Kaum in der Krippe, hat Lia schon genug vom Tag. Der Trubel ist ihr zu viel. Am liebsten möchte sie mit ihrer Mama wieder heimgehen. Wie kann das Kind diesen entscheidenden Moment mit der Hilfe seiner Erzieher:innen bewältigen, was trägt zu einem guten Start am Morgen bei und warum kann ausgerechnet ein Apfel die Situation retten?
Lia sitzt auf dem Schoß ihrer Mama in der Garderobe und schaut in den Gruppenraum: Kinder rennen hin und her. Hat sie da Sophie gesehen? Der Erzieher Tom räumt den Tisch ab. Erzieherin Anni läuft an ihnen vorbei und begrüßt sie mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Mama sagt: „Los Lia, auf geht’s. Ich muss los. Geh hinein.“ Lia dreht sich um und klammert sich an den Hals ihrer Mama.
Verabschieden und Ankommen ist die Zeit, in der der Morgen zu Hause bereits hinter dem Kind liegt und der Tag in der Krippe vor ihm. Einige Anforderungen begleiten den Übergang hinein in den Betreuungstag. Nicht selten geht der Prozess in ein „Zu-viel“ über: viele Emotionen, Zeitdruck, Weinen sowie verunsicherte Kinder und Eltern.
Pädagogische Fachkräfte haben die essenzielle Aufgabe, in diesem Moment präsent zu sein – trotz des Alltagsgeschehens. Begleiten sie die Kinder bewusst in den Tag, können Erzieher:innen eine traurige Verabschiedung oder einen turbulenten Übergang beziehungsstark unterstützen.
Was brauchen Kinder während des Abschieds von ihren Eltern und beim Ankommen im pädagogischen Alltag? Wie können sich Fachkräfte in dieser Situation bestmöglich auf die Eltern und das Kind abstimmen, obwohl sie erst einmal kaum etwas über deren Situation wissen?
Das Ankommen am Morgen ist deshalb so reich an Anforderungen, weil eine Menge kleine Übergänge stattfinden. Sie werden von der Erziehungswissenschaftlerin Dorothee Gutknecht und der Kindheitspädagogin Maren Kramer auch als Mikrotransitionen bezeichnet. Viele davon reihen sich vorher und danach aneinander: Ortswechsel, Wechsel der Bezugspersonen und kleine Herausforderungen auf dem Weg dahin. Konkret sind das: losgehen von zu Hause, die Kita erreichen, ausziehen, Tschüss sagen, begrüßen sowie ein Spiel oder eine Aktivität aufnehmen und mit einer anderen Bezugsperson oder anderen Kindern ankommen.
Diesen Übergang zu begleiten, erfordert eine hohe Aufmerksamkeit der Fachkräfte: Wie verlief der Morgen für das Kind? Ist es müde oder hungrig? Freut es sich oder kann es sich heute schwer verabschieden? In dem kurzen Moment während der Übergabe muss man so viel wie möglich erfassen, um das Kind passend zu begleiten.
Wie schaffen Fachkräfte für das Kind einen Moment des Ankommens, der die Beziehung stärkt und zu bewältigen ist? Indem sie die reichlichen Anforderungen und das individuelle Erleben des Kindes in den Blick nehmen. Denn es passiert oft, dass jede weitere Anforderung zur Überforderung wird. Immerhin ist am Morgen daheim schon viel geschehen und der Abschied von Mama oder Papa ist ebenfalls emotional fordernd.
Dazu kommen in der Kita noch mehr Herausforderungen, wie dass das Kind allein in den Gruppenraum laufen soll oder es aus Versehen den Schnuller in der Garderobe vergisst. So schafft es auch Lia im Moment des Abschieds nicht, den Übergang emotional allein zu bewältigen, weil sie gleichzeitig versucht, sich im trubeligen Kita-Alltag zu orientieren. Für sie und ihre Mutter wäre ein bewusstes Entgegenkommen und Abholen durch die Fachkräfte sowie eine Übergabe und ein begleiteter Abschied nötig.
