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Fachkräfte als Held:innen und Vorbilder

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Nicht nur so sein als ob

Ob wir wollen oder nicht: Als Fachkräfte sind wir Vorbilder für Kinder. Sie beobachten uns, ahmen uns nach und verinnerlichen die Werte, die wir ihnen vorleben. Sind wir uns dessen im Alltag bewusst? Lassen Sie uns gemeinsam schauen, wie wir dieser Verantwortung gerecht werden und welche fünf Fehler wir unbedingt vermeiden müssen.

Was ist ein Vorbild? Antwort: Eine Person, die durch ihr Verhalten, ihre Einstellungen und ihre Werte Orientierung gibt und Impulse setzt. Das Wort „Vorbild“ hat seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen. Es meint ein Bild, das jemandem als Beispiel vor Augen steht. Für Kinder sind Fachkräfte genau das. Sie sind Bilder, die die Kinder prägen, inspirieren und ihnen zeigen, was es heißt, in einer Gemeinschaft zu leben.

Die Rolle als Vorbild ist stark in eine dynamische Wechselwirkung zwischen Individuum und System eingebettet. Fachkräfte agieren nicht isoliert, sondern innerhalb eines komplexen Systems, das aus Strukturen, Regeln und Erwartungen besteht. Gleichzeitig bringen sie ihre Persönlichkeit, ihre Werte und Überzeugungen ein. Dieses Zusammenspiel hat entscheidenden Einfluss auf die pädagogische Arbeit: Das System formt das Handeln der Fachkräfte. Gleichzeitig fließen deren Überzeugungen in ihr Handeln ein und gestalten so das System mit.

Soziale Wesen in the making

Die Bedeutung der Vorbildrolle von Fachkräften in Krippe und Kita ist kaum zu überschätzen. Der Grund: Kinder erwerben in dieser Lebensphase entscheidende Grundlagen für ihre Persönlichkeitsentwicklung und ihr Sozialverhalten. Laut dem Bildungswissenschaftler Klaus Hurrelmann wirken Erwachsene als „signifikante Andere“, die maßgeblich die Identitätsbildung von Kindern beeinflussen. Kinder beobachten und verinnerlichen die Werte, Normen und Einstellungen, die Fachkräfte durch ihr Verhalten vermitteln. Dieses Lernen durch Nachahmung ist eine der frühesten und effektivsten Lernformen. Fachkräfte mit einer wertschätzenden und respektvollen Haltung fördern die Empathiefähigkeit und das soziale Miteinander von Kindern, wie der Pädagoge Gerd E. Schäfer in seinem Buch „Bildung durch Beteiligung“ schreibt.

Schäfer hebt zudem hervor, dass die emotionale Resonanz von Fachkräften – also sich in die Bedürfnisse der Kinder einzufühlen und darauf zu reagieren – eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung sozial-emotionaler Kompetenzen ist. Fachkräfte müssen authentische und konsistente Vorbilder sein, um Kindern Orientierung zu geben und ihnen ein stabiles Umfeld zu bieten, in dem sie Sicherheit und Vertrauen entwickeln können. Diese Sicherheit wiederum ist wichtig, da Kinder durch die Identifikation mit ihren Bezugspersonen lernen, ihre emotionalen Reaktionen und zwischenmenschlichen Fähigkeiten zu regulieren und auszubauen.

Fachkräfte werden dieser Vorbildfunktion verantwortungsvoll gerecht, wenn sie auf diverse Aspekte bewusst achten. Selbstreflexion und Feedbackprozesse sind zentrale Elemente, um das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen. Sie ermöglichen Fachkräften „[…] die eigene Vorbildwirkung zu erkennen und gezielt weiterzuentwickeln“, schreibt Johannes Schilling, pensionierter Professor im Fachgebiet Sozial- und Kulturwissenschaft, in seinem Buch „Soziale Arbeit“. Fachkräfte sollten dabei authentisch bleiben und ihre eigene Haltung sowohl klar als auch verständlich kommunizieren. Infolgedessen sind sie ein stabiles, verlässliches Vorbild für Kinder.

Vorbild im pädagogischen Kontext bedeutet, dass Fachkräfte den Kindern durch ihr Verhalten zeigen:

  • wie sie Probleme lösen,
  • wie sie mit anderen interagieren und
  • welche Werte und Normen ihnen wichtig sind.

