Im Interview mit Karsten Herrmann stellt Niels Espenhorst, Referent für Kindertagesbetreuung, die zentralen Ergebnisse aus dem Kita-Bericht 2022 des Paritätischen Gesamtverbandes vor. Der Bericht zeigt, dass das KiTa-System am Limit und darüber hinaus ist und dass dringender Handlungsbedarf besteht. Für den Bericht waren bundesweit knapp 1.200 Fachberater*innen, Leitungs- und Fachkräfte befragt worden.
Niels Espenhorst: Schon in der letzten Befragung hatten über die Hälfte der Teilnehmer*innen den Eindruck, den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht zu werden. Und das hat sich durch die Corona-Pandemie jetzt noch einmal deutlich verstärkt. Drei Viertel der Fachkräfte klagen des Weiteren darüber, dass die Verdichtung der Arbeit stark zugenommen und die Zusammenarbeit mir Eltern sich verschlechtert hat. Erschütternd fand ich aber vor allen Dingen, dass es vielen Befragten derzeit schwerfällt, eine positive Haltung zu bewahren. Da hinterlässt der andauernde Krisenmodus in den KiTas durch Corona-Pandemie, Fachkräftemangel und auch die vergangene und aktuelle Aufnahme von Kindern mit Fluchterfahrungen seine Spuren.
Nils Espenhorst: Der Betrachtungszeitraum liegt ja noch vor der aktuellen Omikron-Welle und ist vor allem von der Schließung oder teilweisen Schließung von Einrichtungen für Kinder geprägt, die keinen Anspruch auf Notbetreuung hatten. Das heißt, ein großer Teil der Kinder war monatelang zu Hause, teilweise ohne eine Erreichbarkeit durch die Fachkräfte. Wir haben hier explizit gefragt, wie der Einfluss der Corona-Pandemie auf die Kinder war, die notbetreut wurden und wie auf die, die zu Hause bleiben mussten. Und da geht die Schere sehr weit auseinander. Die Fachkräfte haben uns zurückgespiegelt, dass die Kinder in Notbetreuung überdurchschnittlich stark profitiert haben, was wohl vor allem auf kleinere Gruppen zurückzuführen ist. Und es gibt sehr negative Auswirkungen auf die Kinder, die zu Hause geblieben sind.
Und wenn man jetzt sich anguckt, welche Kinder überwiegend zu Hause geblieben sind, nämlich vor allem die Kinder aus benachteiligten Haushalten, dann kommt man da auch relativ leicht zu dem Schluss, dass vor allem Kinder in benachteiligten Situationen besonders von den Auswirkungen der Pandemie betroffen sind.
Nils Espenhorst: In allen. Die Fachkräfte sind da sehr einhellig der Meinung, dass es in allen Bereichen negative Effekte gibt. Besonders stark werden diese aber im sprachlichen Bereich und auch im sozio-emotionalen Bereich wahrgenommen. Aus der Praxis kriegen wir derzeit deutlich gespiegelt, dass die Fähigkeiten, Freundschaften zu schließen und zu interagieren durch diese monatelange Nicht-Betreuung ganz stark gelitten haben. Und das dies zu einer erhöhten Aggressivität unter Kindern führt, zu einer erhöhten Unfähigkeit, aufeinander zuzugehen, Konflikte zu lösen oder auch kooperativ zu handeln. Und das gilt gerade auch für Krippenkinder, die quasi schon ihr ganzes Leben unter Pandemiebedingungen zugebracht haben.
Nils Espenhorst: Besonders stark gelitten hat alles, was mit dem Sozialraum zusammenhängt – also die Verortung der Kitas im Sozialraum, die Vernetzung nach außen mit anderen Akteuren, der Besuch von Theater, Museum oder auch dem Bauernhof nebenan. Das ist ganz massiv eingeschränkt worden und das ist ein erheblicher Verlust für die Kitas. Massiv eingeschränkt worden ist aber auch die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen und hier ist insbesondere der Übergang in die Grundschule betroffen. Andererseits sehen wir aber auch leicht positive Effekte durch Corona, nämlich bei der Digitalisierung und bei der Zusammenarbeit mit dem Träger.
