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Geschichten, Spiele und Alltagssituationen: Methoden für frühe Datenschutzsensibilisierung in der Kita

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Kinder wachsen heute selbstverständlich in einer von Medien geprägten Umgebung auf. Wie die miniKIM-Studie 2023 zum Beispiel zeigt, gibt es in nahezu allen Familien mit Kindern zwischen zwei und fünf Jahren Zugang zum Internet und mindestens ein Smartphone. Rund 72 Prozent der Haushalte verfügen über ein Tablet. Digitale Medien gehören damit zur kindlichen Lebenswelt ab der Geburt – auch dann, wenn sie diese noch nicht eigenständig nutzen. Dennoch erleben sie jeden Tag, dass Fotos gemacht und Informationen weitergegeben werden.

Festhalten lässt sich aber auch, dass der Umgang mit persönlichen Informationen nicht erst mit dem ersten eigenen Smartphone beginnt. Schon im Kita-Alter erzählen Kinder offen von sich, ihrer Familie, ihrem Zuhause oder ihren Erlebnissen. Entwickelt sich hier kein erstes Verständnis dafür, welche Informationen geteilt werden können und welche besser geschützt bleiben, fehlt Kindern später eine wichtige Grundlage für den digitalen Raum.

Frühe Datenschutzsensibilisierung sollte deshalb als pädagogische Aufgabe verstanden werden. Für Kinder geht es dabei um lebensnahe Fragen. Was gehört zu mir? Wem vertraue ich? Was darf ich erzählen? Wann darf ich Nein sagen? Vor allem Geschichten, Spiele und Alltagssituationen können helfen, solche Fragen behutsam aufzugreifen und ein erstes Verständnis für Privatsphäre, Selbstschutz und persönliche Grenzen zu entwickeln.

Privatsphäre als Teil von Selbstbildung, Beziehung und Kinderrechten

Privatsphäre bezeichnet den persönlichen Lebens- und Schutzbereich eines jeden Menschen. Sie umfasst Informationen, Beziehungen, Gedanken, Gefühle, körperliche Integrität sowie Räume und Situationen, über die eine Person selbst bestimmen können soll. Im pädagogischen Kontext bedeutet das, dass natürlich auch Kinder ein Recht darauf haben, dass ihre persönlichen Grenzen wahrgenommen, respektiert und altersangemessen mit ihnen ausgehandelt werden.

Diese Perspektive ist auch rechtlich verankert. Die UN-Kinderrechtskonvention schützt Kinder vor willkürlichen oder rechtswidrigen Eingriffen in ihr Privatleben. In der digitalen Lebenswelt betrifft das etwa Fotos, persönliche Informationen oder Inhalte, die über Kinder geteilt werden. Persönlichkeitsrechte gelten unabhängig vom Alter

Auch die Datenschutz-Grundverordnung hebt die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern hervor. Art. 8 DSGVO regelt die Einwilligung eines Kindes bei Diensten der Informationsgesellschaft. Noch grundsätzlicher verweist Erwägungsgrund 38 darauf, dass Kinder besonderen Schutz verdienen, weil sie sich der Risiken, Folgen und Rechte bei der Verarbeitung personenbezogener Daten häufig noch nicht bewusst sind. Die Datenschutzkonferenz beschreibt diesen Schutzbedarf ebenfalls als strukturell bedingt. Kinder müssen Wissen über Handlungsfolgen und Handlungsmöglichkeiten erst nach und nach entwickeln.

Für die frühe Bildung ist daraus vor allem eine pädagogische Aufgabe abzuleiten. Kinder sollen nicht nur geschützt werden, sondern schrittweise selbst lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen und über persönliche Informationen mitzuentscheiden. Kindern sollte unter bestimmten Bedingungen stets ein Mitspracherecht eingeräumt werden, wenn es etwa darum geht, was etwa mit einem digitalen Foto aus dem Freispiel in Kita oder Familie geschieht.

