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Neurobiologische Grundlagen für die Elementarpädagogik

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Stress und Trauma in der KiTa verstehen und begegnen

Kindliche Entwicklung vollzieht sich im Zusammenspiel von Gehirnreifung, Bindung, Stressverarbeitung und sozialer Umwelt. Für pädagogische Fachkräfte ist deshalb ein arbeitsfähiges neurobiologisches Verständnis zentral, um Verhalten, Lernen und Beziehungsgestaltung angemessen einordnen zu können. Der vorliegende Beitrag bündelt zentrale Aspekte der Gehirnentwicklung, der neuronalen Plastizität, des 4-Ebenen-Modells, der mittleren limbischen Ebene, der Stressphysiologie sowie der Wirkungen von Adrenalin, Cortisol und Oxytocin. Zudem werden implizites Gedächtnis, Bindungserfahrungen, autonome Reaktionsebenen, das Window of Tolerance, Trauma und die Unterscheidung von Top-down- und Bottom-up-Prozessen für pädagogische Kontexte eingeordnet. Der Beitrag zeigt, dass Kinder in belastenden Zuständen nicht primär Korrektur oder Appelle an Einsicht benötigen, sondern Sicherheit, Co-Regulation, feinfühlige Beziehung und verstehende Begleitung. Trauma- und stresssensibles Wissen ist daher keine Spezialkompetenz weniger Fachkräfte, sondern kann als eine grundlegende Voraussetzung professionellen pädagogischen Handelns eingeordnet werden.

Einleitung

Die neurowissenschaftliche und traumapädagogische Perspektive auf kindliche Entwicklung zeigt, dass Lernen, Verhalten und Beziehungsfähigkeit nicht isoliert betrachtet werden können. Sie entstehen im Zusammenspiel von Gehirnreifung, Körperregulation, Bindungserfahrungen und sozialem Kontext (Siegel, 2010; Van der Kolk, 2023). Für pädagogische Fachkräfte ist dabei nicht entscheidend, die volle Komplexität neurobiologischer Forschung abzubilden. Wichtiger ist ein tragfähiges Verständnis jener Prozesse, die Wahrnehmung, Affektregulation, Kontaktfähigkeit und Handlungssteuerung beeinflussen. Gerade in traumapädagogischen Zusammenhängen haben sich vereinfachte Modelle bewährt, weil sie komplexe Zusammenhänge in eine Form übersetzen, die für pädagogisches Handeln anschlussfähig bleibt.

Ein solcher Zugang verändert den Blick auf kindliches Verhalten grundlegend. Verhalten erscheint dann nicht primär als Defizit, mangelnde Motivation oder fehlende Einsicht, sondern als Ausdruck neurobiologischer Anpassungs- und Schutzprozesse (Hantke & Görges, 2023; Levine, 2010). Dies ist insbesondere dort bedeutsam, wo Kinder unter Stress, Bindungsunsicherheit oder traumatischen Erfahrungen stehen.

Gehirnentwicklung und neuronale Plastizität

Die Entwicklung des menschlichen Gehirns beginnt sehr früh und verläuft im Vergleich zu anderen Lebewesen verlangsamt. Gerade diese relative Langsamkeit schafft jedoch die Voraussetzung für hohe Plastizität und ausgeprägte Lernfähigkeit. Bereits kurz nach der Befruchtung beginnt die Anlage des Nervensystems. In den ersten Wochen entstehen Nervenzellen, die sich in ihre späteren Funktionsbereiche bewegen und erste neuronale Netzwerke ausbilden. Dabei wird zunächst ein Überschuss an synaptischen Verbindungen produziert. Langfristig stabilisieren sich vor allem jene Verbindungen, die genutzt und in größere funktionale Netzwerke integriert werden. Das Prinzip „use it or lose it“ beschreibt damit einen Kernmechanismus der Gehirnentwicklung: Erhalten bleibt, was gebraucht wird (Hüther & Krens, 2005; Roth & Strüber, 2014).

Zu den Grundbausteinen des Gehirns gehören die Neuronen. Sie verarbeiten Reize aus der Umwelt und aus dem Körperinneren so, dass Verhalten initiiert wird, das Anpassung, Schutz und Überleben ermöglicht. Die Kommunikation zwischen Nervenzellen erfolgt über elektrische und chemische Synapsen. Während elektrische Synapsen Signale direkt zwischen benachbarten Nervenzellen weitergeben, erfolgt die Kommunikation an chemischen Synapsen über Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter. Je nach Verschaltung wirken diese erregend oder hemmend auf nachgeschaltete Nervenzellen (Folta-Schoofs & Ostermann, 2019).

Von besonderer Bedeutung ist die synaptische Plastizität. Wiederholt gemeinsam aktivierte Netzwerke verstärken ihre Verbindungen. Der bekannte Grundsatz „Neurons that fire together, wire together“ beschreibt, dass Lernen und Anpassung davon abhängen, welche neuronalen Verschaltungen wie häufig gemeinsam aktiviert werden (Roth & Ryba, 2022; Strüber & Roth, 2019b). Für die kindliche Entwicklung bedeutet dies: Kinder, die Sicherheit, Feinfühligkeit und Geborgenheit erleben, bauen eher Netzwerke aus, die Exploration, Spiel, Kooperation und Offenheit fördern. Kinder hingegen, die in Angst, Zurückweisung oder chronischer Unsicherheit leben, spezialisieren ihr Gehirn stärker auf Wachsamkeit, Schutz und Überlebensreaktionen (Van der Kolk, 2023).