Es ist eine wesentliche Aufgabe von Erzieher:innen, aktiv und passgenau ihre Unterstützung anzubieten, damit Kind und Eltern den Übergang bewältigen können und bereit dafür sind. Dabei müssen sie sich bestmöglich auf das Gegenüber abstimmen. Gerade Tschüss zu sagen, kann ein Moment sein, in dem die Fachkraft die Gefühle des Kindes begleiten muss. Die gemeinsame Ko-Regulation der Emotionen oder der Überforderung, das sich neu Einstellen auf andere Bezugspersonen sowie eine andere Umgebung, ist eine Schlüsselaufgabe pädagogischen Handelns.
Wenn Bezugspersonen Kinder verlässlich begleiten, lernen sie, wie solche Situationen für sie zu schaffen sind. Darüber hinaus bergen Verabschieden und Ankommen großes Potenzial, sowohl für die Beziehung zwischen der pädagogischen Fachkraft und dem Kind als auch für das Fühlen und Bewältigen einer Vielzahl unterschiedlicher Gefühlszustände: Traurigkeit und Trost, Wut, Frustration und ein sich anschließender Spannungsabbau, Freude und sich etwas trauen. Erlebt das Kind jeden Morgen aufs Neue eine verlässliche, zugewandte und emotional Halt bietende Begleitung, trägt das maßgeblich zu einem Gefühl von Sicherheit bei. Konkrete Interaktionen können dabei unterschiedlich aussehen: Ob auf dem Arm oder an der Hand oder doch erst einmal am Boden auf dem Schoß, mit Blick auf die anderen Kinder – zugewandte und Sicherheit vermittelnde Interaktionen haben diverse Ausprägungen.
Teddy, Apfel oder Fotoalbum: Übergangsobjekte
Übergangsobjekte sind für viele Kinder eine bedeutsame Stütze und eine nachhaltige Strategie, um sich zu regulieren. Auf diese Weise bieten sie Kindern emotionale Sicherheit. In gleichem Maß können sich situationsspezifische Übergangsobjekte als Teil eines Rituals etablieren.
Ob die Bezugsperson nun ein Stück Obst für das gemeinsame Frühstück hinter dem Rücken versteckt und das Kind das erraten soll, oder ob sie zusammen mit ihm ein Fotoalbum von zu Hause anschaut. Fachkräfte können bewusst gewohnte oder neue Objekte nutzen, um das Kind zu unterstützen.
Ein tiefgreifender Moment kommt, wenn sich Fachkräfte und Eltern am Anfang und Ende des Betreuungstages sehen und Informationen austauschen. Es ist erforderlich, über die Grundbedürfnisse des Kindes und seine Stimmung oder das Erlebte zu sprechen.
Doch dieses Gespräch zwischen den Erwachsenen – mag es auch kurz sein – kann für das Kind eine erneute Anforderung darstellen, die die gesamte Übergabe zum Kippen bringt. Für manche Kinder ist dieser Moment zu lang. Andere verunsichert der verschobene Fokus auf das Gespräch der Erwachsenen in dieser emotionalen Übergangssituation. Kurz zu warten oder die Mama über sich sprechen zu hören, kann zu viel für das Kind sein. Das ist gar nicht selten. Plötzlich bekommt das Verabschieden eine komplett andere Dynamik: Statt des sonst entspannten Winkens am Fenster, kann sich das Kind nicht verabschieden oder braucht enorm viel Begleitung durch seine Fachkraft. Erzieher:innen müssen bei solchen Reaktionen sicherstellen, dass es einen Informationsfluss und einen Austausch mit den Familien gibt.
Was ist, wenn das morgendliche Ankommen für das Kind sehr schwer ist, Übergabegespräche nicht (mehr) möglich sind oder Fachkräfte und Eltern Veränderungsbedarf sehen? In diesen Fällen ist es vonnöten, die Familien abgestimmt und passend zu beraten sowie das weitere Vorgehen gemeinsam zu planen. Und zwar unter Berücksichtigung der verschiedenen Perspektiven: Kind – Eltern – Einrichtung. Fragen, die man klären muss:
Zudem muss man klären, wie sowohl die Weitergabe an Informationen zwischen Eltern und pädagogischen Fachkräften gelingt als auch ein emotional sicherer Abschied für das Kind und die Eltern. Es gilt, einen achtsamen, respektvollen und klaren gemeinsamen Weg zu finden. Vor allem unausgesprochene Erwartungen zwischen den Erwachsenen und an das Kind beeinflussen die Dynamik der Verabschiedung.
