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Das unsichtbare Lernen im Freispiel

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Bildungsarbeit und Freispiel sind zwei Seiten derselben Medaille. Denn im Freispiel konstruieren und rekonstruieren Kinder ihre Lebenswirklichkeit, setzen sich mit ihrer Umwelt auseinander, begreifen, erforschen und erobern sie. Warum es sich lohnt, das unsichtbare Lernen sichtbar zu machen

In Kitas haben die Bildungsempfehlungen, -programme, -vereinbarungen etc. die pädagogische Arbeit maßgeblich verändert. Es werden besondere Angebote gemacht, durch die einzelne Altersgruppen bestimmte Fertigkeiten erlangen sollen, etwa erste mathematische und naturwissenschaftliche Kenntnisse, Sprachvermögen etc. Fachkräfte beobachten oder testen die Kinder hierbei systematisch, um ihre Kompetenzen bzw. Leistungen in verschiedenen Entwicklungsfeldern zu messen. Eltern und Fachkräfte sehen im „Anleiten“ und „Beibringen“ wichtige Bestandteile der täglichen Erziehungspraxis – das haben sie so gelernt: von ihren Eltern, während der eigenen Kindergarten- und Schulzeit, während der Ausbildung.

Pädagogischer Wert des Freispiels

Die Chancen, die das Freispiel bietet, finden kaum noch Beachtung. Im Freispiel müssen Kinder entscheiden, was sie tun wollen und mit wem und wo sie es tun wollen. Sie erleben sich in ihrer fiktiven Spielwelt als autonom – sie bestimmen. Es gibt keinen Erwachsenen, der Regeln aufstellt und der sie sanktioniert. Sie müssen sich mit ihren Spielpartner:innen auseinandersetzen, sich durchsetzen oder nachgeben. Allein die Entscheidung: „Gebe ich meinen Vorteil zugunsten anderer auf oder setze ich meinen Willen durch“, fordert die Kinder her- aus. Sie müssen bedenken, welche Konsequenzen sich daraus ergeben und auch mal eine Niederlage einstecken. Nicht selten entstehen dabei Konflikte mit Spielpartner:innen, die sie dann austragen und bewältigen müssen.

So machen die Kinder Erfahrungen im emotionalen Bereich: die Freude, wenn sie gewinnen, die Trauer, wenn sie verlieren, sowie Enttäuschung und Wut. Sie müssen lernen, auf ihre Emotionen zu reagieren und mit ihnen umzugehen und gleichzeitig müssen sie darauf achten, gültige Regeln einzuhalten – zum Beispiel nicht zu schlagen, nicht zu treten etc. und Enttäuschung und Wut anderweitig zu verarbeiten. Im Freispiel interagieren und kommunizieren die Kinder miteinander, was wiederum der Sprachförderung dient. Sie knüpfen neue Kontakte, lernen andere Kinder kennen und schließen Freundschaften.

Eltern fällt es mitunter schwer, das Freispiel als selbst gelenkten und gestalteten Bildungsprozess anzuerkennen, weil das Lernen dabei eher „unsichtbar“ geschieht – sie unterschätzen seinen Wert, oder sie wissen gar nicht um ihn. Hier ist es Aufgabe der Kitas, die Eltern aufzuklären und ihnen zu vermitteln, wie wichtig Freispielphasen für die Entwicklung der Kinder sind.

Das Freispiel bietet eine gute Ausgangsbasis für Lernprozesse, da sich Kinder – an den eigenen Interessen orientiert– mit Herausforderungen auseinandersetzen und so unterschiedliche Kompetenzen erlangen können.

Bildungsarbeit und Freispiel sind vereinbar

Die Hamburger Bildungsempfehlungen beschreiben das Spiel als selbstbestimmte Tätigkeit, in der Kinder ihre Lebenswirklichkeit konstruieren und rekonstruieren und sich schon früh mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, sie begreifen, sie erforschen und erobern. Spielzeiten werden dementsprechend als wichtig erachtet: Die Handreichung zum Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan erachtet das Spiel als wichtiges Element der Entwicklung und der Lernprozesse der Kinder und misst ihm große Bedeutung für die Stärkung der Kompetenzen der Kinder bei. Erziehenden kommt die Aufgabe zu, die Spielumgebung der Kinder anregend zu gestalten und das Verhältnis von Freispielphasen und angeleitetem Spiel ausgewogen zu halten.