Auch das Konzept der Spiegelneuronen verweist auf die Bedeutung von Resonanz. Unabhängig von den fachlichen Debatten um ihre genaue Einordnung legt es nahe, dass Verstehen, Mitgefühl und Einfühlung nicht nur kognitive Leistungen sind, sondern neuronal verkörperte Resonanzprozesse (Leuzinger-Bohleber et al., 2008a; Strüber, 2022). Erwachsene wirken auf Kinder deshalb nicht nur durch das, was sie sagen, sondern durch ihre gesamte emotionale und körperliche Präsenz.

Hierarchische Reifung, das 4-Ebenen-Modell und die „Sprachen“ des Gehirns

Die Reifung des Gehirns erfolgt hierarchisch. Zuerst entwickeln sich einfache, überlebensrelevante Strukturen, später komplexere und höher liegende Bereiche. Früh entstehen Hirnstamm, untere limbische Systeme und Anteile des Zwischenhirns wie Thalamus und Hypothalamus. Diese Regionen sind eng mit vegetativer Regulation, elementaren Körperfunktionen und Überlebenssicherung verbunden. Auch das Kleinhirn übernimmt früh wichtige Funktionen für Gleichgewicht, Koordination, Körperhaltung und Raumwahrnehmung. Höhere kortikale Areale, insbesondere präfrontale Regionen, reifen demgegenüber später aus und sind für Impulskontrolle, Planung, bewusste Wahrnehmung, Sprache und Reflexion zentral (Beck et al., 2018; Hantke & Görges, 2023; Hüther & Krens, 2005).

Für pädagogische Kontexte ist das 4-Ebenen-Modell besonders hilfreich. Auch wenn es die neurobiologische Realität vereinfacht, bietet es eine anschauliche Ordnung. Die unterste Ebene umfasst basale Überlebens- und Regulationsprozesse. Darauf baut die untere und mittlere limbische Ebene auf, in der Emotion, Affekt, Motivation, Bindung und Stressverarbeitung eine zentrale Rolle spielen. Die darüberliegenden kortikalen Ebenen ermöglichen bewusste Wahrnehmung, Sprache, Planung und differenzierte Einordnung. Die oberste Ebene steht für Integration, Selbststeuerung, Reflexion und Perspektivübernahme. Strüber und Roth beschreiben die Persönlichkeitsentwicklung als Ergebnis des Zusammenspiels mehrerer neurobiologischer Grundsysteme auf diesen vier Ebenen (Roth & Strüber, 2014; Strüber & Roth, 2019a). Unterschiede in Selbstregulation, Empathiefähigkeit, Impulssteuerung oder Stressanfälligkeit lassen sich damit als Ergebnis genetischer Dispositionen, früher Umweltbedingungen und psychosozialer Erfahrungen verstehen.

Ergänzend lässt sich dieses Modell mit der Idee verschiedener „Sprachen“ des Gehirns verbinden. Der älteste, auf Überleben ausgerichtete Bereich spricht gewissermaßen die Sprache der körperlichen Empfindungen. Die limbischen Bereiche sprechen die Sprache der Emotionen. Der Cortex spricht die Sprache der Worte. Pädagogisch ist diese Unterscheidung bedeutsam, weil Kinder Gefühle und Körperzustände nicht von Beginn an sprachlich einordnen können. Sie benötigen Bezugspersonen, die helfen, Empfindungen wahrzunehmen, Emotionen zu benennen und Erfahrungen schrittweise zu integrieren. Gerade im Kontext von Stress und Trauma ist das Verstehen dieser unterschiedlichen Ebenen zentral (Levine & Kline, 2010).

Die mittlere limbische Ebene als Ort emotionalen Lernens

Die mittlere limbische Ebene beziehungsweise das mesolimbische System entwickelt sich später als die vegetativ-affektive Ebene, jedoch noch vor der Geburt, und reift bis ungefähr zum vierten Lebensjahr weiter aus. In ihr sind unter anderem die basolaterale Amygdala und der Hippocampus verortet. Diese Ebene ist wesentlich für emotionale Konditionierung, individuelles emotionales Lernen und motivationale Prozesse. Schon intrauterine Erfahrungen, das Geburtserleben und frühe postnatale Interaktionen prägen ihre Entwicklung. Besonders bedeutsam sind dabei die Erfahrungen des Säuglings und Kleinkindes mit seinen primären Bezugspersonen (Roth & Strüber, 2014; Sarto-Jackson, 2023; Strüber, 2022).

Auf dieser Ebene entstehen unbewusst Emotionen, und hier werden Ereignisse mit Gefühlen verknüpft. Bedrohungen koppeln sich an Angst und Abwehr, positive Erfahrungen an Freude, Belohnung und Motivation. Über dopaminerge Prozesse werden motivationale Ziele verstärkt, während emotional bedeutsame Erfahrungen besonders nachhaltig im Gedächtnis verankert werden (Grawe, 2004; Roth & Strüber, 2019). Die mittlere limbische Ebene ist daher nicht nur an Angst und Stress beteiligt, sondern ebenso an Selbstwirksamkeit, Erwartungsfreude, Interesse und Annäherung. Auch Grundstrukturen des kindlichen Selbstbildes und der Wahrnehmung anderer Menschen entstehen hier.

Implizites Gedächtnis und frühe Selbst- und Weltmodelle

Das implizite Gedächtnis ist bereits bei Geburt funktionsfähig. Es speichert emotionale Erlebnisse, Wahrnehmungsqualitäten und Verhaltensmuster, ohne dass diese bewusst erinnert werden müssen. Frühkindliche Erfahrungen hinterlassen hier Spuren in Form von Unruhe, Furcht, Wohlgefühl oder innerer Sicherheit. Ein Kind erinnert ein belastendes Erlebnis also nicht notwendigerweise als Geschichte, sondern reagiert bei ähnlichen Reizen erneut mit der damals gekoppelten Emotion (Siegel, 2010).

