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Hier bin ich Kind

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Wie Räume kindliches Verhalten beeinflussen

Ob sich Kinder wohl oder unwohl fühlen, erkennen wir an ihrem Verhalten. Die Ursachen dafür sind meist multifaktoriell, und nicht selten mischt die Raumgestaltung mehr mit, als wir gemeinhin denken. Die Diplom-Pädagogin Susanne Mattern hat schon viele Einrichtungen von innen gesehen und Teams zu Fragen der Raumgestaltung beraten. Dabei überrascht sie regelmäßig mit der Einsicht, dass wir den Kindern und uns mit Räumen, die zu wenige oder falsche Herausforderungen bieten, das Leben mächtig schwer machen können.

Tim ist fünf Jahre alt und war bis vor Kurzem ein umgängliches und offenes Kind, das gerne in die Kita kam und gut integriert war. Nach den Sommerferien ist sein Verhalten verändert. Scheinbar ohne Grund schubst und provoziert er andere Kinder. Dass einige seiner Freunde zwischenzeitlich in die Schule gekommen sind, erklärt den Erziehenden dies nicht gänzlich. Ein Gespräch mit den Eltern bestätigt, dass Tim unzufrieden ist und morgens nicht mehr gerne in die Kita kommt. Dass Tim auf die Frage nach dem Grund für seine Unlust und das Schubsen und danach, was er braucht, schweigt, wundert die Fachkräfte nicht. Kitakinder sind entwicklungspsychologisch schlicht nicht in der Lage, ihr Verhalten zu begründen.

Dennoch wird die Frage aus schierer Hilflosigkeit und wider besseres Wissen immer wieder gestellt. Ratlosigkeit ist schwer auszuhalten.

Was braucht Tim?

Das Team nutzte seinen nächsten Supervisionstermin, um mit mir über Tim zu sprechen. Wir analysierten die Situation und stimmten darin überein, Tims Verhalten als ein unbewusstes Signal dafür zu verstehen, dass er sich in der Kita nicht mehr wohlfühlte. Der US-amerikanische Psychologe und Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) Marshall B. Rosenberg macht in seinen Büchern nachvollziehbar, wie unerfüllte Bedürfnisse zu inneren und äußeren Konflikten führen. Auf dieser Grundlage erschien uns die Frage »Was braucht Tim, um sich in der Kita wieder wohlzufühlen?« wichtiger und zielführender als eine nach den Ursachen fragende wie »Was hat er denn?«. Als Tims Bezugserzieherin beim Sammeln von Hypothesen, was Tim brauchen könnte, die Stichworte »Anregungen und Herausforderungen« nannte, wurden wir plötzlich hellhörig. Könnte es sein, dass sich Tim im Grunde schon länger langweilte, und zwar bereits als er noch mit seinen Freunden unterwegs war, die immer viele Ideen hatten, was man mal machen könne? Wir verblieben mit dem Plan, dass die Bezugserzieherin mit Tim sprechen sollte, um ihm von ihren und den Überlegungen der Kolleg:innen zu berichten.

Große Augen

Tim zeigte sich erleichtert, dass so viele Erwachsene überlegen, was er braucht. Er öffnete sich und erzählte von seiner Traurigkeit, dass seine Freunde nicht mehr da seien und er auf nichts und niemanden mehr Lust habe. Seine Bezugserzieherin hörte ihm zu und spiegelte ihm seine Gefühle. Dann machte sie Tim den Vorschlag, mit ihm auf den Dachboden zu gehen, um im dortigen Materiallager zu schauen, was ihn interessieren könnte. Als sein Blick dort auf den Leuchttisch fiel, bekam er große Augen. Sie stellten den Tisch an einen ruhigen Platz, wo Tim gleich zu experimentieren begann. Es dauerte nicht lange, bis sich weitere Kinder für Tims Spiegel- und Lichtexperimente zu interessieren begannen.

Die pädagogischen Fachkräfte unterstützten die Forschungsarbeiten der Kinder, indem sie deren Austausch mit Bemerkungen wie »Jetzt leuchten die Farben viel heller« oder »Ihr macht ja viele Experimente« moderierten, um die Kinder zu bestärken und ihnen ihr Tun bewusst machen. Über Wochen hinweg war der Leuchttisch heiß begehrt. Dass sich die Kinder dabei überwiegend selbstständig beschäftigten und sich Tims neue Kontakte zu Carl und Lena auch über das gemeinsame Experimentieren am Leuchttisch hinaus als nachhaltig erwiesen, entlastete und erleichterte nicht nur Tim, sondern auch die Fachkräfte.