Kinder lernen, während sie die Handlungen und Haltungender Erwachsenen beobachten und sie sich abschauen. Das hilft ihnen, eigene Fähigkeiten und soziales Verhalten zu entwickeln. Welche Rolle das Verhalten der Fachkraft im Lernprozess der Kinder spielt, beschreibt die Theorie „Lernen am Modell“ nach dem Psychologen Albert Bandura. Sie unterstreicht die enorme Bedeutung der pädagogischen Fachkraft als Vorbild. Kinder sind nicht nur passive Empfänger:innen von Informationen, sondern erschaffen aktiv ihre Lernumwelt. Sie wählen sich selbstbestimmt Vorbilder aus, interpretieren beobachtete Verhaltensweisen und passen sie an ihre eigenen Bedürfnisse und Ziele an. Gestalten Erzieher:innen gezielt die Lernumgebung und verstärkenVerhaltensweisen positiv, können sie die Entwicklung der Kinder maßgeblich beeinflussen.

Zwischen den Polen

Wann bin ich in meiner Funktion als Vorbild wirksam und wie gestalte ich mein pädagogisches Handeln? Der Erziehungswissenschaftler Ulf Sauerbrey beschreibt im Buch „Entwicklung des Spiels“, dass sich der wissenschaftliche Diskurs über pädagogisches Handeln in zwei Lager spaltet:

Auf der einen Seite gibt es die Vertreter:innen des Freispiels. Sie fordern, den Kindern möglichst keine oder nur wenige Spielinhalte vorzuschreiben. Kinder haben so viel Gelegenheit und Raum, frei ihre Fähigkeiten zu entwickeln und selbsttätig Bildungssituationen zu erleben.

Die andere Seite vertritt die Ansicht, die kindliche Aktivität effektiv zu nutzen, um relevantes Wissen und Können anleitend und vorschreibend zu vermitteln.

Häufig changieren wir in der pädagogischen Arbeit zwischen beiden Polen. Eine Fachkraft kann Kindern in einer Spielsituation zunächst etwa die Freiheit geben, selbstständig zu entscheiden, was und wie sie spielen möchten. Gleichzeitig greift sie in einer anderen Situation unterstützend ein, schlägt bestimmte Spielinhalte vor und fördert hierdurch gezielt Lernprozesse. Das zu reflektieren, ist wichtig, wenn wir uns der Frage nähern: Wie sind Fachkräfte als Vorbild pädagogisch wirksam?

Durch regelmäßige Selbstreflexion hinterfragen Fachkräfte ihr Verhalten, ihre Einstellungen und Haltungen kritisch und verbessern sie im besten Fall. Dadurch können sie authentischer handeln und ihre Vorbildrolle bewusster wahrnehmen. Wöchentliche Reflexionsrunden, Teamgespräche oder Supervisionen unterstützen diesen Prozess. Das trägt zur Weiterentwicklung der Professionalität bei. Es stärkt die persönliche Entwicklung der Fachkräfte und somit ihre Wirksamkeit als Vorbild.

Das bin ich!

Ob man als Vorbild wirksam ist, geht vor allem von der Person selbst aus. Klar ist, dass Fachkräfte im pädagogischen Alltag eine professionelle Haltung einnehmen müssen, die sich durch Empathie, Geduld und die Fähigkeit zu Reflexion und Selbstkritik auszeichnet. Dennoch braucht es im Kontakt mit Kindern, Eltern und Kolleg:innen eine eigene Persönlichkeit, die in Beziehung zu anderen Menschen tritt. Der Psychologe Carl Rogers nennt in dem Werk „Entwicklung der Persönlichkeit“ diesbezüglich einen entscheidenden Faktor: „Das Real-Sein“. Er meint damit, dass die inneren Gefühle, Einstellungen und Haltungen einer Person mit ihrem äußeren Verhalten übereinstimmen. Einstellungen und Haltungen müssen echt sein und wir müssen uns ihrer bewusst sein. Sprich: Wer seine wirklichen Gefühle akzeptiert, wird in der Folge als Mensch akzeptiert. Vorbild zu sein, kann anstrengend sein, wenn man nicht „real“ ist.

