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Begabtenförderung mit klassischen und aktuellen KiTa-Konzepten

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Zur Förderung begabter Kinder im Kindergarten werden manchmal spezielle Zusatzprogramme vorgeschlagen und besondere Projekte entwickelt. Dabei stellt der bestehende Fundus an kindheitspädagogischen Ansätzen und Konzepten einen grossen Schatz dar, aus dem heraus alle Kinder mit ihren Unterschiedlichkeiten gut begleitet und gefördert werden können.

Doch was genau benötigen begabte und entwicklungsschnelle Kinder und wie lassen sich ihre Begabungen im Alltag von Bildungseinrichtungen aufgreifen und fördern? Im Vor- und Grundschulbereich haben sich integrative und inklusive Ansätze der Begabtenförderung weitgehend durchgesetzt. Die Grundlage aktueller pädagogischer Konzepte ist der Fokus auf die individuelle Entwicklung. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung, die Raumgestaltung, Materialauswahl, Angebotsentwicklung und Lernbegleitung immer wieder den unterschiedlichen Niveaus und Interessen aller Kinder anzupassen.

Welche Ansätze fördern Talente?

Vor diesem Hintergrund haben wir in einer Expertise für die Karg-Stiftung untersucht, welchen Beitrag klassische und aktuelle Konzepte der Elementarpädagogik zur Förderung begabter und entwicklungsschneller Kinder in der Kita leisten können. Wir stellten uns die Frage, welche spezifischen Impulse die unterschiedlichen Ansätze – von der Montessori- und der Reggiopädagogik über die Arbeit in Lernwerkstätten bis hin zur vorurteilsbewussten Pädagogik – für die Förderung dieser Kinder bieten. Parallel dazu führten wir Gespräche mit erfahrenen Kita-Teams sowie Expertinnen und Experten.

Etliche der befragten Expertinnen und Experten messen dem Thema «Hochbegabung» zunächst eher geringe Bedeutung bei und betonen stattdessen die individuelle Förderung aller Kinder. Gleichzeitig zeigt sich, dass unterschiedlichste Ansätze in vielerlei Hinsicht geeignet sind, auf die Interessen und Bedürfnisse begabter Kinder einzugehen – wenn auch inhaltlich und methodisch unterschiedlich. Drei Beispiele können dies illustrieren.

Schlüsselsituationen

Im Situationsansatz dienen Schlüsselsituationen – also exemplarische Alltagssituationen – als Ausgangspunkt, um kindliche Bildungs- und Lernprozesse zu begleiten (Kobelt-Neuhaus, Macha, & Pesch, 2021). Aus diesen Situationen werden in konkreten Schritten individuelle Projektvorhaben entwickelt. Laut Karin Macha, Leiterin des Instituts für den Situationsansatz, eignet sich das lebensweltorientierte Aufgreifen dessen, was für die Kinder gerade bedeutsam ist, ausgezeichnet für entwicklungsschnelle Kinder, «weil man genau daran ansetzen kann, sie darin fördern und ihnen das Futter geben kann, das sie brauchen».

So können Kinder, die immer wieder Regeln hinterfragen, Fachkräfte dazu anregen, gemeinsam mit ihnen zu überlegen: «‹Warum haben wir die Regel? Macht die Regel überhaupt Sinn?› (…) Darin steckt die Botschaft, anzuerkennen, dass Kinder sich auf verschiedene Weise äussern und dass es wert ist, nachzufragen, auszuhandeln und neu zu überlegen» (Rohrmann & Grochla-Ehle, 2025).

Lernwerkstätten

In Lernwerkstätten «können Kinder Erfahrungen mit eigenständigem, forschendem, entdeckendem Lernen entlang eigener Fragestellungen machen» (van Dieken, 2014). Christel van Dieken, eine führende Vertreterin der Werkstattarbeit, ist überzeugt, dass dies «ein wundervolles Konzept für besonders begabte Kinder ist» (Rohrmann & Grochla-Ehle, 2025). Werkstattarbeit stellt hohe Ansprüche an Raum, Material und Fachkräfte, denn es gilt, stets das Prinzip der Vielfalt und Unterschiedlichkeit sowie der unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade umzusetzen, wie van Dieken formuliert: «Eine gute Kita muss so sein – und das gilt auch für Kinder, die besonders begabt sind – dass jedes Kind Herausforderungen erhält, die es auf Zehenspitzen erreichen kann» (Rohrmann & Grochla-Ehle, 2025). Wenn ein Kind also am Schreibenlernen interessiert ist, benötigen Fachkräfte sowohl Wissen über die Entwicklungsstufen des Schreibens als auch ein vielfältiges Repertoire an Methoden, mit denen Kinder Erfahrungen mit Schreiben und Schrift machen können, wie sie beispielsweise eine offene Schreibwerkstatt bieten kann.

Ko-Konstruktion

Im Zentrum des pädagogischen Ansatzes der Stiftung «Kinder forschen» steht das Konzept der ko-konstruktiven Lernbegleitung (Stiftung «Haus der kleinen Forscher», 2019) – insbesondere bei Angeboten im MINT-Bereich. Laut dem Erziehungswissenschaftler Prof. Stefan Bree zeichnet sich dieser Ansatz besonders durch «die Breite und die Qualität des Materials, das zur Verfügung gestellt wird, und die Möglichkeiten, sich zu all diesen Themen spezielle Kompetenzen anzueignen» aus (Rohrmann & Grochla-Ehle, 2025). Vom Forschen zu Sprudelgasen bis hin zu Bildung für nachhaltige Entwicklung stellt die Stiftung Materialien bereit, mit denen Fachkräfte anregende Lernumgebungen gestalten und Forschungsprozesse der Kinder begleiten können. Wie die Netzwerkkoordinatorin Alexandra Igel-Bree betont, ist dies «ein sehr begabungsfreundlicher und -förderlicher Ansatz, der anregt und viele Aspekte hat, die hochbegabte Kinder häufig interessieren. Sie können sich mit Themen und Projekten intensiver beschäftigen und dabei immer tiefer gehen» (Rohrmann & Grochla-Ehle, 2025).