Nils Espenhorst: Hier kommen wir zu einem alarmierenden Befund – bundesweit sagen 60 % der Fachkräfte, dass sie glauben, den Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht werden zu können. Und das steht im deutlichen Zusammenhang mit dem Personalschlüssel: So gibt es vor allem in den ostdeutschen Bundesländern eine hohe Unzufriedenheit und in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Brandenburg gibt es kaum eine Fachkraft, die davon ausgeht, dass man den Kindern vollständig gerecht werden kann. Das ist ein Trauerspiel und auch ein Armutszeugnis für das ganze System.
Nils Espenhorst: Grundsätzlich gehen viele Fachkräfte davon aus, dass zunächst einmal die mittelbare pädagogische Arbeit unter solchen Fehlzeiten leidet, also zum Beispiel Dokumentation, Vorbereitung oder Elterngespräche. Aber jetzt sind die Ausfallzeiten durch die Corona-Pandemie besonders hoch und es gab bislang in diesem Jahr kaum Wochen, in denen mehr als 80 Prozent der Fachkräfte direkt am Kind arbeiten konnten. Also fallen fast durchgängig durch das Jahr 20 Prozent der Fachkräfte krankheitsbedingt aus. Und wenn man dann berücksichtigt, dass diese Ausfallzeiten nicht im Personalschlüssel berücksichtigt sind, kann man sich vorstellen, wie angespannt die Situation vor Ort ist.
Nils Espenhorst: Das haben wir in dieser Studie nicht direkt abgefragt, aber ich glaube, wenn eine Fachkraft auf 25 Kinder aufpassen muss, ist das nicht mehr mit dem mit dem Kinderschutz in Einklang zu bringen. Und ich glaube, diese Situation haben wir in der Praxis tatsächlich in vielen Einrichtungen. Und vielleicht ist das auch ein Aspekt, den man noch mal stärker betonen muss: dass wir Arbeitsbedingungen in Kindertageseinrichtungen haben, die dem Kinderschutz nicht gerecht werden.
Nils Espenhorst: Aber genau das erleben wir jetzt in der Pandemie: Viele Einrichtungen haben die Öffnungszeiten stark reduziert. Und ich gehe davon aus, dass wir das noch eine ganze Weile beobachten werden, weil die Fachkräfte einfach fehlen. Das schränkt natürlich massiv die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und hier insbesondere die Erwerbstätigkeit von Frauen ein. Da erleben wir gerade ein gesellschaftliches Rollback.
Nils Espenhorst: Es ist wie das Fischen in einem Becken, das leer ist. Der Kita-Bericht zeigt, dass es extrem schwer und sehr aufwändig ist, Fachkräfte zu gewinnen und es kaum geeignete Bewerbungen auf offene Stellen und lange Vakanzen gibt. Und das macht sich auch wieder bei der Arbeitsbelastung bemerkbar. Denn insbesondere die Kita-Leitungen verbringen viel mehr Zeit damit, Fachkräfte anzusprechen, anzuwerben und Anzeigen zu schalten. Und diese Zeit fehlt dann für andere Aufgaben.
Nils Espenhorst: Hier wird immer wieder beklagt, dass es eigentlich keine Aufstiegsmöglichkeiten für Fachkräfte gibt. Also weder gibt es die Möglichkeit, durch zusätzliche Qualifikationen höhere Gehälter zu erzielen, noch gibt es Möglichkeiten, auf Fachstellen aufzusteigen, also sich vertikal oder horizontal weiterzuentwickeln. Und ich glaube, es ist ein massives Problem für das Arbeitsfeld, dass wir diese Perspektiven nicht bieten können. Die Teams werden größer, die Einrichtungen werden größer und wenn wir hier den Fachkräften nicht die Möglichkeiten geben, sich da auch selber weiterzuentwickeln, zu spezialisieren und auch Gehaltssteigerung zu erzielen aufgrund von Weiterbildungen, dann wird die Frustration noch weiterwachsen.