Im impliziten Gedächtnis werden Affekte, Körpererfahrungen, Bilder, Prägungen und prozedurale Abläufe gespeichert. Diese impliziten Erinnerungen bilden das Fundament subjektiven Selbsterlebens. Durch wiederholte Erfahrungen entstehen generalisierte Repräsentationen und mentale Modelle, die dazu beitragen, Situationen einzuschätzen und Vorhersehbarkeit herzustellen. Sie schaffen Orientierung, können aber auch zu Verzerrungen führen, wenn frühe Erfahrungen vor allem mit Stress, Zurückweisung oder Ohnmacht verbunden waren (Garbe, 2018; Siegel, 2010). Wiederholt ignorierte Gefühle und Bedürfnisse können so in impliziten Überzeugungen münden, nichts wert zu sein oder keine Hilfe erwarten zu dürfen (Gerspach, 2006).

Für das Verständnis von Trauma ist dieses implizite Gedächtnis zentral. Bedrohliche Erfahrungen werden häufig fragmentiert, körpernah und ohne sprachliche Einbettung gespeichert. Ähnliche Körperempfindungen oder Sinnesreize können dann später dieselbe Emotion erneut aktivieren, auch wenn die ursprüngliche Situation nicht bewusst erinnert wird (Damasio, 1996; Levine & Kline, 2010). Trauma ist damit nicht nur Erinnerung an ein Ereignis, sondern ein in Körper, Emotion und Reaktionsbereitschaft eingebettetes Erfahrungsnetzwerk.

Bindung, Co-Regulation und Entwicklung von Selbstregulation

Schon vor der Geburt reagiert das werdende Kind auf körperliche und emotionale Zustände der Mutter. Nach der Geburt ist der Säugling in hohem Maße darauf angewiesen, dass Bezugspersonen ihm bei der Regulation von Erregungszuständen helfen. Eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben der ersten Lebensjahre besteht darin, schrittweise Selbstregulation aufzubauen. Diese entsteht jedoch nicht isoliert, sondern auf Grundlage wiederholter Co-Regulation (Hüther & Krens, 2005; Pauen et al., 2014).

Wenn kindliche Spannungszustände feinfühlig beantwortet werden, macht das Kind die Erfahrung, dass Belastung handhabbar ist und auf Anspannung wieder Entspannung folgen kann. Zunächst geschieht dies über Berührung, Halten, Wiegen, Stimme, Blickkontakt und rhythmische Beruhigung; später werden diese Erfahrungen schrittweise internalisiert. Bleibt eine solche Co-Regulation aus, kann ein Kleinkind seinen Erregungszustand oft nicht ausreichend selbst senken. Chronisch erhöhte Stressbelastung und anhaltend hoher Cortisolspiegel erschweren dann die Entwicklung stabiler Selbstregulation (Pauen et al., 2014; Perry & Szalavitz, 2012).

Bindung und Regulation gehen dabei von Beginn an eng zusammen. Die Bindungstheorie beschreibt, dass sich aus wiederholten frühen Beziehungserfahrungen sogenannte internale Arbeitsmodelle entwickeln. Aus feinfühliger Begleitung entsteht die Erwartung, dass Hilfe verfügbar ist und eigene Bedürfnisse bedeutsam sind. Daraus kann sich ein Bild von sich selbst als liebenswertem und unterstützungswürdigem Menschen entwickeln. Umgekehrt können aus unzuverlässigen, ignorierenden oder bedrohlichen Beziehungserfahrungen Modelle von Unsicherheit, Scham oder Hilflosigkeit entstehen (Grossmann & Grossmann, 2008).

Bindungserfahrungen, Oxytocin und frühe Stressregulation

Basale Bindungserfahrungen wie Gehaltenwerden, Stillen, Berührung, Streicheln, Kuscheln und später vertrauensvolle Gespräche sind eng mit der Ausschüttung von Oxytocin verbunden. Dieses wirkt sowohl beim Kind als auch bei Erwachsenen beruhigend und bindungsfördernd. Oxytocin kann die Aktivität der Stressachse dämpfen und so dazu beitragen, dass Bedrohung, Trennung oder Überforderung besser verarbeitet werden (Strüber, 2022; Uvnäs-Moberg, 2015). Es erleichtert nicht nur dem Kind die Regulation, sondern unterstützt auch Erwachsene dabei, Belastung, Schlafmangel oder kindliches Schreien besser auszuhalten.

Wiederholte Oxytocinausschüttung stabilisiert jene neuronalen Schaltkreise, die Nähe, Trost, Schutz und Geborgenheit mit bestimmten sozialen Reizen verknüpfen. Sicher gebundene Kinder entwickeln dadurch ein tiefes Vertrauen in die Verfügbarkeit anderer Menschen. Sie können Gefühle offener zeigen und lassen sich meist schneller trösten. Unsicher-vermeidend gebundene Kinder neigen dagegen eher dazu, Gefühle zu unterdrücken und Kontaktbedürfnisse zurückzunehmen. Unsicher-ambivalent gebundene Kinder suchen Nähe, bleiben aber oft gleichzeitig hoch angespannt und schwer beruhigbar. Werden Bindungspersonen zugleich als Schutz und als Bedrohung erlebt, kann sich desorganisiertes Bindungsverhalten entwickeln (Strüber, 2022).

Pädagogisch ist bedeutsam, dass diese Bindungsmuster nicht bloß Verhaltensstile darstellen, sondern sich tief in Stressverarbeitung, Beziehungsfähigkeit und Selbstwahrnehmung einschreiben. Sicher gebundene Kinder verfügen in der Regel über bessere Voraussetzungen, Belastungen zu regulieren und Krisen zu bewältigen. Unsichere oder desorganisierte Bindungserfahrungen erhöhen dagegen das Risiko für Übererregung, Vermeidung, Beziehungsambivalenz und spätere Schwierigkeiten in emotionaler und sozialer Entwicklung (Maunder et al., 2015; Strüber, 2022).

