Alltagsintegriert digitale Kompetenzen in der Kita fördern ■ Durch den Erwerb digitaler Kompetenzen sollen Kinder gestärkt werden für eine souveräne und selbstbestimmte Nutzung digitaler Technik. In der Kita werden diese Kompetenzen idealerweise alltagsintegriert gefördert. Wie dies gelingen kann, skizziert der folgende Beitrag.
Digitalität begegnet uns heute in allen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sei es Arbeit, Bildung, Politik, Kommunikation oder Kultur. Der damit verbundene tiefgreifende Wandel betrifft nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder. Mit Hilfe digitaler Kompetenz soll es möglich werden, digitale Prozesse und Objekte als solche wahrzunehmen, zu handhaben, zu reflektieren und zu gestalten. Es geht also nicht darum, Kinder im Sinne standardisierter Nützlichkeitsvorstellungen schon früh fit für den Arbeitsmarkt zu machen, sondern um eine ganzheitlich angelegte Stärkung für eine durch Digitalität geprägte Welt. Ziel ist es, die Teilhabe aller am gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben zu stärken und Kinder dabei zu unterstützen, sich Strategien der Kommunikation und Kooperation für eine digitaler werdende Welt zu anzueignen. Der Erwerb digitaler Kompetenzen soll so auch dem Schutz und der Prävention dienen, indem Kinder frühzeitig lernen, Gefahren zu erkennen und sicher mit digitalen Technologien umzugehen.
Auf einen Blick
Digitale Kompetenzen setzen sich aus Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen zusammen, die zu einem souveränen Leben in einer digitalisierten Welt befähigen. Sie können anhand mehrerer Dimensionen beschrieben werden, durch die die Umsetzung im pädagogischen Alltag ermöglicht wird.
Ziel in Bildungskontexten ist es, die dargestellten Dimensionen jeweils altersangemessen umzusetzen. Dabei sind die individuellen Möglichkeiten einzelner Kinder zu berücksichtigen.
Die Förderung digitaler Kompetenzen in der Kita muss sowohl in Hinblick auf das Alter der Kinder als auch in Hinblick auf die Prinzipien des Bildungsortes Kita angemessen vorgehen. Unpassend sind deshalb Lehr-Lernsituationen, in denen den Kindern etwas »beigebracht« wird oder sie eine Aufgabe zur Lösung vorgelegt bekommen. Vielmehr müssen Wege gefunden werden, an den individuellen Interessen und Bedürfnissen der Kinder anzuknüpfen und als Anlass und Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit Digitalität zu nutzen. Im Mittelpunkt steht dabei die Interaktion mit anderen Menschen (Erwachsenen und Kindern). Wichtig sind zudem Materialien und Räume sowie die mit ihnen stattfindenden sinnlichen Erfahrungen. Die Bedeutung des Spiels als ein zentraler Modus der Weltaneignung ist auch bei der Förderung digitaler Kompetenzen zu berücksichtigen.
In der konsequenten Ganzheitlichkeit und Erfahrungsorientierung liegt auch das Potenzial für eine alltagsintegrierte Förderung digitaler Kompetenzen. Dafür ist es aber notwendig, dass Fachkräfte die digitalen Aspekte in Alltagssituationen wahrnehmen und daran anknüpfen können. Diese Anknüpfung kann durch Fragen und Gesprächsangebote geschehen, aber auch durch die Bereitstellung passenden Materials oder weiterführender Aktivitäten.
BEISPIEL DIGITALWERKSTATT
Die Digitalwerkstatt knüpft an die Werkstattkonzepte an, bei denen themenbezogene Werkstätten die Gruppenräume ergänzen oder diese ganz ersetzen. Dabei wird der Raum als ein wesentlicher Impulsgeber für Bildungsprozesse verstanden, indem entsprechende Materialien bereitgestellt werden.
Typisches Material in einer Digitalwerkstatt sind sicher digitale Endgeräte und Informatik-Spiele und programmierbare Spielzeuge sein, aber verwendungsoffenes Alltagsmaterial. Dabei soll das Material für die Kinder gut zugänglich sein. Die Werkstatt ist aber nicht nur eine Art Archiv oder Aufbewahrungsort, sondern es ist notwendig, dass es vielfältige Anregungen zur Verwendung des Materials gibt, wie etwa Wanddokumentationen mit Fotos von Kindern, die das Material nutzen, Zeichnungen der Kinder und ihre Kommentare dazu, sowie Abbildungen, die als weiterführender Impuls für die Verwendung dienen können.
