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Musik für alle

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Kultursensible Angebote auch für Flüchtlingskinder

Alle Kinder haben ein Recht auf musikalische Bildung. Um auch Kindern aus Flüchtlingsfamilien den Zugang zu Musik zu ermöglichen, braucht es nicht nur musikalische Angebote. Expertin Claudia Meyer zeigt Wege zu einer kultursensiblen musikalischen Bildung.

Wissenschaftliche Studien der letzten zehn Jahre, etwa die von Lutz Janke, bestätigen, dass Singen und aktives Musizieren die sozi ale, sprachliche und kognitive Entwicklung von Kindern positiv beeinflussen. Diese Ergebnisse sind schöne „Nebenwirkungen“, aber nicht der Grund, warum Menschen sich entscheiden, Musik zu machen: Wo immer Menschen zusammenleben, spielt Musik eine wichtige Rolle. Musizieren, singen und tanzen findet statt, um gemeinsam Feste zu feiern, um Gefühlen wie Freude oder Trauer sowie der gemeinsamen Kultur Ausdruck zu verleihen. Musikalische Bildung ist kulturelle Bildung und somit unverzichtbares Bildungsziel. Außerdem spricht Musik in besonderem Maße die Sinne und Emotionen an. Gerade kleine Kinder erhalten – auch schon vor und während des Spracherwerbs – die Gelegenheit, sich fantasievoll und kreativ mitzuteilen. Dasselbe gilt auch für Kinder, die ohne deutsche Sprachkenntnisse in unser Land kommen.

Erstkontakt mit Kindern aus Flüchtlingsfamilien

„Ich habe schon fünf Freunde – wie viele hast du?“ Diese Frage stellte ein vierjähriger Junge aus Kolumbien seiner Mutter, nachdem er einige Tage in einer deutschen Kita verbracht hatte. Hier ist etwas gelungen, das nicht selbstverständlich ist: Der Junge fühlt sich nicht nur wertgeschätzt, er ist innerhalb weniger Tage sogar Teil der Gemeinschaft geworden. In diesem sicheren Rahmen kann er sich auf seine neue Umgebung einlassen. Der Abschied von seiner Heimat tritt langsam in den Hintergrund. Wenn Kinder aus Flüchtlingsfamilien in die Kita kommen, haben sie oft lange Fluchtwege hinter sich und Dinge erlebt, die schwer zu verarbeiten sind. Überwunden werden können die oft traumatischen Erlebnisse durch Musik nicht. Was Musik aber kann, ist die Kinder willkommen heißen und ihnen dabei helfen, sich als Teil der Gruppe zu fühlen. Das beginnt mit einem Willkommenslied, in dem jedes Kind mit seinem Namen begrüßt wird und vielleicht sogar das „Hallo“ oder „Guten Morgen“ in der Muttersprache des neuen Kindes gesungen wird. Das Zusammengehörigkeitsgefühl kann weiter durch gemeinsames Musizieren auf Instrumenten gestärkt werden: aufeinander hören, sich mit anderen Kindern abstimmen, Bewegungen synchron ausführen, das eigene Spiel der Lautstärke der anderen Kinder angleichen. All das ist ganz ohne Sprache möglich und kann durch Handzeichen der Erzieherinnen und Erzieher angeleitet werden. Auch ein Tanz oder ein Lied mit Bewegungsgesten hilft, Sprachbarrieren zu überwinden und das Gefühl des Dazugehörens zu vermitteln.

Kultursensible Musikangebote

Das Ziel pädagogischer Fachkräfte sollte sein, den Kindern eine lebendige, anregende und vielfältige Musikkultur anzubieten. Es sollte regelmäßig musiziert werden und alle können mitmachen.

Bei der Umsetzung im Kita-Alltag ist dieser Leitfaden hilfreich:

Bewusste Auswahl von Materialien und Liedern

  • Lieder, Musikstücke, Instrumente und Tänze sind Träger von Kul¬tur. Eine möglichst vielfältige und multinationale Auswahl fördert eine offene und wertschätzende Haltung gegenüber allen Kindern.

Einbezug der sozialen Umgebung

  • In der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern spielt Musik zwar eine Rolle, doch ihr Repertoire und das fachliche Können ist bei den meisten begrenzt. Fachkräfte können sich musikalischen Input von Eltern, Großeltern sowie Musikschulen, Kulturvereinen oder Spielkreisen in der näheren Umgebung suchen. So könnte etwa der albanische Großvater das Lied „Sinfonia e kafshëve“ (Tiersinfonie) vorsingen, und die Kinder erraten die Tierlaute (etwa „ham, ham, ham“ für den Hund oder „be, be, be“ für das Lamm). Oder die Kita-Gruppe besucht die Probe des Baglamaorchesters im türkischen Kulturzentrum und lässt sich danach die Orgel in der benachbarten Kirche zeigen.

Professionelles Personal

  • Über Fort- und Weiterbildungen lässt sich das musikalische Repertoire für den Kita-Alltag erweitern. Um eine qualifizierte musikalische Bildung in all ihren Facetten zu ermöglichen, ist es notwendig, professionelle Musikerinnen und Musiker einzubeziehen, die über eine pädagogische Ausbildung und Erfahrung mit Kita-Kindern verfügen. In der Regel findet die allseits bekannte musikalische Früherziehung in Kooperation mit regionalen Musikschulen statt. Im Idealfall entschließt sich der Kita-Träger, eine Lehrkraft der Elementaren Musikpädagogik einzustellen, die für mehrere Kitas zuständig ist und dort nicht nur regelmäßig mit den Kindern, sondern auch mit dem Kita-Personal musiziert. Diese Lehrkraft sollte für kultursensible musikalische Bildung sensibilisiert sein und der Träger sollte ihr die Verantwortung für deren Ausbau in den verschiedenen Kitas übertragen.

Gemeinsam kann es gelingen, dass verschiedene kulturelle Identitäten nicht als trennend, sondern als verbindend erlebt werden, dass Fremdheit nicht zu Ausgrenzung, sondern zu Neugier führt. Musik ist hierbei nur ein Baustein von vielen – aber einer, den es in seiner Wirkung nicht zu unterschätzen gilt.

Erstveröffentlichung in: Meine Kita – Das didacta Magazin für den Elementarbereich, Ausgabe 01/16, S. 18 – 20. Übernahme mit freundlicher Genehmigung von „Meine KiTa“

Veröffentlicht:
8. März 2016

Claudia Meyer ist Professorin für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln und leitet den Studiengang „Elementare Musikpädagogik“. Sie ist Sprecherin des bundesweiten Arbeitskreises Elementare Musikpädagogik und versucht sich – nach fast 50 Jahren Stadtleben – kultursensibel den musikalischen Ritualen und Klängen einer dörflichen Gemeinschaft zwischen Köln und Bonn anzunähern.


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Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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