Frühe Risiken, Stresssystem und Amygdala-Reifung

Die ersten Lebensmonate haben einen besonders starken Einfluss auf die Gehirnentwicklung. Bindungsbasierte Erfahrungen sind in dieser Phase nicht bloß psychologisch, sondern neurobiologisch strukturierend. Wenn Bezugspersonen feinfühlig auf kindliche Signale reagieren, werden nicht nur unmittelbare Schutz- und Überlebensfunktionen erfüllt, sondern zentrale Grundlagen für spätere emotionale und soziale Kompetenzen gelegt (Hüther & Krens, 2005; Sarto-Jackson, 2023).

Das Stressreaktionssystem wird aktiviert, wenn der Mensch Exploration mit Gefahr verknüpft. Über sensorische Verarbeitung, Thalamus und Hirnstamm werden Botenstoffe wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt, um den Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen. Bei Kleinstkindern, deren Regulationsfähigkeit noch in Entwicklung ist, braucht es die Bezugsperson, um diese Aktivierung wieder herunterzuregulieren. Hautkontakt, rhythmische Bewegung, Stillen, Wiegen oder Trost unterstützen diesen Prozess. Fehlen solche Beiträge, kann der Körper in einem Zustand anhaltender Stressbereitschaft verbleiben, was Entwicklungsverzögerungen und maladaptives Verhalten begünstigt (Sarto-Jackson, 2023).

Besonders bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die Amygdala. Sie ist zentral an der Notfallreaktion beteiligt und reagiert besonders sensibel auf bedrohliche Reize, etwa ängstliche oder wütende Gesichtsausdrücke. Unter günstigen Bedingungen reift sie typischerweise erst nach ersten Bindungserfahrungen so weit aus, dass stärkeres Vermeidungslernen einsetzt. Kommt es jedoch früh zu Stress, Konflikt oder mangelnder Interaktion, kann eine vorzeitige Aktivierung und Ausreifung der Amygdala stattfinden. Kinder lernen dann früher über Vermeidung und Angst, was ihre soziale Offenheit und spätere Beziehungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen kann (Grawe, 2004; Sarto-Jackson, 2023).

Limbisches System, Amygdala und Hippocampus

Eine Schlüsselrolle für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Gefahr spielt das limbische System. Zu ihm zählen insbesondere Amygdala, Hippocampus sowie Teile von Thalamus und Hypothalamus. Diese Strukturen steuern gemeinsam, wie Reize emotional bewertet, mit körperlichen Reaktionen verknüpft und in Erinnerung eingeordnet werden (Dicke, 2020; Huber, 2020).

Die Amygdala wird häufig als Alarmanlage oder Rauchmelder beschrieben. Ihre Aufgabe besteht darin, eintreffende Reize in Bruchteilen von Sekunden auf mögliche Bedrohung hin zu prüfen. Dabei verarbeitet sie sowohl Informationen aus der Umwelt als auch Signale aus dem Körperinneren. Der Thalamus fungiert als Umschaltstelle und leitet Informationen auf zwei Wegen weiter: auf einem schnellen, niederen Weg zur Amygdala und auf einem langsameren, höheren Weg über den Hippocampus zum präfrontalen Cortex (Van der Kolk, 2023).

Der schnelle Weg dient dem unmittelbaren Überleben. Wird ein Reiz als gefährlich eingeschätzt, aktiviert die Amygdala über den Hypothalamus körperliche Alarmreaktionen, noch bevor eine bewusste Einordnung möglich ist. Der langsamere Weg ermöglicht dagegen eine differenzierte Verarbeitung. Das Geschehen kann sprachlich gefasst, räumlich und zeitlich eingeordnet, mit früheren Erfahrungen verglichen und in das autobiografische Gedächtnis integriert werden (Huber, 2020; Van der Kolk, 2023).

Unter extremer Bedrohung dominiert jedoch die schnelle Alarmreaktion. Dann werden die Funktionen des Hippocampus sowie die Anbindung an Sprache und Reflexion eingeschränkt. Erfahrungen können nicht mehr zusammenhängend verarbeitet werden, sondern werden fragmentiert, implizit und körpernah gespeichert. Dies erklärt, warum traumatische Erlebnisse später nicht immer als lineare Erinnerung zugänglich sind, sondern als Körperempfindungen, Alarmzustände, Bildfragmente oder schwer einzuordnende Affektreaktionen wiederkehren können (Huber, 2020; Van der Kolk, 2023).

Wichtige Hormone und Neurotransmitter in pädagogischen Kontexten

Neurotransmitter, Neuropeptide und Neurohormone wirken in unterschiedlichen Zeitfenstern und beeinflussen maßgeblich, wie Menschen fühlen, denken und handeln (Grawe, 2004). Für pädagogische Kontexte sind insbesondere Adrenalin beziehungsweise das noradrenerge Aktivierungssystem, Cortisol und Oxytocin von zentraler Bedeutung.

Das noradrenerge System sorgt in neuen, unbekannten oder bedrohlich wahrgenommenen Situationen für Aktions- und Alarmbereitschaft. Es erhöht Puls und Blutdruck, fördert Wachsamkeit und versetzt den Organismus in Handlungsbereitschaft. Pädagogisch bedeutsam ist die Ambivalenz dieses Systems: Eine moderate Aktivierung kann Aufmerksamkeit und Lernbereitschaft unterstützen, eine starke Aktivierung führt jedoch leicht in Übererregung, Impulsivität, Abwehr oder Fluchtverhalten (Garbe, 2018).