Wie es den Eltern geht, was sie sagen und speziell, wie sie sich innerlich fühlen, hat beim morgendlichen Übergang elementaren Einfluss: Zeitdruck, Unsicherheit, vermeintliche Erwartungen an das Verhalten des Kindes oder Überforderung wirken sich auf die Interaktion aus und damit auf die Reaktionen des Kindes.
Sicherheit ist ein Gefühl, das sich speziell in diesen entscheidenden Situationen des Tages alle Beteiligten aus ihrer Perspektive anschauen müssen:
Besonders wenn die Kinder heftig weinen, wütend sind und sich festklammern, ist es herausfordernd, sie an die Fachkraft zu übergeben, und es ist schwer für die Eltern zu gehen. Eine klare, von den Eltern initiierte Übergabe, etwa von Arm zu Arm, kann hilfreich sein. Solche Absprachen benötigen jedoch einen geeigneten Rahmen, in dem beide Seiten Sorgen und Unsicherheiten ansprechen können.
Ein angemessener Rahmen ist ein Beratungsgespräch. Darin können die Fachkräfte und Familien ihre Erwartungen klären, zusammen Ideen für ein gelingendes Miteinander entwickeln und sich noch besser kennenlernen. Gespräche über das Verabschieden können Fachkräfte schon während der Eingewöhnung führen und so von Anfang an ein Sicherheits- und Orientierungsrahmen für alle sein.
Für alle ist es am Morgen wesentlich, mit einem positiven Gefühl in den Krippentag zu starten. Dafür ist es immer wieder notwendig, Abläufe und Strukturen sowie das gemeinsame Miteinander anzuschauen, zu reflektieren und anzupassen. Das Gefühl von Sicherheit kann dabei ein Leitmotiv sein: Was brauchen die beteiligten Personen und wie kommen wir gemeinsam dorthin? Sich als Team außerhalb der konkreten Situation die Frage nach dem „Wie“ zu stellen, eröffnet neue Handlungsmöglichkeiten.
Ausgehend von den aktuellen Herausforderungen und Gegebenheiten während dieser pädagogischen Schlüsselsituation, kann das Team Abläufe und die Begleitung der Kinder verändern und passend ausrichten.
Folgende Fragen lenken den Blick auf zentrale Einflussfaktoren:
Je nach Situation kann es weiterhin hilfreich sein, sich zunächst auf sich selbst zu fokussieren:
Mit der Frage „Wie soll das Ankommen am Morgen bei uns sein?“ können Fachkräfte den Rahmen definieren und Stolpersteine auf dem Weg zum „Wie“ aufdecken. Fachkräfte müssen das Ankommen als erste Schlüsselsituation begreifen und diese unter den Aspekten Sicherheit und Beziehung für alle ausrichten. Denn das wirkt sich positiv auf den Tag sowie die Interaktionen mit Eltern und Kind aus.
Literatur
Daldrop, Kira (2024): Mama und Papa sagen jetzt Tschüss. Eine abschiedsbewusste Eingewöhnung gestalten. In: TPS Praxismappe „Abschiede“, 4/2024. Stuttgart: Klett Kita Verlag.
Gutknecht, Dorothee/Kramer, Maren (2018): Mikrotransitionen in der Kinderkrippe. Übergänge im Tagesablauf achtsam gestalten. Freiburg: Herder Verlag.
Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus
klein&groß 02 / 2025

ist Erziehungswissenschaftlerin (M. A.), Instituts- und Ausbildungsleitung am InFanT Institut, Fortbildungsreferentin und Lehrbeauftragte in Studiengängen der Kindheitspädagogik