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Kitas am Limit: Herausforderungen meistern, Zukunft gestalten

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Wege aus der Krise – Herausforderungen und Lösungsansätze im Fokus ■ Der Alltag in Deutschlands Kitas wird von Personalmangel, Überlastung und fehlenden Ressourcen geprägt. Pädagogische Fachkräfte stehen vor enormen Herausforderungen, die die Qualität der Betreuung und das Wohl der Kinder gefährden. Dieser Beitrag beleuchtet die drängendsten Probleme und skizziert Ansätze, wie sich die Krise bewältigen und die Zukunft gestalten lässt.

Die frühkindliche Bildung steht heute vor bedeutenden Herausforderungen, bietet aber gleichzeitig enorme Chancen für die Entwicklung unserer Kinder und unserer Gesellschaft. Zunächst beobachten wir eine stark steigende Nachfrage im Bereich der Kindertagesbetreuung. Immer mehr Kinder besuchen Kindertageseinrichtungen, und dies in einem zunehmend jüngeren Alter. Gleichzeitig verlängern sich die täglichen Betreuungszeiten (Bock-Famulla et al., 2024; Statista, 2024).

Diese Entwicklung stellt das System vor große Herausforderungen, bietet aber auch Chancen für eine frühe Förderung. Die frühe Kindheit stellt eine besonders sensible Entwicklungsphase dar. In dieser Zeit machen Kinder rasante Fortschritte in ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung. Gleichzeitig sind sie in dieser Phase besonders verletzlich und empfänglich für äußere Einflüsse, sowohl positive als auch negative. Die Erfahrungen, die Kinder in diesen frühen Jahren machen, haben eine nachhaltige Langzeitwirkung. Sie prägen die weitere Entwicklung des Kindes maßgeblich und können Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter haben (Braun 2008; Dornes 2004; Eliot 2008; Schäfer 2016). Dies unterstreicht die immense Bedeutung einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Bildung und Betreuung.

System unter Druck

Allerdings steht das System der frühkindlichen Bildung und Betreuung aktuell unter erheblichem Druck. Ungünstige Rahmenbedingungen wie eine hohe Arbeitsbelastung, ein gravierender Personalmangel und zu große Gruppen führen zu einer zunehmenden Erschöpfung sowohl bei den pädagogischen Fachkräften als auch bei den Kindern selbst. Diese Situation gefährdet die Qualität der Betreuung und Bildung.

Mit einem Aufruf aus der Wissenschaft haben wir im Herbst 2024 auf diese Missstände und ihre fatalen Auswirkungen auf Kinder, Eltern, Fachkräfte und die gesamte Gesellschaft aufmerksam gemacht und konnten den politischen Diskurs nochmal etwas voranbringen (Dreyer et al., 2024).

Angesichts dieser Herausforderungen wird deutlich, dass die zentrale Aufgabe in der Qualitätssicherung und -steigerung in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) liegt. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir trotz der steigenden Nachfrage und der systembedingten Belastungen die Qualität nicht nur aufrechterhalten, sondern kontinuierlich verbessern.

Die pädagogische Qualität und ein gutes Teamklima sind z.B. mögliche Ressourcen und haben einen moderierenden Effekt bei Belastungen (vgl. z.B. Sulz 2017). Natürlich bedarf es auch entsprechender politischer Weichenstellungen und es ist sehr bedauerlich, dass das KiTa-Qualitätsentwicklungsgesetz nicht mit einer kontinuierlichen finanziellen Förderung des Bundes und einheitlichen Qualitätsstandards – wie im Koalitionsvertrag der ehemaligen Ampelregierung vereinbart – auf den Weg gebracht wurde.

Dennoch gibt es auch innerhalb jeder Kita mögliche Stellschrauben im pädagogischen Alltag, um schon durch kleine Maßnahmen, Qualitätsverbesserungen vorzunehmen und das Wohlbefinden von Kindern wie auch Fachkräfte zu fördern. Nur so können wir sicherstellen, dass alle Kinder von den Chancen profitieren, die eine hochwertige frühkindliche Bildung bietet, und dass wir ihnen den bestmöglichen Start ins Leben ermöglichen.

Wahrnehmung kindlichen Wohlbefindens als Qualitätsindikator

Ein direkterer Indikator für die tatsächliche Qualität der pädagogischen Arbeit ist das Wohlbefinden von Kindern. Obwohl gute Rahmenbedingungen wichtig sind, garantieren sie allein noch keine hohe Prozessqualität. Prozessqualität beschreibt, wie Kinder mit den pädagogischen Fachkräften, anderen Kindern und ihrer Umgebung, also dem Raum und den Materialien wie Spielzeug, zusammenwirken. Herkömmliche Bewertungen der pädagogischen Prozessqualität erfolgen oft auf einer allgemeinen Ebene. Besonders für jüngere Kinder, die ihre Meinungen und Erfahrungen noch nicht verbal ausdrücken können, bietet die Beobachtung des Wohlbefindens eine Möglichkeit, ihre Perspektive zu erfassen und zu berücksichtigen. Die Betrachtung des kindlichen Wohlbefindens als Qualitätsindikator kann ein ganzheitlicheres und kindzentrierteres Bild der Qualität in Kindertageseinrichtungen gewonnen werden. Hier können Beobachtungsverfahren wie z.B. »WaBe – Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse. Wohlbefinden von Kindern im Alter von 1–3 Jahren einschätzen und reflektieren« den pädagogischen Alltag unterstützen (Dreyer & Stammer 20024a; Dreyer & Stammer 2024b). Junge Kinder, die sich wohlfühlen, weinen zudem weniger und müssen weniger häufig reguliert werden, was wiederum auch zur Stressreduktion der Fachkräfte beiträgt.