Wohlbefinden statt Langeweile

Seit einigen Jahren beobachte ich, dass Langeweile immer mehr ein Thema in den Kitas wird. Ich vermute, dass das auch damit zu tun hat, dass die Kinder bei der Eingewöhnung durchschnittlich jünger sind und täglich mehr Stunden in der Kita verbringen als noch vor zehn Jahren. Kein Wunder, wenn einige von ihnen spätestens im letzten Kitajahr regelrecht nach »geistiger Nahrung« schreien.

Herausfordernde Materialen und Räume, die »hungrige« Kinder zum selbstständigen Spiel einladen und ihre Selbstwirksamkeits- und Autonomiebedürfnisse angemessen erfüllen, sind mehr denn je gefragt. Flexibel zu nutzende Räume und Materialien sind für das Wohlbefinden von Kindern nicht zu unterschätzen: Regale auf Rollen, Nischen und Ecken, Nebenräume, die von den Kindern individuell gestaltet und genutzt werden können, durchsichtige Kisten mit thematischen Utensilien, die jederzeit zur Verfügung stehen, ermöglichen Kindern, sich ihre Bildungsthemen selbstständig zu suchen – also genau das, was Tim so sehr fehlte.

Spätestens seit Maria Montessoris Konzept der »vorbereiteten Umgebung« oder dem der neuseeländischen Lerngeschichten von Margret Carr wissen wir, dass das Raumkonzept für das Bildungsverständnis eine wesentliche Rolle spielt.

Ob ein Raumkonzept aufgeht und welche Materialien und Räume Kinder als anregend und sicher zugleich wahrnehmen, lässt sich wir am besten an deren Verhalten beobachten. Ein gutes Zeichen sind Kinder, die konzentriert und weitgehend selbstständig ihrer Arbeit – dem Spiel – nachgehen und mit anderen Kindern »ihren Ort finden«, statt auf die Fachkräfte fixiert zu sein oder wie Flummies durch Räume zu hüpfen. Ihnen positive Aufmerksamkeit zu schenken, wirkt sich am Ende nicht nur für alle Seiten positiv aus, sondern hat auch hohen ethischen Wert für das Zusammenleben. Durch die Erfahrung von Aufmerksamkeit entwickeln Kinder wahrscheinlich langfristig eine Haltung von Achtsamkeit und Wertschätzung.

Alleine raus?

Die Beobachtung, dass viele Kinder beim Ankommen einen starken Bewegungsdrang zeigen und den Flur lautstark als Rennstrecke nutzen, brachte eine Fachkraft auf die Idee, den Kindern das Außengelände direkt mit der Öffnung der Kita zugänglich zu machen. »Seitdem müssen sich die Kinder, die nach der Ankunft morgens raus wollen, gar nicht mehr aus- und später wieder anziehen, sondern können direkt und jederzeit aufs Außengelände«, berichtete die Fachkraft während einer Teamsitzung und erzählte von einem für die Kinder wie die Fachkräfte positiven Effekt: »Seit die Kinder jederzeit auch ohne Aufsicht nach draußen können, stellen wir fest, dass besonders die älteren insgesamt zufriedener wirken. Es hilft ihnen beim Ankommen, und sie sind stolz und dankbar, dass wir ihnen viel Vertrauen entgegenbringen.«

Ein weiterer positiver Nebeneffekt für das pädagogische Personal war die Erfahrung, dass das Vertrauen, was sie den Kindern schenken, erwidert wird, und sie sich zunehmend darauf verlassen können, dass sich die Kinder auch ohne direkte Aufsicht an Vereinbarungen und Regeln halten.