Damit wird Privatsphäre zu einem Thema, das mitten im Kita-Alltag liegt. Wenn ein Kind nicht fotografiert werden möchte, wenn es ein Geheimnis nicht weitererzählen will oder wenn es fragt, wer ein Bild sehen darf, entstehen wichtige Lernmomente. Pädagogische Fachkräfte und Eltern können diese Situationen aufgreifen, ohne sie zu überfordern. Ziel ist es eine kindgerechte informationelle Selbstbestimmung über Beziehung, Beteiligung und wiederkehrende Alltagserfahrungen zu vermitteln.

Warum Regeln allein nicht greifen

Ein Satz wie „Gib keine persönlichen Daten weiter“ setzt bereits voraus, dass ein Kind versteht, was persönliche Daten sind, warum bestimmte Informationen schützenswert sind und welche Folgen eine Weitergabe haben kann.

Gerade im digitalen Raum zeigt sich, dass reine Verbote Kinder nur begrenzt stärken. Kinder kommen über Familie, Geschwister, Freunde oder gemeinsame Geräte früh mit Medien in Berührung. Sie erleben, wie bereits erwähnt, dass Erwachsene Fotos machen, Nachrichten verschicken, Videos anschauen oder Informationen teilen. Dadurch entsteht eine gewisse Medienerfahrung lange bevor Kinder eigene Geräte besitzen.

Hinzu kommt, dass Verbote häufig die Neugier nur verstärken. Was pauschal untersagt wird, wirkt  besonders interessant. Kinder lernen dann eher, eine Regel zu umgehen, als ihren Sinn zu verstehen. Auch abrupte Grenzen, etwa beim Ausschalten eines Videos oder beim Wegnehmen eines Geräts, führen schnell zu Frust, da Kinder mitten aus einer intensiven Situation herausgerissen werden. Hilfreicher sind daher vorhersehbare Übergänge, einfache Erklärungen und konkrete Alternativen.

Ebenso wird ein Foto erst dann zum Thema Privatsphäre, wenn gemeinsam darüber gesprochen wird, wer es sehen darf und wie sich das Kind damit fühlt.

Deshalb braucht frühe Datenschutzsensibilisierung ein Gespräch, stetige Wiederholung und erfahrbare Beispiele. Geschichten, Rollenspiele, Bildkarten oder kleine Alltagssituationen ermöglichen Kindern, Zusammenhänge selbst zu entdecken. Sie lernen, dass Informationen etwas über sie verraten können. Sie erleben, dass sie mitentscheiden dürfen. Und sie erfahren, dass Erwachsene ihnen helfen, wenn sich etwas unsicher oder unangenehm anfühlt.

Regeln behalten dabei ihren Platz. Sie wirken besonders gut, wenn sie in eine vertrauensvolle Begleitung eingebettet sind. Dann werden sie für Kinder zu einer nachvollziehbaren Orientierungshilfe und weniger zu einer äußeren Begrenzung. Frühe Medien- und Datenschutzbildung beginnt daher dort, wo Erwachsene mit Kindern gemeinsam hinschauen, nachfragen und einfache Handlungsmöglichkeiten entwickeln.Formularbeginn

Geschichten, Ratespaß und Rollenspiele als wertvoller Zugang

Geschichten eröffnen Kindern einen geschützten Raum, in dem sie über persönliche Informationen sprechen können, ohne sofort selbst im Mittelpunkt zu stehen. Eine Figur erlebt etwas, trifft Entscheidungen, macht Fehler oder spürt ein ungutes Gefühl. Kinder beobachten, fühlen mit und überlegen, was die Figur tun könnte. Dadurch werden auch Fragen nach Privatsphäre und Selbstschutz leichter zugänglich.