Weitere Gestaltungselemente sind Möbel und ihre Materialbeschaffenheit, Bodenbeläge und Wandgestaltung, Licht und Farbe. Sie beeinflussen die Atmosphäre maßgeblich und laden dazu ein, mit dem Material in Austausch zu treten. Für eine Digital-Werkstatt ist es deshalb essenziell, dass sie von den Kindern als angenehmer Ort empfunden wird, an dem sie sich gerne aufhalten.
BEISPIEL HANDLUNGSABLÄUFE IM ALLTAG
Im Kita-Alltag gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte auch für informatische Bildung. So gibt es tagtäglich vielfältige Situationen, in denen Abläufe klar strukturiert sind und es genaue Regeln für das Handeln gibt. Dazu gehört die Vorbereitung des Hinausgehens (z.B. mit den Schritten Gruppenraum aufräumen, Schuhe und Jacke anziehen), das Mittagessen (z.B. Tischdecken, Händewaschen, Essen holen, Hinsetzen, Tisch-Spruch usw.) oder das Backen eines Kuchens (z.B. Zutaten abwiegen, in einer bestimmten Reihenfolge vermischen, in die Backform füllen usw.).
Gemeinsam ist diesen Handlungsabläufen, dass sie einen komplexen Ablauf in kleinere Schritte (Sequenzen) teilen. Solche Abläufe kann man auch als Handlungsvorschriften oder eben Algorithmen bezeichnen – ein Computerprogramm ist letztlich genau das: Die Gliederung eines großen Ablaufs in kleine, eindeutig definierte Schritte.
Hier ergeben sich vielfältige Anknüpfungspunkte für informatische Bildung: Indem solche Abläufe mit den Kindern zusammen identifiziert und auch visualisiert werden (z.B., indem Fotos für jeden Schritt gemacht werden), kann die Gliederung von Abläufen im Alltag sichtbar gemacht werden. Anknüpfend daran kann mit einfachen Coding-Spielzeugen und Programmiersprachen (z.B. Maschinelles Lernen von Haba Pro, ScratchJr) die Brücke hin zur Programmierung digitaler Objekte geschlagen werden. Auch können Fachkräfte mit den Kindern im Dialog herausarbeiten, dass eine spezifische formale Sprache notwendig ist, um gerade bei nicht-menschlichen Objekten (z.B. BeeBot, Tonie-Box, Fahrtkartenautomat) bestimmte Handlungen zu veranlassen – ein geeigneter Ansatzpunkt, um Unterschiede zwischen Menschen und Maschinen zu thematisieren.
BEISPIEL ERKUNDEN MIT DEM FOTOAPPARAT
Wie eng die Förderung digitaler Kompetenzen mit den verschiedenen Bildungsbereichen verzahnt ist, wird deutlich, wenn Kinder eine digitale Kamera verwenden (Kamera oder Kamera-App auf einem Mobilgerät). Natürlich lernen die Kinder hier zunächst die Handhabung (digitalen Kompetenz des Bedienens uns Anwendens). Mit Hilfe der Kamera können die Kinder aber darüber hinaus ihren Blick für die Umgebung schulen und das genaue Beobachten üben, etwa wenn sie mit verschiedenen Bildausschnitten, Perspektiven und Zoom-Einstellungen experimentieren. Auch geht es hier um das Produzieren und Präsentieren als digitaler Kompetenz. Die spätere Bildbearbeitung gehört ebenfalls dazu. Sie kann zugleich auch Anlass sein, um über die Manipulation und Manipulierbarkeit von Bildern ins Gespräch zu kommen und so Analyse und Reflexion über Digitalität anzustoßen. Das Fotografieren von der Motivauswahl über die Aufnahme bis hin zu Bildbearbeitung und Druck oder digitaler Präsentation hat außerdem auch ein großes ästhetisches Potenzial. Farben, Licht, Strukturen, Perspektiven und Winkel sind wichtige Gestaltungsmittel, die den Kindern eine Möglichkeit bieten, sich auszudrücken. Beispiele hierfür finden sich regelmäßig in den Beiträgen des Instagram-Accounts @ueberbetrieblichekita
Die oben genannten Beispiele verdeutlichen, dass die Förderung digitaler Kompetenzen in der Kita keine grundlegend neue Herangehensweise oder umwälzende neue Strukturen braucht. Digitale Kompetenzen können in vielen Alltagssituationen gefördert werden, für die vor allem die Sensibilität der Fachkräfte für dieses Themenspektrum notwendig ist.
Ein erster Schritt kann deshalb einfach darin bestehen, etwas auszuprobieren. Sinnvoll ist es dabei mit solchen Vorhaben und Angeboten zu beginnen, die dem individuellen Team passend erscheinen und die für die Fachkräfte selbst attraktiv sind.