Adrenalin und Noradrenalin sind eng mit der sympathischen Mobilisierung verbunden. In belastenden Situationen steigern sie Herzschlag, Atemfrequenz und Muskelspannung und bereiten den Körper auf Kampf oder Flucht vor. Entscheidend ist, dass diese Reaktion nicht nur bei objektiver Lebensgefahr auftritt, sondern auch bei subjektiv erlebter Bedrohung, Beschämung oder Überforderung. Ein Kind, das plötzlich aggressiv, unruhig oder hochsensibel reagiert, zeigt daher möglicherweise eine neurobiologische Alarmreaktion und nicht schlicht „schlechtes Benehmen“ (Lang, 2016; Weninger, 2020).

Cortisol ist das zentrale Stresshormon der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse. Es wird auch im normalen Tagesverlauf ausgeschüttet und unterstützt etwa die morgendliche Aktivierung. In Gefahrensituationen steigt die Cortisolausschüttung an und unterstützt die Bewältigung erhöhter Anforderungen. Nach dem Ende der Belastung sinkt sie wieder ab, wodurch Erholung und Beruhigung möglich werden. Problematisch wird Cortisol vor allem dann, wenn Belastungen chronisch, früh oder wiederholt auftreten. Eine dauerhaft erhöhte oder dysregulierte Cortisolausschüttung kann sich negativ auf Gehirnentwicklung, Gedächtnis, Affektregulation und Stressverarbeitung auswirken (Roth & Strüber, 2014; Strüber, 2022).

Oxytocin nimmt innerhalb dieser Prozesse eine besondere Stellung ein. Es wird im Hypothalamus gebildet und ist eng mit Bindung, Vertrauen, Beruhigung und sozialer Resonanz verbunden. Oxytocin unterstützt freundliche Interaktionen, reduziert aggressives Verhalten, wirkt angstlindernd und kann deutliche Anti-Stress-Effekte entfalten (Uvnäs-Moberg, 2015). Besonders bedeutsam ist, dass Kinder, die wiederholt wohltuende Zuwendung und verlässliche Beziehungen erleben, ein tragfähiges Oxytocinsystem entwickeln können. Beziehung ist damit nicht bloß pädagogischer Rahmen, sondern selbst ein neurobiologischer Regulationsfaktor (Strüber, 2022; Uvnäs-Moberg, 2015).

Ergänzend sind auch Dopamin, Serotonin und Endorphine relevant. Dopamin ist mit Selbstwirksamkeit, Erfolg und Belohnung verbunden und wirkt lernfördernd (Braun, 2012; Koch, 2020). Serotonin beeinflusst Stimmung, Schlaf-Wach-Rhythmus, Gedächtnis und Impulskontrolle; frühe Stresserfahrungen können seine Wirkung beeinträchtigen (Strüber, 2022). Endorphine dämpfen Schmerzen und helfen dem Organismus, extreme Belastungen überhaupt auszuhalten (Garbe, 2018). Insgesamt zeigt sich, dass Lernen und Verhalten immer in neurochemische Milieus eingebettet sind, die durch Beziehung, Stress und Erfahrung mitgeprägt werden.

Sinnesorgane, Wahrnehmung und Resonanz

Die Sinnesorgane sind zeitlebens das Tor zur Außenwelt und versorgen das sich entwickelnde Kind mit sensorischen Reizen, die für den Aufbau eines differenzierten Weltbezugs unverzichtbar sind. Bereits intrauterin kommt ihnen eine zentrale Bedeutung zu. Besonders die Haut als größtes Sinnesorgan nimmt früh ihre Funktion auf. Berührungen aktivieren den Tastsinn und liefern dem Kind von Anfang an Informationen über Qualität, Sicherheit und Bedeutung von Kontakt (Beck et al., 2018).

Für die Entwicklung des Nervensystems sind dabei nicht beliebige, sondern passende Sinnesreize bedeutsam. Reize sollten in Menge und Konsistenz altersgemäß, bedürfnisorientiert, wohltuend und verarbeitbar sein. Andernfalls steigt das Risiko für Wahrnehmungsstörungen oder Überforderung (Heimer, 2022). Auch daraus ergibt sich eine pädagogische Konsequenz: Kinder regulieren sich nicht nur über Sprache, sondern immer auch über sensorische Erfahrungen, räumliche Bedingungen, Berührung, Stimme, Rhythmus und Umweltgestaltung.

Autonome Reaktionsebenen und Notfallreaktionen

Ein besonders hilfreicher Zugang zum Verständnis von Stress- und Traumareaktionen ist die Beschreibung autonomer Reaktionsebenen. Die archaischen Notfallprogramme des Hirnstamms und der unteren limbischen Ebene sind bereits bei der Geburt funktionsfähig (Besser, 2023). Wird eine Situation als sicher eingeschätzt, ist die erste Reaktionsebene aktiv: das soziale Kontaktsystem oder soziale Engagement. Dieses ist mit dem ventralen Vagus verbunden. In diesem Zustand verlangsamen sich Herzschlag und Atmung, der Muskeltonus sinkt, Verdauung und Beruhigung werden gefördert, und der Mensch erlebt sich als kontaktfähig, verbunden und sicher. Auch Mimik, Tonfall und Sprachmelodie werden über dieses System mitgesteuert. Neugier, Mitgefühl und Exploration sind unter diesen Bedingungen gut möglich (Dana, 2021; Kain & Terrell, 2020; Porges, 2021a; Van der Kolk, 2023).

Bei Angst, Gefahr oder Belastung wird zunächst das Bindungssystem aktiviert. Kinder suchen Schutz bei vertrauten Personen, Erwachsene Kontakt, Trost oder Unterstützung. Kann die Bedrohung dadurch nicht ausreichend reguliert werden, folgt die zweite Reaktionsebene: die sympathische Mobilisierung. Der Körper wird auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Herzschlag, Puls, Atemfrequenz und Muskelspannung steigen, der Magen-Darm-Trakt wird gehemmt, Energiereserven werden mobilisiert. Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol unterstützen diese Anpassung an die wahrgenommene Bedrohung (Dana, 2021; Lang, 2016; Levine, 2010).