Die Bildungsgrundsätze von Nordrhein-Westfalen heben hervor, dass sich das Spiel durch alle Lebensbereiche der Kinder zieht und die Grundlage der Bildungs- und Lernprozesse der Kinder sind. Um sie zu fördern, sind u. a. Flexibilität im Tagesablauf und Zeit für das Freispiel wichtig. Fachkräfte sollen das Freispiel als Gelegenheit nutzen, um Kinder zu beobachten und entwicklungsgemäße Anregungen und Impulse zu geben und somit Bildungsprozesse zu unterstützen.

Im Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Kitas sieht man das Freispiel als eine elementare Form der Weltaneignung, bei dem Erzieher:innen mit jeweils passenden Angeboten Impulse setzen sollen, die in das Freispiel der Kinder einfließen können und deren Entwicklung fördern.

Die Bayerischen Bildungsempfehlungen verweisen darauf, dass Spiel und Lernen keine Gegensätze sind, „sondern zwei Seiten derselben Medaille“ und „beide stellen eine Beziehung zur Umwelt her …“ Sie sind eng miteinander verknüpft, weil Spielprozesse immer auch Lernprozesse darstellen. Im Elementarbereich verwischen dabei die Grenzen zwischen der herkömmlichen Trennung von Freispiel und geplanten Lernaktivitäten zunehmend.

So können etwa in der Projektarbeit Freispielphasen enthalten sein, in denen sich die Kinder weiterhin mit dem Projektthema auseinandersetzen – allein oder mit anderen gemeinsam.

Freispiel als Gegengewicht

Eine von individuellen Interessen geleitete Welterkundung ist im Freispiel besonders gut möglich. Hierbei erforschen Kinder unterschiedliche Materi alien, sie sind kreativ, sie erproben sich in verschiedenen Rollen, sie planen etwas gemeinsam mit anderen und setzen es um, sie improvisieren und lösen selbstständig Probleme.

Wie bereits erwähnt, lernen Kinder im Freispiel etwas auszuhandeln und sich durchzusetzen, zu führen und sich unterzuordnen, zu konkurrieren und zu kooperieren, verlieren zu können und noch viel mehr – wichtige Kompetenzen für die Zukunft. Sie sind die Initiatoren ihrer Tätigkeit, sie entledigen sich aller äußeren Ansprüche und Zwänge und nutzen das Spiel als Ausgleich für den Sozialisationsdruck und um ihre eigene Autonomie zu etablieren. Hinzu kommt, dass Kinder die meisten ihrer Wünsche nicht real befriedigen können – im Freispiel erfüllen sie sich solche Wünsche in der Fantasie, gewissermaßen stellvertretend und in der von ihnen selbst geschaffenen fiktiven Welt.

Das Freispiel dient auch dazu, die eigene Lebenssituation und hiermit einhergehende Probleme zu bewältigen: Kinder drücken ihre aktuellen und überdauernden Lebensthematiken aus und können so ihre Alltagseindrücke schöpferisch verarbeiten und sich die Lebenswirklichkeit mit eigenen Mit teln handhabbarer machen, was wiederum der mentalen Hygiene dient.

Nebenbei – im Fachjargon nennt man es inzidentell – erwerben Kinder Fertigkeiten, soziale Kompetenzen und Wissen. Hiermit ermöglicht das Freispiel eine Reihe von Lernerfahrungen, die sich in einzelnen Bildungsempfehlungen mit Begrifflichkeiten wie „emotionale Entwicklung“, „Gestaltung von Beziehungen“ und „Gemeinschaft“ etc. finden.