Dies geht jedoch nicht ohne eine geeignete digitale Infrastruktur: Internetzugang bzw. W-LAN sind ebenso notwendig wie zeitgemäße und funktionstüchtige Geräte. Neben dem Tablet können das Spielroboter (z.B. BlueBot, BeeBot) und Ergänzungsgeräte zum Tablet sein, wie etwa ein Mikroskop oder Endoskop.
Hinzu kommen aber auch verwendungsoffene Alltagsmaterialien und thematisch passende Bilderbücher. Zur Digitalen Infrastruktur im weiteren Sinne gehört aber auch technischer Support, der tatsächlich unterstützend ist. Individuelle und Teamfortbildungen im Bereich von Digitalität und Medienbildung sind ebenfalls wichtige Voraussetzungen.
Schließlich kann es sinnvoll sein, ein Digitalkonzept zu erarbeiten. Darin wird festgelegt, welche Ziele mit der Arbeit mit digitalen Medien und der Auseinandersetzung mit Digitalität verfolgt werden, welche Aufgaben den verschiedenen Akteuren (Fachkräfte, Träger, Eltern, Kinder) zukommen und welche konkre ten Angebote und Maßnahmen umgesetzt werden. Das Digitalkonzept dient einerseits dazu, nach außen (Eltern, Schulen) transparent zu werden. Es hat aber andererseits auch die Funktion, sich im Team oder innerhalb eines Trägers zu verständigen und über Digitalthemen in Austausch zu kommen.
Zur Stimulation von Dialogen ist es wichtig, dass Fachkräfte den Dialog auch unter den Kindern. anregen. Ziel ist es, alle Kinder unabhängig von ihrem Hintergrund oder Entwicklungsstand in die Dialoge einzubeziehen, denn gerade die Vielfalt der Ideen und Perspektiven ist eine wichtige Ressource für Bildungsprozesse. So können auch Empathie und Verständnis für verschiedene Sichtweisen gestärkt werden. Fachkräfte dabei berücksichtigen, dass es nicht darum geht, die Kinder zu belehren, sondern sie zum kritischen Denken zu ermutigen. Durch das Formulieren und Analysieren von Argumenten entwickeln Kinder metakognitive Fähigkeiten und Problemlösungskompetenzen – wichtige Anteile digitaler Kompetenz
BEISPIEL PHILOSOPHIEREN MIT KINDERN
Philosophieren mit Kindern regt dazu an, über grundlegende Fragen des Lebens, Wissens, und der Moral zu nachzudenken. Drei zentrale Methoden sind dabei: Erörtern von Begriffen, Stellen von Fragen stellen und in Dialog treten.
Mit diesen Methoden können Kinder auch zum Nachdenken über Digitalität und digitale Technik angeregt werden. Für das Erörtern von Begriffen eignen sich insbesondere abstrakte Begriffe, wie etwa Computer, Online (sein), Künstliche Intelligenz oder Roboter. Durch ihren allgemeinen Charakter bedürfen sie (im Gegensatz zu konkreten Begriffen wie Gabel oder Teppich) der Klärung im Austausch. Auch Fragen können ein fruchtbarer Impuls für philosophische Gespräche sein. Dabei stehen Fragen im Vordergrund, die nicht einfach gelöst und beantwortet werden können, sondern die zu weiteren Gesprächen ermuntern.
Bei philosophischen Fragen geht es um grundlegende Aspekte der menschlichen Erfahrung, des Seins, der Ethik, der Wahrheit, des Wissens, der Realität sowie der Existenz. Beispiele hierfür sind: Was macht einen Computer oder ein Tablet intelligent? Können Maschinen Freunde sein? Gibt es die Dinge im Fernsehen oder auf dem Tablet wirklich?
Die Förderung digitaler Kompetenzen kann bereits der Kita ansetzen, um Kinder auf ein souveränes Leben in einer digitalisierten Welt vorzubereiten. Dies sollte durch alltagsintegrierte Methoden geschehen, die an den Interessen und Bedürfnissen der Kinder anknüpfen und spielerisch umgesetzt werden. Sowohl die Schaffung anregender Rahmenbedingungen als auch direkte Handlungsstrategien durch pädagogische Fachkräfte sind entscheidend. Ein ganzheitlicher Ansatz, der digitale Themen in verschiedene Bildungsbereiche integriert, ermöglicht eine umfassende und altersgerechte Förderung.
Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus KiTa Aktuell ND 02-2025, S. 7-10

Professorin für Bildung und Sozialisation im Kindesalter an der Hochschule Bielefeld HSBI.