Auf Sicht

Die Situation löste ein anderes Team auf seine Weise und mit ebenso viel Vertrauen in die Kinder: Zur Öffnungszeit um 7.30 Uhr standen den Kindern alle Räume offen, obwohl erst zwei pädagogische Fachkräfte im Haus waren. Eine stand an der »Rezeption«, um die Ankommenden zu begrüßen und zu fragen, in welchen Raum die Kinder wollen oder ob sie im Eingangsbereich auf ein:en Freund:in warten wollen. An einem Hospitationstag erlebte ich, dass die Kinder einzeln oder zusammen mit anderen von ihren Begleitpersonen oder der zweiten Fachkraft zum gewünschten Raum gebracht wurden. Von einer der beiden Fachkräfte erfuhr ich, dass es die Kinder lieben, »gleich morgens in ›ihrem Raum‹ mit nur wenigen Kindern zu spielen, während andere sich gern auf eine Matte legen, um noch etwas zu ruhen«.

Um der Aufsichtspflicht nachzukommen und den Überblick zu behalten, würden die Fachkräfte sozusagen »Patrouille« laufen: »Ein:e Kolleg:in schaut in aller Ruhe in jeden der unbesetzten Räume, verweilt dort einen kurzen Moment und setzt ihren Weg in den nächsten Raum fort. Wenn sie unsicher ist, fragt sie die Kinder, ob es allen gutgeht. Mehr Kontrolle«, so erklärte sie mir, »gibt den Kindern das Gefühl, dass ihnen nicht geglaubt wird, was dem Ziel, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen, widerspricht.«

Flurgeschichten

Das ein Flur mehr ist als ein Verbindungsweg von A nach B, hat sich mittlerweile in der Kitalandschaft herumgesprochen, und die Neugestaltungen dieses als Rennstrecke mit erhöhter Lautstärke und Unfallgefahr gefürchteten Raums sind vielfältig. Ein Team z.B. spürte mit den Kindern Orte auf, an denen es gehäuft zu schmerzhaften Zusammenstößen kam. Die Gefahrenstellen wurden durch die Einrichtung von »Verkehrsinseln« entschärft: Neben den Türen wurden kleine Sofas platziert. In einer andere Kita, die nur über wenige Nebenräume verfügte, dafür aber über einen sehr großen Flur, richteten die Fachkräfte mit den Kindern »ruhige Bereiche« ein, die das Bedürfnis zum Verweilen ansprechen. Spannend fand ich auch die Gestaltung eines Eingangsbereiches, der bewusst als Halle gebaut wurde: Die Garderoben standen angeordnet wie ein Labyrinth und dazwischen gab es eine Bühne fürs Rollenspiel. Ein in die Wand eingebauter Rückzugsort und Sofas laden Kinder und Eltern zum Verweilen ein. In solchen, gut gestalteten Räumen braucht es kaum Regeln. Ihre Struktur nimmt Einfluss auf das Verhalten der Kinder und beugt Konflikten vor.

Ruheinseln

Die dreijährige Lara hat eine »Autismus-Spektrum-Störung« und besucht eine Kita, die nach dem offenen Konzept arbeitet. An einem der Teamtage äußerten die Fachkräfte die Befürchtung, dass Lara mit den vielen Möglichkeiten, die Räume zu nutzen, überfordert sei. Sie renne den ganzen Tag von einem Raum zum anderen und verbreite Unruhe. Lara hatte wahrscheinlich noch nicht gefunden, was sie braucht, um zur Ruhe zu kommen. Nach meiner obligatorischen Frage, »Was könnte Lara dabei helfen, sich zu fokussieren?«, lag die Lösung auf der Hand. Die Fachkräfte stimmten darin überein, dass Lara sich durchaus ausdauernd und konzentriert z.B. damit beschäftigen konnte, Gegenstände zu sortieren oder Sand von einem Gefäß in ein anderes zu schütten, sie jedoch Begleitung auf dem Weg dorthin braucht. Seit sie morgens von einer Fachkraft begrüßt und je nach Anzahl der anwesenden Kinder in eine ruhige Ecke in einem Raum oder in einen kleinen Nebenraum begleitet wird, wo sie eine eigens für sie vorbereitete Umgebung vorfindet, zeigt sich Lara ausgeglichener und ruhiger. In Folge dieser Erfahrung reflektierte das Team, das weitere Kinder von Rückzugsorten wie Zelten, Tischen mit Decken oder umgedrehten Schränken profitieren können.