Gerade im Kita-Alter bringt der Umweg über eine Geschichte wertvolle Impulse für das Thema mit. Denn aus der Frage „Was würdest du tun?“ wird dann ein Gespräch darüber, wem man etwas erzählt, wer ein Foto sehen darf oder warum manche Informationen bei einem selbst bleiben.

Ein Beispiel für einen solchen narrativen Zugang ist das Kinderbuch „Pssst! Das ist nur für mich“. Im Mittelpunkt steht Fuchs Fiete, der seinen Freunden im Wald begegnet. Hase Greta, Igel Petti und andere Tiere teilen persönliche Informationen sehr offen. Fiete erklärt ihnen behutsam, warum manche Dinge besser geschützt bleiben. Die Geschichte übersetzt Datenschutz in vertraute Situationen. Kinder können mitdenken, welche Informationen privat sind, wem man vertrauen kann und warum sich manches gut oder weniger gut anfühlt.

Im Kita-Alltag lässt sich solch ein Format in einen einfachen Lesekreis einbetten. Die Fachkraft liest eine Szene vor und hält an einer passenden Stelle inne. Anschließend fragt sie die Kinder, was die Figur wohl gerade denkt oder warum es die Information besser nicht teilen sollte. Die Kinder können Karten mit Begriffen wie Name, Zuhause, Lieblingsessen, Foto oder Geheimnis in drei Kreise legen. Ein Kreis steht für Dinge, die viele wissen dürfen. Ein zweiter Kreis steht für vertraute Menschen. Ein dritter Kreis steht für Dinge, die bei ihnen bleiben.

Auch kurze erfundene Alltagsszenen eignen sich gut. Eine Figur bringt ein Foto mit in die Kita und möchte es allen zeigen. Eine andere Figur erzählt laut, wo sie wohnt. Ein Kind in der Geschichte möchte ein Geheimnis weitererzählen, weil es spannend klingt. Solche Szenen lassen sich gut mit Handpuppen oder kleinen Rollenspielen aufgreifen. Wichtig ist, dass die Kinder nicht belehrt werden, sondern gemeinsam überlegen dürfen, was sich fair, sicher und richtig anfühlt.

Was Fachkräfte dafür brauchen

Damit frühe Datenschutzsensibilisierung im Kita-Alltag gelingt, brauchen pädagogische Fachkräfte vor allem Sicherheit im Umgang mit dem Thema. Eine solche Sicherheit entsteht durch Grundlagenwissen, Austausch im Team und praxistaugliche Materialien. Fachkräfte müssen dafür keine Datenschutzbeauftragten werden. Hilfreich ist aber ein grundlegendes Verständnis dafür zu entwickeln, was persönliche Informationen sind, warum Kinder besonders schutzbedürftig sind und wie Datenschutz im pädagogischen Alltag aufgegriffen werden kann.

Ein erster Schritt sollten daher Fortbildungen, Teamgespräche oder externe Fachimpulse sein. Sie helfen dabei, das Thema einzuordnen und Unsicherheiten abzubauen. Wichtig ist, dass solche Angebote nicht bei rechtlichen Vorgaben stehen bleiben, sondern konkrete Anleitungen für die Praxis geben sollten – denn

Fachkräfte brauchen Beispiele, Gesprächsimpulse und einfache Methoden, die sich in Morgenkreise, Projektarbeit, Portfolioarbeit oder Elternkommunikation integrieren lassen.

Darüber hinaus lohnt es sich, geeignete Materialien zu sammeln und im Team zu besprechen. Orientierung schaffen etwa Herausgaben von Bundes- und Landesstellen, der Bundeszentrale für politische Bildung, Angeboten des Kinder- und Jugendschutzes oder medienpädagogischen Fachstellen. Sie lassen sich ideal als Ausgangspunkt und Leitfäden nutzen, um eigene Konzepte für die Einrichtung zu entwickeln.

