kinder ab fünf Jahren befragt.

Einsame Kinder

In den 2000er Jahren versuchte Thorsten Herbst die Lücke in der Forschung mit seiner Dissertation in den Blick zu nehmen. Dazu befragt er junge Menschen, etwa Studierende, nach Einsamkeitserfahrungen in der früheren Kindheit.

Auf die Frage, unter welche Umständen Kinder einsam sind, waren folgende Antworten am häufigsten (Herbst, 2010, S. 221ff): Einsamkeit entsteht allgemein durch fehlende emotionale Zuwendung, durch unfreiwillige Situationen, in denen ein Kind allein ist oder durch eine aktive Ausgrenzung von Gleichaltrigen.  Als Situationen wurden die Trennung der Eltern, Erfahrungen von Tod im Familienumfeld, aber auch Alltagssituationen wie oft als letztes Kind aus der Kita abgeholt zu werden genannt. Eine Person beschreibt, dass sie sich nach emotionalen Gefühlsausbrüchen einsam und unverstanden gefühlt habe, weil sie selber die Gefühle gar nicht einordnen konnte. „Im schlimmsten Fall folgten sogar Sanktionen“, so die befragte Person. (Herbst, ebd, S. 243)

Herbst plädiert in seiner Untersuchung für eine „soziale Mindestgeste“ durch verantwortliche Bezugspersonen. Dabei müsse es qualitativ ausreichende aktive Hinwendung zum Kind geben. Die Person gibt eine solidarische und verlässliche Antwort auf eine kindliche emotionale Bedürfnislage. Sie unterstütz die Selbstwirksamkeit und ebnet einen Weg zu Teilhabe und zum Sinnempfinden in der Gemeinschaft. (vgl. Herbst, ebd, S. 347).

Alle Befragten, so Herbst (ebd, S. 345), wünschten sich, dass ihre Gefühle bemerkt und feinfühlig aufgegriffen werden. Diese sollten ernstgenommen sowie an- und auch ausgesprochen werden. Denn geholfen in der Einsamkeit haben zunächst aufmerksame Erwachsene, später auch Freunde. „Ich (…) kann jedem nur wünschen, dass er, wenn er in seiner Kindheit einsam war, auch eine solche Person gekannt hat, die immer für einen da war.“, so eine befragte Person (ebd. S. 267)

Lebensereignisse, die bei Kindern Einsamkeitserfahrungen auslösen können

Wer viel mit Kindern in Kontakt ist, hat sicher schon einmal die Erfahrung gemacht, welches „Drama“ entstehen kann, wenn das geliebte Kuscheltier irgendwo vergessen wurde, verloren gegangen oder auch „nur“ in der Waschmaschine ist. Wie schwerwiegend muss sich es sich somit für ein kleines Kind anfühlen, wenn geliebte Haustiere oder Menschen nicht mehr wiederkommen?

Weitere Ereignisse, die zu kindlicher Einsamkeit führen, können sein:

  • Mangel an Bindung zu den engsten Bezugspersonen wie den Eltern und der Familie
  • Verlust von Kontakten durch Umzug, Trennung, Scheidung
  • Verluste durch Flucht
  • Verluste von Bezugspersonen durch Tod
  • Weitere schwerwiegende Ereignisse wie Naturkatastrophen
  • Transitionen wie Übergang in die Krippe, die Kita oder die Grundschule sowie Kita-Wechsel
  • Teilhabeeinschränkungen wie (Schwer-) Behinderungen oder Armut
  • Diskriminierungserfahrungen wie Rassismus oder Klassismus

Rolle der Kita Fachkraft

Kita Fachkräfte sind für die pädagogische Interaktionsqualität sowie für die Bildungs- und Entwicklungsbegleitung und Förderung der Kinder verantwortlich. Sie sollten daher in der Lage sein zu beobachten und zu erfassen, ob Kinder von Einsamkeitserfahrungen betroffen sind. Diese können sich in vielfältigen und teils als herausfordernd erlebtem Verhalten ausdrücken. Das Deutsche Rote Kreuz hat dazu ein kurzweiliges E-Learning sowie einem dazugehörigen Handbuch veröffentlicht. Fachkräfte sind verantwortlich, sich dem Kind und dessen Gefühlen sensibel anzunehmen, damit es sich gesehen und zugehörig fühlen kann und in der Lage ist, mit anderen Kindern und Erwachsenen in der Kita nicht nur quantitativ sondern insbesondere qualitativ ausreichend in Kontakt zu sein.

Fazit

Natürlich können kleine Kinder in Krippe und Kita sich einsam fühlen. Sie können dieses Gefühl nur nicht unbedingt benennen. Fachkräfte sollten unterschiedliche Verhaltensweise gut beobachten und mit Kolleg*innen gemeinsam beraten und einordnen. Dabei ist es ebenfalls wichtig, die Lebenslage der ganzen Familie einzubeziehen. Wichtig ist die von Thorsten Herbst geforderte „soziale Mindestgeste“ gegenüber einsamen Kindern. Erwachsene sind für das Wohlergehen von Kindern verantwortlich und Einsamkeitserfahrungen dürfen nicht zur „Verschlusssache“ werden. Beleibt die „Mindestgeste“ regelmäßig aus, so Herbst (ebd, S.259ff), kann es für die weitere Entwicklung der Kinder schwerwiegende Folgen haben.