Wenn weder soziale Kontaktaufnahme noch Kampf oder Flucht die Bedrohung beenden, kann die dritte Reaktionsebene einsetzen: die Immobilisation. Diese ist mit dem dorsalen Vagus verbunden. Zunächst kann es zu Erstarrung kommen, begleitet von hoher innerer Spannung und eingeschränkter Wahrnehmung. Hält die Gefahr an, kann der Organismus in einen Zustand des Zusammenbruchs, der Erschlaffung oder der Dissoziation übergehen. Bewusste Wahrnehmung wird dann teilweise oder weitgehend abgekoppelt (Cortikale Bereiche werden weniger durchblutet). In traumapädagogischer Perspektive liegt hier jener Bereich, in dem ein Ereignis traumatischen Charakter annimmt, weil die üblichen Möglichkeiten von Regulation und Verarbeitung überfordert sind (Hantke & Görges, 2023; Huber, 2020).

Die Aktivierung des Alarms bewirkt, dass ältere, stärker auf Überleben ausgerichtete Gehirnsysteme die Führung übernehmen. Bewusstes Denken, rationale Einordnung und Problemlösen sind dann nur noch eingeschränkt möglich. Erst wenn Sicherheit wiederhergestellt wird, können Sprache, Bewusstsein und reflektierte Steuerung erneut greifen (Van der Kolk, 2023).

Window of Tolerance, Aktivierungskurve und Stressverarbeitung

Das von Daniel J. Siegel beschriebene Window of Tolerance bezeichnet jenen Erregungsbereich, innerhalb dessen sich das Nervensystem auf angenehme und aushaltbare Weise bewegen kann, ohne in Über- oder Unterspannung zu geraten (Siegel, 2010). Ein gewisses Maß an Spannung ist notwendig, um wach, aufmerksam und lernfähig zu sein. Ob und wann eine Situation jedoch als bedrohlich erlebt wird, hängt nicht nur von der äußeren Sicherheitslage ab, sondern ebenso von subjektiven Erfahrungen, Vorerfahrungen und vorhandenen Regulationsmöglichkeiten (Hantke & Görges, 2023; Nitschke-Janssen et al., 2023).

Größe und Schwingungsfähigkeit dieses Toleranzfensters bilden sich in der frühen Kindheit wesentlich in Beziehung zu primären Bezugspersonen aus. Durch feinfühlige Begleitung lernt ein Kind, Spannung zu halten, zu regulieren und die Erfahrung zu machen, dass auf Anspannung wieder Beruhigung folgen kann. Fehlen solche Erfahrungen oder werden Stress- und Ohnmachtszustände wiederholt nicht ausreichend co-reguliert, kann sich eine reduzierte Stresstoleranz entwickeln. Dann reagiert das Nervensystem schneller mit Übererregung, Abschalten oder Notfallreaktionen (Besser, 2023; Hantke & Görges, 2023).

Wird das Toleranzfenster häufig überschritten, verfestigen sich Notfallmuster neurobiologisch. Wiederholte Aktivierung archaischer Schutzsysteme schafft gewissermaßen „Autobahnen“ für Überlebensreaktionen. Diese Bahnungen können die weitere Persönlichkeits- und Gehirnentwicklung nachhaltig prägen. Pädagogisch ist dies hoch bedeutsam: Ein Kind braucht gerade in den frühen Jahren ausreichend Regulationserfahrungen, damit nicht schon geringe Auslösereize zu massiver Übererregung, Vermeidung oder Dissoziation führen.

Emotion, Gefühle und somatische Marker

Unerwartete innere oder äußere Veränderungen lösen zunächst eine unbewusste Orientierungsreaktion aus. Das limbische System prüft, ob etwas bedeutsam, anziehend, schädlich oder gefährlich ist. Darauf folgt eine Erregung oder Spannung, die den Körper auf Handlungsimpulse vorbereitet. Diese zunächst noch unbewussten Zustände können als primäre Emotionen verstanden werden. Werden sie bewusster wahrgenommen und eingeordnet, entstehen differenziertere Gefühle (Damasio, 1996; Siegel, 2010; Strüber & Roth, 2019b).

Aus biologischer Sicht besteht die Funktion von Emotionen darin, Bedeutsamkeit und Gefahr zu signalisieren sowie Annäherung oder Vermeidung zu organisieren. Schon das Weinen eines Babys ist Ausdruck eines solchen Signalgeschehens: Es verweist auf Not, Bedürftigkeit oder Überforderung und ist auf Resonanz durch andere angelegt (Levine, 2010; Strüber & Roth, 2019b). Gefühle lassen sich insofern als das bewusste Erleben zugrunde liegender neurophysiologischer Prozesse verstehen. In diesem Zusammenhang sind auch sogenannte somatische Marker bedeutsam. Körperliche Empfindungen wirken wie innere Orientierungssignale, die auf Annäherung oder Rückzug, auf „Ja“ oder „Nein“ hinweisen (Damasio, 1996).

Für die pädagogische Praxis ist besonders bedeutsam, dass emotionale Zustände vorübergehend und veränderlich sind. Es macht einen Unterschied, ob ein Kind als „ängstlich“ etikettiert wird oder ob sein Zustand als momentane Erfahrung verstanden wird: „Ich fühle mich gerade ängstlich.“ Diese sprachliche Differenzierung stärkt Veränderbarkeit, Selbstwahrnehmung und einen weniger defizitären Blick auf innere Zustände (Siegel & Bryson, 2017).