Ebenso wertvoll sind selbst gestaltete Formate, die zur jeweiligen Kindergruppe passen. Eine Kita kann zum Beispiel mit einer wiederkehrenden Figur arbeiten, die Fragen zu Privatsphäre und persönlichen Informationen stellt. Ein Beispiel dafür wäre Fuchs Fiete der als ein solcher Begleiter eingesetzt werden kann.

Besonders wirksam wird frühe Datenschutzsensibilisierung am Ende dann, wenn sie im Familienalltag weitergeführt wird. Eltern sind für Kinder wichtige Vorbilder. Deshalb müssen Kitas Eltern ebenso früh einbeziehen und verständlich erklären, warum Privatsphäre, Fotos und persönliche Daten bereits im Kita-Alter eine Rolle spielen.

Das kann über Elternabende, kurze Informationsimpulse, Aushänge, Elternbriefe oder thematische Gesprächsabende geschehen. Wer als Einrichtung aufgrund von Personalmangel kaum mit anderen Themen hinterherkommt und im Kontext Entlastung benötigt, sollte auf externe Fachimpulse zurückgreifen.

Wenn Kita und Familie eine einheitliche Botschaft vermitteln, wird das Thema für Kinder verständlicher. Dann erleben sie im Alltag immer wieder, dass sie mitentscheiden dürfen, was zu ihnen gehört, dass sie Nein sagen dürfen und dass Erwachsene ansprechbar sind, wenn sie unsicher sind.

Fazit: Datenschutz als Beziehungsthema verstehen

Frühe Datenschutzsensibilisierung beginnt dort, wo Kinder erleben, dass etwas zu ihnen gehört. Das kann ein Foto sein, ein Name, eine Geschichte, ein Gefühl, ein Ort oder eine Information über die Familie. Wenn pädagogische Fachkräfte solche Situationen im Alltag aufgreifen, entsteht ein erster Zugang zu Privatsphäre, Selbstschutz und Beteiligung.

Dafür reichen schon wiederkehrende kleine Impulse, die sich in bestehende Abläufe integrieren. Ein Lesekreis, eine Sortierübung, eine Handpuppe, eine Bildkarte oder ein Gespräch nach einer Alltagssituation schaffen bereits erste wichtige Lernmomente. Kinder erleben dabei, warum persönliche Informationen schützenswert sind und warum ihre eigene Meinung Bedeutung hat. Datenschutzsensibilisierung stärkt Kinder darin mitzudenken und mitzuentscheiden. Wenn ein Kind gefragt wird, ob es fotografiert werden möchte, wenn seine Antwort respektiert wird und wenn es erlebt, dass auch ein Nein gilt, wird Privatsphäre erfahrbar. Datenschutz wird so mit Partizipation verbunden und als Teil einer demokratischen Alltagskultur in der Kita sichtbar.

Nachhaltig wird das Thema, wenn es im Team getragen und mit den Familien verbunden wird. Wenn Kita und Familie ähnliche Signale senden, lernen Kinder Schritt für Schritt, dass persönliche Informationen etwas Wertvolles sind. Sie dürfen fragen, teilen, vertrauen, Grenzen setzen und Unterstützung holen. Das ist der Beginn kindgerechter informationeller Selbstbestimmung.

Veröffentlicht:
1. Juni 2026

Anna-Lena Eswein ist TÜV-zertifizierte Datenschutzbeauftragte, BSI-IT-Grundschutz-Praktikerin und Fachredaktionsleiterin bei einem renommierten Weiterbildungsträger. Ihr Schwerpunkt liegt auf die frühe Datenschutzsensibilisierung von Kindern. Als Autorin des Kinderbuches „Pssst! Das ist nur für mich.“ begleitet sie Kitas und Familien durch Elternabende, Fachimpulse und Aufklärungsangebote zum altersgerechten Umgang mit persönlichen Informationen, Kinderfotos und digitalen Medien.

Kontakt

Webseite: annaeswein.de

E-Mail: info@annaeswein.de


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