Individuelles Lernen im Fokus

Ähnliche Beispiele lassen sich für viele pädagogische Ansätze finden, die seit Langem in Kindergärten umgesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Trotz ihrer unterschiedlichen Ausrichtungen eignen sie sich hervorragend zur Förderung begabter und entwicklungsschneller Kinder, da sie vieles gemeinsam haben: Im Mittelpunkt steht die Förderung des individuellen Lernens, und Kinder werden als aktiv Lernende und kompetente Akteure in Bildungsprozessen wahrgenommen. Diese Haltung entspricht einem aktuellen Verständnis von Begabtenförderung in der (frühen) Kindheit. Die Orientierung an Themen und Interessen der Kinder ist eine wesentliche Voraussetzung für individuelle Begabtenförderung, da diese Kinder oft eigenwillige Interessen und Ideen haben, die sie in einer Bildungseinrichtung, die wenig Freiraum für Individualität lässt, nicht verwirklichen können.

Gleichzeitig haben diese Konzepte spezifische Schwerpunkte, die sie für die Förderung begabter und entwicklungsschneller Kinder besonders geeignet erscheinen lassen. So profitieren Kinder mit Entwicklungsvorsprüngen von Konzepten, die für Kindergarten und Grundschule gemeinsam entwickelt wurden oder aus dem Grundschulbereich stammen, wie beispielsweise die Montessori-Pädagogik oder der Lernwerkstattansatz. Andere Ansätze bieten Herausforderungen, die Kinder auf unbekanntes Terrain führen, wie sie zum Beispiel in Lernwerkstätten oder der Theaterpädagogik im Vordergrund stehen.

Es braucht mehr als «ein bisschen Montessori»

Allerdings sind Ansätze nur dann für die Förderung von begabten und entwicklungsschnellen Kindern geeignet, wenn sie mit entsprechender Expertise auf hohem Niveau umgesetzt und kontinuierlich weiterentwickelt werden. Dies setzt entsprechend qualifizierte Fachkräfte und Teams voraus, die sich mit dem jeweiligen Ansatz umfassend auseinandersetzen und dessen Umsetzung in die Praxis kontinuierlich reflektieren und weiterentwickeln. Ein wenig Montessori-Material, eine Stunde in der Lernwerkstatt, ein kleines Projekt und am Donnerstag noch den Englischkurs – das bringt begabte und entwicklungsschnelle Kinder nicht weiter. Wichtig ist, dass sie mit ihren individuellen Interessen und Bedürfnissen wahrgenommen werden, sich in Themen vertiefen und ihre eigenen Wege gehen können.

Es gibt daher nicht das eine oder das beste Konzept zur Förderung begabter Kinder. Wichtig ist, den eigenen pädagogischen Ansatz ernsthaft umzusetzen, aber gleichzeitig offen für neue Erkenntnisse zu bleiben und bereit zu sein, um die Ecke zu denken – dort steht vielleicht schon ein Kind und hat eine neue Idee.

Die Expertise «Begabte Kinder in der Kita begleiten» von Tim Rohrmann und Nadine Grochla-Ehle befasst sich mit der Bedeutung von vierzehn klassischen und neuen pädagogischen Ansätzen für die Begabtenförderung in Kitas. Weitere Informationen stehen auf der Website der Karg-Stiftung https://www.karg-stiftung.de/projekte/expertise-begabte-kinder-in-der-kita-begleiten-1193/ zur Verfügung.

Quellenangaben

Rohrmann, Tim, Grochla-Ehle, Nadine (2025). Begabte Kinder in der Kita begleiten. https://www.karg-stiftung.de/projekte/expertise-begabte-kinder-in-der-kita-begleiten-1193/

– Kobelt Neuhaus, Daniela; Macha, Katrin, & Pesch, Ludger (2021). Der Situationsansatz. In Franziska Martinet (Hrsg.), Pädagogische Ansätze in der Kita (S. 201–244). Herder.

– Stiftung «Haus der kleinen Forscher» (2019). Pädagogischer Ansatz der Stiftung «Haus der kleinen Forscher» (6. vollst. überarb. Aufl.). https://my.page2flip.de/13314286/18775348/18779305/html5.html#/1

– Van Dieken, Christel (2014). Lernwerkstätten in Kitas. Was ist eine Lernwerkstatt? http://www.christelvandieken.de/2014/02/lernwerkstatt-in-kitas-2/

Übernahme des Beitrags mit freundlicher Genehmigung von
4 bis 8 Fachzeitschrift für Kindergarten und Unterstufe (5), 18–19

Veröffentlicht:
11. Juni 2026

Prof. Dr. Tim Rohrmann, Diplom-Psychologe und Erziehungswissenschaftler, ist Studiengangskoordinator für Kindheitspädagogik an der HAWK Hildesheim und Sprecher des Landesstudiengangs Pädagogik der Kindheit Niedersachsen. Arbeitsschwerpunkte: Sprache, Professionalisierung, Gender. Kontakt: tim.rohrmann@hawk.de .

 

Diplom-Pädagogin, ist Lehrkraft für besondere Aufgaben und Praktikumsbeauftragte für den Studiengang Kindheitspädagogik an der HAWK Hildesheim, Deutschland.

 


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