Sprachentwicklung und kognitive Fähigkeiten profitieren

Eine Längsschnittstudie der IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement) hat bereits vor vielen Jahren dargelegt, dass Kinder in ihrer Sprachentwicklung weiter waren, wenn sie mehr Gelegenheiten für die eigenständige Wahl ihrer Aktivitäten hatten. Zudem waren sie in ihrer kognitiven Entwicklung weiter vorangeschritten, wenn sie mehr Zeit mit Aktivitäten für sich allein oder mit wenigen Spielpartner:innen verbrachten. Die Ergebnisse ließen sich für alle teilnehmenden Länder* nachweisen – trotz der großen kulturellen Unterschiede. Hieraus zogen die Initiatoren der IEA-Längs-Schnittstudie folgende Konsequenzen für die pädagogische Arbeit in Kitas:

▶ Kinder sollen ihre Lernerfahrungen eigenaktiv und selbsttätig gestalten können, d. h., viel Zeit für das Freispiel bzw. für selbstbildende Aktivitäten haben. Hierdurch können sie sich mit Dingen und Materialien beschäftigen, die ihre aktuellen Entwicklungsbedürfnisse, Interessen und Lernwünsche berücksichtigen, und sie können dabei in ihrem eigenen Tempo vorgehen.

▶ Freispielphasen sollen relativ lang sein, sodass sich anspruchsvollere Spielformen wie etwa Rollenspiele entwickeln können, die entsprechend viel Zeit benötigen (empfohlen werden 45 bis 60 Minuten).

▶ Leistungen, Lernerfolge und ausgefallene Ideen der Kinder sollen Fachkräfte entsprechend würdigen und stärken.

▶ Freispielphasen bieten viele Gelegenheiten, um sich als Spielpartner:innen der Kinder einzubringen und so die Lernerfahrungen zu intensivieren. Fachkräfte können über das Interagieren auch die Sprachentwicklung der Kinder fördern.

▶ Eltern sollen über die Bedeutung, die das Freispiel hat, informiert werden.

(vgl. Textor, M. R., in: Kindergartenpädagogik – Online-Handbuch. http://www.kindergartenpaedagogik. de/1695.html)

Haltung und Handlung – Fachkräfte müssen umdenken

Im Freispiel sind Fachkräfte lediglich die Spielpartner:innen der Kinder – die Kinder entscheiden über Art, Dauer und Tempo der Spielaktivitäten. Die Erwachsenen geben Impulse, um das Spiel variantenreicher zu gestalten, ohne die Spielideen zu dominieren. Sie unterstützen, falls erforderlich, die Kinder beim Aushandeln und Einhalten von Regeln.

Die Freispielphase bietet eine gute Möglichkeit, um einzelne Kinder gezielt zu beobachten: Gruppenstrukturen werden erkennbar und das Sozial- und Rollenverhalten der Kinder sowie ihre Stärken und Schwächen werden sichtbar. So haben Fachkräfte später Ansatzpunkte, um die Kinder gezielt zu fördern und ihnen Mut zu machen, auch Dinge zu tun, die sie vielleicht nicht so gut oder noch gar nicht können.

Fazit

Kinder brauchen Freiräume, die nicht durch Bildungsangebote besetzt sind. Damit sollen Bildungsangebote nicht kritisiert oder negiert werden, denn viele Kenntnisse und Kompetenzen können Fachkräfte nur durch sie vermitteln. Im Freispiel bieten sich jedoch Möglichkeiten für Lernerfahrungen, die sich nicht initiieren und planen lassen und gerade deshalb wertvoll für die Kinder sind.

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung aus
Praxis Kitaleitung 3-2025

Veröffentlicht:
23. Juli 2026

DR. CORINNA WEINERT ist als Autorin für verschiedene Bildungsverlage tätig und unterrichtet als Dozentin in Fachschulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen naturwissenschaftliche Frühbildung sowie Gesundheits- und Umwelterziehung. Weiterhin ist sie Coach für Fach- und Führungskräfte.

DR. REINHARD HERZIG ist als Autor für verschiedene Bildungsverlage tätig. In seiner aktiven Berufszeit war er Lehrer an allgemeinbildenden Schulen und im Hochschuldienst für die Lehrer:innenausbildung zuständig


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