Epilog

Mara ist die neue Erzieherin in der Kita von Jules. Sie hat zum ersten Mal Spätdienst. Als alle anderen Kinder abgeholt sind, sagt sie: „Willst Du mit mir zusammen die Wäsche machen, während wir auf Mama warten?“ Heute hat Jules kein Bauchweh.

Möchten Sie das Thema in Ihrer Kita einbringen?

Reflexionsfragen

  • Wann haben wir in der Kita schon einmal über das Thema „Einsamkeit“ bei Kindern gesprochen?
  • Wie bringen wir Verhalten von Familien und Kindern auch mit Einsamkeit in Verbindung?
  • Warum könnte es uns weiterhelfen, wenn wir uns einmal über eigenen Erfahrungen von Einsamkeit in der Kindheit austauschen?
  • Inwieweit könnte es allen Beteiligten helfen, das Thema stärker in den Blick zu nehmen und aus der „Tabu-Zone“ heraus zu holen?
     
     

Quellen


Arriagada, C. (2023): Factsheet – Was ist Einsamkeit. Kompetenznetz Einsamkeit www.kompetenznetz-einsamkeit.de
Daps, M., Thomas S. (2026): JuCo V – Studienergebnisse zum Wohlbefinden Jugendlicher und junger Erwachsener in Krisenzeiten. Hildesheim. Universitätsverlag
JuCo V – Studienergebnisse zum Wohlbefinden Jugendlicher und junger Erwachsener in Krisenzeiten
Deutsches Rotes Kreuz (2025):  TeilSein – Landesverband Schleswig-Holstein e.V.
Langmeyer, A., Entleitner-Phelps, C. (2025): Allein unter anderen – wenn Kinder sich einsam fühlen. In: DJI Impulse 2/2025
Herbst, T. (2010): Die Kindliche Einsamkeit. Paderborn, Junfernmann

Buchtipp:
Einsam – ein Bilderbuch ab 4 Jahren

Britta Teckentrup (2025), Verlag Prestel junior

Veröffentlicht:
26. März 2026
Transfermanagerinnen | iris.hofmann@nifbe.de

Schwerpunkte und Themen

  • Professionalisierung des Feldes „Pädagogische Fachberatung in Kitas“
  • Gesundheit und Resilienz
  • Familien in Armutslagen und armutssensibles Handeln in der Kita
  • Zusammenarbeit mit (geflüchteten) Eltern in der Kita
  • Partizipation von Kindern in der Kita

Beruflicher Hintergrund

  • Erziehungswissenschaftlerin (M.A., Universität Hildesheim, 2009)
  • Dipl.- Sozialpädagogin (FH Emden, 1997)
  • Weiterbildungszertifikat „Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita“ (Institut für Partizipation und Bildung, MOOC, 2020)
  • Zertifikat als Multiplikatorin der Initiative „Vielfalt fördert! Vielfalt fordert!“ (AEWB Hannover, 2016-2018)
  • Zertifikat der Fortbildung „Lebensweltorientierte Beratung“ (FH Hannover, 2001-2003)

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Iris Hofmann (2023 i.E.): Fachberatung als neuralgische Stelle im institutionellen Kinderschutz. In: Hör auf damit! nifbe (Hg.) (2023). Hör auf damit! Zwischen verletzendem und achtsamem Verhalten in der KiTa. Freiburg: Herder Verlag.
  • Iris Hofmann und Michaela Kruse (2023 i.E.): Biografie, Werte und Haltung in der pädagogischen Arbeit. In: nifbe (Hg.) (2023). Hör auf damit! Zwischen verletzendem und achtsamem Verhalten in der KiTa. Freiburg: Herder Verlag
  • Iris Hofmann und Michela Kruse (2021): Wir schaffen das gemeinsam- in der Kita Resilienz stärken (nifbe Themenheft Nr. 37)
  • Iris Hofmann (2020): Vielfalt trifft Qualität. TPS, Ausgabe 2/20
  • Iris Hofmann (2018): Passende Angebote häufig Fehlanzeige. Zur Aus-, Fort- und Weiterbildung von Fachberatungen. In: Elke Alsago u.a. (Hg.), Fachberatung im Aufbruch, Freiburg: Herder Verlag (Erscheint 2023 in überarbeiteter Neuauflage)

Außerdem:

  • Entwicklung eines Escape-Spiels zu Lebenslagen von Familien in Armut mit der LAG „soziale Brennpunkte und der AEWB, gefördert vom Nds. Sozialministerium (2020-23) und Referentin der AEWB für die Trainer*innen-Qualifizierung zum Spiel, gemeinsam mit Britta Kreuzer (LAG soziale Brennpunkte)

Niedersächsisches Institut
für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
49080 Osnabrück
Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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