Trauma, PTBS und pädagogische Einordnung

Trauma bezeichnet fachlich nicht nur ein objektiv extremes Ereignis, sondern vor allem eine Erfahrung überwältigender Hilflosigkeit, Angst oder Ausgeliefertsein, die vom Organismus nicht ausreichend verarbeitet werden kann (Levine & Kline, 2010; Van der Kolk, 2023). Deshalb ist es pädagogisch wichtig zu verstehen, dass nicht nur offensichtlich massive Gewalterfahrungen Folgen hinterlassen können. Auch Erlebnisse, die von außen klein erscheinen, können für ein Kind hochbedrohlich sein, wenn sie seine Bewältigungskapazität übersteigen.

Präziser als die pauschale Aussage, bereits kleinste Erlebnisse könnten immer eine posttraumatische Belastungsstörung auslösen, ist daher die Feststellung: Auch subjektiv unscheinbare Erfahrungen können unter bestimmten Bedingungen traumatische Folgen nach sich ziehen. Entscheidend sind das subjektive Erleben, der Entwicklungsstand, frühere Erfahrungen, Bindungsqualität und die Verfügbarkeit co-regulierender Bezugspersonen (Nitschke-Janssen et al., 2023; Strüber, 2022). Für pädagogische Fachkräfte ist wichtig, zwischen fachlicher Sorgfalt und praktischer Sensibilität zu unterscheiden: Nicht jedes belastende Erlebnis ist ein Trauma, aber jedes Kind kann auf Belastung mit einer hoch individuellen Stress- und Schutzreaktion antworten.

Top-down, Bottom-up und pädagogische Begleitung

Für die pädagogische Begleitung ist die Unterscheidung von Top-down- und Bottom-up-Prozessen grundlegend. Top-down meint Regulation über Sprache, Einsicht, Reflexion und kognitive Kontrolle. Bottom-up bezeichnet Zugänge über Körper, Atmung, Rhythmus, Stimme, Raum, Bewegung, Berührung und Beziehung (Siegel, 2010; Van der Kolk, 2023).

In hoch aktivierten oder dissoziativen Zuständen sind Top-down-Funktionen häufig eingeschränkt, weil die dafür zuständigen kortikalen Netzwerke vorübergehend nicht gut verfügbar sind. Dann greifen Appelle wie „Beruhige dich“, „Denk nach“ oder „Sag mir, was los ist“ oft nicht. Wirksamer sind in solchen Momenten Bottom-up-orientierte Angebote: eine ruhige und präsente Haltung, reduzierte Reizlage, orientierende Ansprache, rhythmische Unterstützung, Bewegung, Atemhilfen und das Mittragen von Gefühlen. Erst wenn das Nervensystem wieder ausreichend reguliert ist, können Sprache, Reflexion und gemeinsame Bedeutungsgebung anschließen (Hantke & Görges, 2023; Levine, 2010; Van der Kolk, 2023).

Daraus folgt auch, dass Kinder nicht allein über Verhalten begleitet werden können, sondern durch ihre Gefühle hindurch begleitet werden müssen. Co-Regulation geht der Selbstregulation voraus. Besonders jüngere und belastete Kinder benötigen Erwachsene, die Affekte mittragen, benennen, begrenzen und in Sicherheit einbetten.

Pädagogische Schlussfolgerungen

Aus den neurobiologischen und traumapädagogischen Einsichten ergeben sich weitreichende Konsequenzen für pädagogisches Handeln.

Erstens ist Wissen über Trauma und Stressverarbeitung keine Spezialkompetenz weniger Fachkräfte, sondern grundlegender Bestandteil professioneller Pädagogik. Traumafolgen zeigen sich in Kindertagesstätten, Schulen und Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oft auch dann, wenn keine formale Diagnose vorliegt (Baer, 2022; Gahleitner et al., 2023).

Zweitens ist es bereichernd und Augen öffnend, wenn pädagogische Fachkräfte lernen, Nervensystemzustände zu lesen. Hinter „auffälligem“ Verhalten stehen nicht mangelnder Wille oder oppositionelle Absicht, sondern Übererregung, Untererregung, Scham, Angst, Bindungsnot oder Schutzreaktionen. Die zentrale Frage verschiebt sich damit von „Was stimmt mit dem Kind nicht?“ zu „Was versucht dieses Nervensystem gerade zu bewältigen?“ (Delahooke, 2019; Hantke & Görges, 2023).

Drittens ist die Begleitung von Gefühlen zentral. Kinder brauchen Erwachsene, die Affekte wahrnehmen, mittragen und regulieren helfen, statt ausschließlich Verhalten zu sanktionieren oder zu korrigieren. In belasteten Zuständen ist nicht zuerst Einsicht, sondern zunächst Beziehung, Beruhigung und Orientierung gefragt (Fröhlich-Gildhoff, 2023; Weiß, 2023).

Viertens ist die Gestaltung von Sicherheit eine pädagogische Kernaufgabe. Sicherheit meint nicht nur körperliche Unversehrtheit, sondern auch Vorhersagbarkeit, verlässliche Beziehungen, klare Strukturen, stimmige Übergänge, angemessene Sinnesreize und die Reduktion unnötiger Überforderung. Nur in einem als hinreichend sicher erlebten Kontext können sich Alarm- und Schutzsysteme beruhigen, sodass höhere kognitive Lernprozesse wieder verfügbar werden (Porges, 2021a; Prengel et al., 2017).

Fünftens braucht eine traumasensible Praxis sowohl Bottom-up- als auch Top-down-Zugänge. Kognitive Einsicht ist wichtig, aber erst dann hilfreich, wenn der Organismus wieder regulierbar ist. Pädagogik muss daher körperliche, emotionale und relationale Zugänge genauso ernst nehmen wie Sprache und Reflexion (Levine, 2010; Siegel, 2010).