Nils Espenhorst: Wir sehen gerade in der Pandemie, dass die Aufgaben und die Arbeitsbelastung deutlich zugenommen haben – beispielsweise durch die Umsetzung der Hygiene-Verordnungen oder die ständig wieder über den Haufen geworfene Personalplanung. Da ist wahnsinnig viel Druck im Kessel. Und es zeigt sich, dass die Unzufriedenheit mit den landesrechtlichen Vorgaben zur Freistellung in fast allen Ländern sehr groß ist. Spannend war aber eine Entwicklung in Hessen: Hessen hat im Rahmen der Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes die Freistellungszeit für Leitungen deutlich erhöht. Und wir haben gegenüber der Umfrage von 2019 eine deutliche Verbesserung in der Beurteilung gesehen.
Nils Espenhorst: Das haben wir in dem Bericht nicht ausdrücklich erfasst. Was wir aber sehen, ist, dass es eine deutliche Unzufriedenheit mit den Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten gibt und sich Leitungen nicht ausreichend auf ihre Leitungstätigkeit vorbereitet sehen. Die Anforderungen an Leitungen sind deutlich gestiegen und die Voraussetzungen, die man erfüllen muss, sind wesentlich andere als noch vor ein paar Jahren. Es fehlt aber an ausreichenden Unterstützungsangeboten, um Leitungen auf die gewachsene Zahl der Aufgaben gut vorzubereiten.
Nils Espenhorst: Erfreulicherweise nimmt die Nutzung von Fachberatung und von interner Evaluation deutlich zu im Vergleich zu unserer Umfrage von vor zwei Jahren. Fachberatung scheint in fast allen Bundesländern fest etabliert zu sein. Es gibt einzelne Länder wie Brandenburg, die da noch deutlich hinterherhinken. Aber es gibt auch viele Länder, in denen es üblich ist, dass Fachberatung in Anspruch genommen wird. Allerdings haben wir nicht erfasst, ob das Angebot ausreichend ist und welche Bestandteile der Arbeit durch die Fachberatung abgedeckt wird. Ich gehe davon aus, dass wir aufgrund der Komplexität der Herausforderungen, aufgrund der Vielschichtigkeit der Themen immer deutlicheren Beratungsbedarf haben.
Nils Espenhorst: Ich sehe einerseits schon, dass sich in der Praxis zunehmend ein breiter Inklusions-Begriff durchsetzt. Aber dadurch, dass wir immer noch ein paralleles Finanzierungssystem über die Eingliederungshilfe haben, verstehen sich insbesondere die Einrichtungen als inklusiv, die vor allem mit Kindern mit drohender Behinderung oder Behinderung zu tun haben. Unsere Ergebnisse deuten aber darauf hin, dass man diese Trennung unbedingt aufheben sollte.
Spannend war in der Befragung zu sehen, dass über die Hälfte der Einrichtungen in benachteiligten Sozialräumen gesagt haben, sie arbeiten inklusiv, wohingegen es nur 30 Prozent der Einrichtungen in kaum benachteiligten Sozialräumen sind. Das heißt, viel mehr Einrichtungen, die mit sozial-ökonomisch benachteiligten Kindern zu tun haben, arbeiten auch explizit inklusiv. Und als wir dann danach gefragt haben, ob es Konflikte bei der Beantragung von Hilfen gibt, haben auch wiederum die Einrichtungen in den benachteiligten Sozialräumen dies deutlich häufiger benannt als die in den privilegierten Sozialräumen.