An Bedürfnissen orientiert

Ich glaube, Kinder brauchen vor allem viel Platz. Platz, an dem sie einfach sie selbst sein dürfen. Freie Flächen, auf denen sie ihr Spiel in jede mögliche Richtung ausweiten können, sind für ihren Flow ein wahrer Segen. Dafür darf gern so manche heilige Kuh, wie z.B. »ein Stuhl für jedes Kind«, geschlachtet werden. Kinder sitzen ohnehin gern am Boden. Flexibilität im Denken und Kreativität in der Raumgestaltung sind beste Ratgeber für eine an den Bedürfnissen orientierte Pädagogik – und wohlgemerkt meint das nicht ausschließlich an den Bedürfnissen der Kinder orientiert, sondern auch an denen der Fachkräfte. Ich mag die Idee der Gastgeberin der Werkstattpädagogik und gehe sicher davon aus, dass es auch für die Kinder einen Unterschied macht, ob wir uns an unserem Arbeitsplatz wohlfühlen und ihn mit Freude für sie gestalten oder nicht. Ich habe schon oft gehört, dass Fachkräfte ihre Pausenzeit im Auto auf dem Parkplatz, im Café um die Ecke oder in einem gerade nicht genutzten Kitaraum verbringen.

Tatsächlich bekam ich aus keiner der von mir spontan angefragten Kita ein Foto von einem Teamzimmer mit Wohlfühlatmosphäre geschickt, weil das gerade als Abstellraum, Pflegestation für kranke Kinder, für Elterngespräche oder als zusätzlicher Raum für die Kinder genutzt wird. Wenn ich die Teilnehmer:innen meiner Supervisionen zum Thema Selbstfürsorge bitte, einen virtuellen Pausenraum zu gestalten, zeigt sich eine bemerkenswerte Kluft zwischen Wirkichkeit und Wunsch. Je nach Größe des Teams wird an einen Raum oder mehrere Räume in abgelegener, ruhiger Lage im Haus gedacht – mit mindestens einem Sofa, einem Tisch mit mehreren bequemen Stühlen, einem Arbeitsplatz mit Laptop, einer gut ausgestatteten Mini-Küche und einem Licht- und Belüftungs- und Klimakonzept, welches das Wohlgefühl aller Mitarbeitenden in bester Weise fördert. Viel Spaß bei der Umsetzung!

Lesetipps
Ein gelungenes Beispiel dafür, wie Raumgestaltung offene Arbeit unterstützt, beschreibt Marion Röttgers in „Jetzt bitte tief einatmen! Warum Kinder Arzt spielen wollen.“ Der Beitrag über eine »Arztpraxis« im von der Autorin geleiteten Familienzentrum in St. Otger, wo sich Kinder oft tage-, wochen- oder sogar monatelang selbstständig beschäftigen und dabei auch viel lernen können, erschien in Betrifft KINDER 01-02/2024.
In der Ausgabe 5-2024 der Zeitschrift »Kindergarten Heute« gibt Helen Knauf in „Viel Potenzial für Bildung“ Tipps, wie Räume unter Berücksichtigung von Wand- und Bodenbelag und »sprechenden« Wänden als pädagogisches Instrument genutzt werden können und gibt Hinweise auf gesetzliche Vorgaben über die Fläche, die Kindern in einer Kita zustehen. Im 2020 bei Verlag Herder erschienenen „Kinder mit herausforderndem Verhalten: Ein heilpädagogisches Handlungskonzept“ berücksichtigt Maja Nollau auch die Raumgestaltung.

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus Betrifft Kinder 11/12-2024, S. 26-29

Veröffentlicht:
7. Januar 2026

Susanne Mattern ist Dipl.-Pädagogin und Mitgründerin des »Netzwerk Starke Kinder e.V.« für Fort- und Weiterbildung. Bis 2002 war sie hauptamtliche Mitarbeiterin beim Deutschen Kinderschutzbund e.V. und ist seitdem als freiberufliche Fortbildnerin und Konzeptberaterin für Kita-Teams tätig. Sie ist Mitglied des Netzwerk Offene Arbeit Deutschland (NOA / www.noa-deutschland.de), fachliche Beraterin des AV1-Films »Offene Arbeit in der Kita« und Co-Autorin des 2024 von NOA bei Verlag das Netz herausgegebenen »Was Kinder schützt und stärkt. Qualität der Offenen Arbeit als gelebtes Kinderschutzkonzept«.

Kontakt www.NetzwerkStarkeKinder.de


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