Stärkung der Bindungs- und Beziehungsqualität

Nur, wenn Kinder sich sicher und wohlfühlen, können sie vom Bildungsangebot einer Kita profitieren. Ziel sollte es daher sein, die Bindungs- und Beziehungsqualität zu stärken. Sichere Bindungen zu den pädagogischen Fachkräften gelten als grundlegende Voraussetzung für die Regulierung der Affekt- und Stressbelastung sowie positive Bildungs- und Entwicklungsverläufe des Kindes (Ahnert, 2008).

Kinder sind in den ersten Lebensjahren nur bedingt zur Selbstregulation fähig. Intensiver, wiederkehrender oder dauerhafter Stress in der frühen Kindheit hat erhebliche langfristige Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit. Pädagogische Fachkräfte in Kitas haben daher die wichtige Aufgabe, Stressreaktionen zu erkennen und sensibel zu begleiten, um die kindlichen Stressantworten »abzupuffern«. Diese Fähigkeit zur Ko-Regulation hängt in entscheidendem Maße mit ihrem eigenen Wohlbefinden zusammen (Eilers 2024). Deshalb ist es wichtig, auch das Wohlbefinden der Fachkräfte (z.B. durch ein betriebliches Gesundheitsmanagement) im Blick zu haben.

Entlastung von Verwaltungs- und hauswirtschaftlichen Aufgaben

Damit sich pädagogische Fachkräfte – besonders in Zeiten des Personalmangels – auf ihre pädagogische Kernarbeit, wie z.B. der Beziehungs- und Interaktionsgestaltung mit den Kindern, widmen können, ist es sinnvoll, Verwaltungs- und hauswirtschaftliche Aufgaben von Assistenz- oder Verwaltungskräften erledigen zu lassen. Zudem müsste eine schnellere Entbürokratisierung von Genehmigungs-, Abrechnungs- und Antragsverfahren erfolgen, die vor allen Dingen die Kita-Leitungen übermäßig belasten und sie von ihren Kernaufgaben abhalten.

Notfallplanung für personelle Engpässe in Kitas

Um in Krisensituationen klare und transparente Entscheidungen treffen zu können, ist es sinnvoll, dass Kita-Leitung und Team gemeinsam über die Notwendigkeit eines Notfallplans für personelle Engpässe beraten und dessen Erstellung planen. Dabei sollten folgende Aspekte bedacht werden (Ver.di 2023):

1. Ziele definieren

Es ist entscheidend, die Ziele der Maßnahmen klar zu benennen, wie z.B.:

  • Überlastung des Teams vermeiden
  • ƒ Bildungsanspruch der Kinder sicherstellen
  • ƒ Kinderbedürfnisse wahren
  • ƒ Aufsichtspflicht gewährleisten.

Eine klare Zielformulierung erleichtert die Kommunikation mit dem Träger und kann durch Bildungspläne, das Konzept der Einrichtung und das Leitbild untermauert werden. Es sollte auch erörtert werden, welche Ziele im Ernstfall vorübergehend ausgesetzt werden können.

2. Szenarien entwickeln und Maßnahmen planen

Verschiedene Szenarien wie »1–2 Kolleg*innen fehlen« oder »3–4 Kolleg*innen fehlen« sollten durchgespielt werden. Dabei kann überlegt werden:

  • Welche Aktivitäten müssen entfallen?
  • ƒ Wann und wie erfolgt eine Einschränkung der Öffnungszeiten oder eine Schließung?
  • ƒ Wie und durch wen werden Eltern und das Jugendamt informiert?

Diese vorausschauende Planung gibt Sicherheit und Handlungsfähigkeit in Ausnahmesituationen.

Fazit

Die frühkindliche Bildung steht vor großen Herausforderungen, doch es gibt Wege, Kitas zu entlasten und die Qualität zu sichern. Notfallplanung, Entlastung der Fachkräfte und die Stärkung der Bindungsqualität sind zentral. Auch die Wahrnehmung kindlichen Wohlbefindens, z.B. mit »WaBe«, hilft, Qualität kindzentriert zu gestalten und allen Kindern beste Entwicklungschancen zu bieten.

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus KiTa aktuell 3-2025, S. 21-22

Veröffentlicht:
20. Juni 2025

Prof. Dr. Rahel Dreyer, ist Professorin für Pädagogik und Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre an der Alice Salomon Hochschule Berlin und Wissenschaftliche Leitung der KiTa Fachtexte. Des Weiteren engagiert sie sich als stellvertr. Vorsitzende der BAG BEK e.V. und ist Mitglied bei Weltwerkstatt e.V. von Prof. Dr. Gerd E. Schäfer. Ihre Arbeitsgebiete sind: Entwicklung und Bildung im frühen Kindesalter, Familienbezogene Bildungs- und Erziehungsarbeit, Frühpädagogik im internationalen Vergleich und Professionalisierung von frühpädagogischen Fachkräften


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