„Haltung lässt sich nicht nur für die Zeit der professionellen Arbeit überstreifen. Sie muss Teil der Persönlichkeit eines Menschen sein, um authentisch zu wirken.“ (Nentwig-Gesemann, Iris/ Fröhlich-Gildhoff, Klaus/ Harms, Henriette/ Richter, Sandra (2012): Professionelle Haltung – Identität der Fachkraft für die Arbeit mit Kindern in den ersten drei Lebensjahren, S. 13)

Die Haltung zur pädagogischen Arbeit mit den Kindern muss intrinsisch in Fachkräften angelegt sein. Sie müssen eine Haltung ausbilden, die in ihrer Arbeit sichtbar wird, um ein wirksames Vorbild zu sein. Ein Schlüssel hierzu ist, dass sich Fachkräfte wohlfühlen. Faktoren, die das fördern, sind:

  • eine wertschätzende Arbeitsatmosphäre,
  • eine klare Kommunikation,
  • Unterstützung durch das Team,
  • Möglichkeiten zur Mitgestaltung des pädagogischen Konzepts,
  • regelmäßige Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Spannungen in diesen Bereichen machen ein „Real-Sein“ nicht möglich, und Fachkräfte können ihre Vorbildrolle nicht, oder nur bedingt erfüllen.

Was als Vorbild gar nicht geht:

Die fünf größten Fehler

1. Unechtes Verhalten zeigen („nicht real sein“)

Wenn Fachkräfte nicht authentisch sind und ihre Gefühle oder Haltungen nicht ehrlich zeigen, wirkt ihr Verhalten unecht. Kinder nehmen ein solches Verhalten als unglaubwürdig wahr, was wiederum die Wirkung als Vorbild mindert. Authentizität, wie sie Carl Rogers beschreibt, ist zentral, um als Vorbild wirksam zu sein.

2. Die professionelle Haltung nur aufsetzen

Eine professionelle Haltung, die Erzieher:innen nur während der Arbeitszeit einnehmen – die jedoch nicht intrinsisch in der eigenen Persönlichkeit verankert ist – erkennen Kinder schnell als unnatürlich. Diese Inkongruenz führt dazu, dass das Vorbild weniger nachhaltig ist. Eine Haltung muss tief in der Persönlichkeit der Fachkraft verankert sein, damit sie auf Kinder wirkt.

3. Ein nicht (mehr) passendes Arbeitsumfeld

Fühlen sich Erzieher:innen in ihrem Arbeitsumfeld nicht mehr wohl, können sie unter Umständen nicht mehr als Vorbild agieren. Ein negatives Arbeitsklima oder Spannungen innerhalb des Teams erschweren es, authentisch zu sein und beeinträchtigen die Qualität des Verhaltens.

4. Kein Bewusstsein dafür, wie das eigene Verhalten wirkt

Pädagogische Fachkräfte sollten sich stets bewusst sein, dass Kinder durch Beobachtung lernen. Alles, was Erwachsene tun, kann ein Modell für das Verhalten der Kinder sein – sowohl für positive als auch negative Handlungen. Unreflektiertes Verhalten, wie beispielsweise Wutanfälle oder ein niedriges Frustrationslevel, kann Kinder dazu bringen, unerwünschte Verhaltensweisen zu übernehmen.

5. Das Vorbild ist für Kinder nicht relevant

Damit Kinder einem Vorbild folgen, muss dieses für sie einen erkennbaren Mehrwert haben. Kinder müssen die Handlungen der Fachkräfte sinnvoll finden. Wenn das Kind darin keinen Sinn erkennt oder es das Verhalten als irrelevant erachtet, können Fachkräfte kein Vorbild sein. Dementsprechend müssen Erzieher:innen das Verhalten der Kinder beobachten und verstehen. Sie müssen erkennen, was ihnen wichtig ist, um als Vorbild entsprechend zu agieren.

Was lernen wir daraus?

Kinder brauchen echte Vorbilder – Menschen, die authentisch, reflektiert und bewusst mit ihrer Rolle umgehen. Sie lernen nicht nur, indem wir sie belehren. Sie lernen, indem sie uns nachahmen und wenn sie Vertrauen sowie Verlässlichkeit erleben. Ein Vorbild zu sein, ist eine große Verantwortung. Es verlangt von Fachkräften, sich stetig mit dem eigenen Tun auseinanderzusetzen und sich persönlich weiterzuentwickeln. Zudem müssen wir Kindern ein starkes und verlässliches Bild bieten, an dem sie sich orientieren können. Das ist eine Aufgabe, die all unsere Energie und Hingabe verdient.

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus
klein&groß 02 / 2025

Veröffentlicht:
19. Juni 2025

ist Fachberater und Qualitätsleitung bei den Kindertagesstätten der Villa Luna GmbH.

 

arbeitet als Referent für Intervention sexueller Gewalt im Bistum Essen sowie als Trainer für Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. Außerdem ist er Erstberater bei Gewalterfahrungen beim Kinderschutzzentrum Rheine. Zuvor leitete er eine heilpädagogische Kindertagesstätte und studierte Bildungs- und Sozialmanagement an der Hochschule Koblenz.


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"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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