Nils Espenhorst: Wir haben da nicht nach den Gründen gefragt, aber ich glaube, das hat auch mit der Durchsetzungskompetenz zum Beispiel von Eltern zu tun. Also, wie gut können sich Eltern gegenüber den verschiedenen zuständigen Stellen, die bei der Eingliederungshilfe eine Rolle spielen, erklären und durchsetzen? Oder anders gefragt: Wie gut können sich Familien, die kaum Deutsch sprechen oder die ein geringes Bildungsniveau haben, durchsetzen? Da gibt es natürlich mehr Konflikte und die Verfahren dauern länger und insofern ist zu vermuten, dass wir da eine fehlende Unterstützung der Familien haben.
Nils Espenhorst: Ich glaube, ganz entscheidend ist es, die Verfahren zu beschleunigen. Die Einrichtungen, die angegeben haben, inklusiv zu arbeiten, berichten weit überwiegend davon, dass es sehr zeitaufwendig ist, diese Verfahren durchzufechten. Wir haben nicht nach der Dauer gefragt, aber ich vermute, in vielen Fällen dauert es Jahre, bis man einen Bescheid hat zur Eingliederungshilfe und dann ist das Kind schon längst wieder raus aus der Kita. Das ist durch die Pandemie noch verstärkt worden. Und dann brauchen wir dringend neutrale Stellen zur Konfliktklärung. Perspektivisches Ziel sollte es sein, dass man grundsätzlich sagt: Dort, wo inklusiv gearbeitet wird, stocken wir das multiprofessionelle Personal auf, machen Kita-Sozialarbeit und eine angemessene Beratung für Familien.
Nils Espenhorst: Was mir deutlich ins Auge gesprungen ist, ist der negative Effekt, den benachteiligte Sozialräume für die kindliche Entwicklung haben. Da müssen wir viel stärker gucken, wie wir die Kitas hier effektiv unterstützen können! Da geht es um eine Verbesserung der personellen Ressourcen, aber da geht es auch um Konzepte zur Armuts-Sensibilität, zur Verbesserung der sprachlichen Entwicklung und der Zusammenarbeit mit den Familien und Beratungsstellen oder auch um die Entwicklung von KiTas zu Familienzentren. Ich glaube, da gibt es viele gute Ansätze, die aber noch nicht konsequent verfolgt werden und daher noch nicht bedarfsgerecht sind.
Nils Espenhorst: Es hilft nicht, mit dem Finger auf andere zu zeigen und die Verantwortung rüberzuschieben, sondern wir sind alle dafür verantwortlich, dass dieses System sich weiterentwickeln und verbessern kann. So wie es derzeit ist, kann es nicht bleiben. Das verursacht erhebliche Schäden bei allen Beteiligten. Wir reproduzieren Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Und wenn wir wollen, dass das ein Ende hat, dass alle Kinder gleiche Startchancen haben, dann müssen sich alle Beteiligten stärker als bisher an der Finanzierung und an der Weiterentwicklung des Systems beteiligen.
Nils Espenhorst: Die aktuelle Hängepartei ist ein verheerendes Signal und lässt den Bund als unsicheren Partner erscheinen. Eigentlich war das Signal der Ampelkoalition ja, dass es mit dem Gute Kita Gesetz weitergeht und dass es z.B. im Hinblick auf verbindliche Standards weiterentwickelt wird. Und das ist auch ein Zeichen, das dringend notwendig ist, dass der Bund sagt, wir haben etwas aufgebaut und wir tragen das weiter. Die Länder haben jetzt weniger als ein halbes Jahr, um sich auf die Fortsetzung vorzubereiten und die Zeit für eine Weiterentwicklung läuft davon. Diese Unklarheit sorgt für eine Zermürbung auf allen Ebenen.
Nils Espenhorst: Nein, ich bin derzeit alles andere als optimistisch. Wir stümpern seit Jahren vor uns hin. Es ist so ein bisschen wie mit dem Klimawandel. Wir sehen der Katastrophe ins Auge, obwohl wir eigentlich genau wissen, was zu tun wäre.