Sechstens ist Selbstfürsorge keine private Nebensache, sondern professionelle Voraussetzung. Wer mit (hoch belasteten) Kindern arbeitet, wird selbst mit intensiven Gefühlen, Stress, Ohnmacht und Resonanzphänomenen konfrontiert. Ohne Selbstregulation, kollegiale Reflexion und institutionelle Unterstützung steigt das Risiko für Überforderung und Erschöpfung. Fachkräfte können Sicherheit nur in dem Maße vermitteln, in dem sie selbst über ausreichend Stabilisierung verfügen (Lang, 2023; Weiß, 2021).

Fazit

Die vorliegende Arbeit zeigt, dass neurobiologische Grundlagen essenziell für eine informierte Elementarpädagogik sind. Das Wissen um die Funktionsweise des Gehirns, das Verstehen von Trauma als anhaltende Notfallreaktion und die Kenntnis von Möglichkeiten therapeutischer und pädagogischer Begleitung eröffnen eine fachlich begründete, hoffnungsvolle Perspektive auf kindliche Entwicklung (Besser, 2023; Huber, 2020; Van der Kolk, 2023). Pädagogische Fachkräfte verfügen damit über grundlegende Orientierungspunkte, um Kinder sensibel und wirksam in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Dies gilt nicht nur für traumatisierte Kinder. Vielmehr profitieren alle Kinder von einer Pädagogik, die neurobiologische Erkenntnisse ernst nimmt und in Beziehungsgestaltung, Alltagsstruktur und Bildungsprozesse übersetzt.

Eine bewusste Begleitung von Angst, Überforderung und innerer Anspannung kann Kindern helfen, ihre Empfindungen und inneren Prozesse besser zu verstehen. Dadurch erweitern sich ihre Möglichkeiten, mit „Notfällen“ umzugehen, und ihre Resilienz gegenüber Belastungen des Lebens kann wachsen (Hantke & Görges, 2023; Perry & Szalavitz, 2012). Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Leistungsorientierung und wachsender Bildungsanforderungen ist dies bedeutsam. Pädagogische Diskurse, die kindliches Wohlergehen primär über spätere Erfolgsaussichten und kognitive Förderung definieren, verkennen leicht, dass kognitive Lernprozesse nur dann tragfähig sind, wenn die Notfall- und Stresssysteme ausreichend beruhigt sind. Kinder, deren Nervensystem bereits durch Anforderungen, Unsicherheit oder Trigger gebunden ist, können von anspruchsvollen Bildungsangeboten häufig nicht in der Weise profitieren, wie dies von außen erwartet wird, weil ihre Ressourcen zunächst für Regulation benötigt werden (Delahooke, 2019; Strüber, 2022).

Daraus folgt, dass eine Sensibilisierung pädagogischer Fachkräfte für die inneren Prozesse von Kindern in Not unerlässlich ist. Dazu gehört neben dem Wissen um neurobiologische Vorgänge bei Kindern ebenso das Wissen um die eigenen inneren Prozesse. Ein sensibler und reflektierter Umgang mit eigenen Empfindungen, Gefühlen und Bedürfnissen, unterstützt durch institutionelle Strukturen und eine Kultur der Selbstfürsorge, kann dazu beitragen, dass Fachkräfte für Kinder eine beruhigende, verlässliche und hilfreiche Präsenz werden (Lang, 2023; Levine &Kline 2024; Weiß, 2021, 2023).

Im Sinne von Wilma Weiß lässt sich dies pointiert zusammenfassen: Professionelle Begleitung (traumatisierter) Kinder muss so gestaltet sein, dass sie den Kindern nützt, ohne den pädagogischen Fachkräften zu schaden (Weiß, 2021). Eine neurobiologisch informierte, beziehungsorientierte und traumasensible Pädagogik ist damit nicht nur fachlich geboten, sondern auch ethisch und institutionell herausfordernd. Sie verlangt Wissen, Haltung, Reflexion und strukturelle Unterstützung gleichermaßen.

Dieser Fachbeitrag ist auf der Grundlage der an der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main eingereichten Masterthesis „Traumasensible Elementarpädagogik. Zum Stellenwert von Neurobiologie und Traumaforschung für die Elementarpädagogik“ von Claudia Treichel entstanden. Die gesamte Masterarbeit bieten wir hier zum Downlaod an:

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Veröffentlicht:
19. Juni 2026

Claudia Treichel (*1972) Erzieherin (seit 1998), Kindheitspädagogin, B.A., Erziehungswissenschaftlerin, M.A., Marte Meo Therapeutin/ Kollegentrainerin, Traumapädagogin und traumazentrierte Fachberatung (DeGPT/FV-TP), Nervensystemtrainerin nach K. Bohnet, Atembegleiterin für Nervensystemregulation; Beraterin und Coach für päd. Fachkräfte, Kinder/ Jugendliche und (Pflege-)Familien, u.a. nach GFK (M. Rosenberg). Fortbildungsreferentin. i.A. zum Somatic experience practitioner ©; Integrative Bindungsorientierte Traumatherapie I.B.T. ©/ Traumaarbeit bei Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern.

Als Mutter und Pflegemutter bringt Frau Treichel eine besondere Perspektive in ihre Arbeit ein. Ihr Engagement gilt insbesondere Kindern, die unter schwierigen Voraussetzungen ins Leben gestartet sind und nicht die Sicherheit erfahren konnten, die sie gebraucht hätten. Durch fundierte Wissensvermittlung und praxisnahe Aufklärung setzt sie sich dafür ein, Entwicklungsbedingungen und Chancen von Kindern nachhaltig zu verbessern.

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für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
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Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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