
Gabriele Haug-Schnabel legt mit ihrem Buch „Umgang mit aggressivem Verhalten“ eine völlig überarbeitete Neuausgabe eines älteren Werks von ihr vor. Sie greift hierbei den aktuellen Diskurs rund um herausforderndes und/oder aggressives Verhalten von Kindern sowie eine entsprechende Konfliktbegleitung auf. Sie bleibt dabei ihrem Ziel treu, Kinder in solchen Situationen besser zu verstehen, um sie als Fachkraft angemessen begleiten zu können. Für ein fundierteres Verständnis bietet Sie praktische und mit entwicklungspsychologischem Wissen verknüpfte Beispiele an und zeigt Möglichkeiten zur externen Regulationshilfe auf.
Die Autorin füllt die 121 Seiten mit acht Kapiteln, die alle sehr praxisorientiert und gut verständlich geschrieben sind. Dabei werden verschiedenste Themen aufgegriffen, die hier relevant erscheinen. Es geht beispielsweise um Gruppenfähigkeit und was Erwachsene dazu beitragen können und vermeiden sollten. Dabei spielen unter anderem eine Blickschulung und Konfliktkommunikation eine große Rolle. Es folgt die Auseinandersetzung mit einem sinnvollen Verhältnis zwischen Freiräumen für die Kinder und wenigen wichtigen Regeln sowie eine Analyse aggressionsauslösender Situationen. Einem speziellen Fokus auf eine aggressionsvermeidende Bildungsbegleitung vor allem für Jungen, eingebettet in die Frage nach Geschlechtersensibilität, wird ein eigenes Kapitel gewidmet. Es folgen Kapitel zur Konfliktbegleitung und zum Aufbau von Sozialkompetenz. Hier wird speziell auch auf Eingewöhnungssituationen geschaut und die Möglichkeit der Resilienzförderung durch achtsam-aufmerksame Begleitung erläutert. Das Buch schließt mit zwei kürzeren Kapiteln ab, die zum einen Regulationshilfe für „große Kinder“ thematisiert (damit sind im Buch Vorschul- und Hortkinder gemeint), zum anderen die Zusammenarbeit im Team bei der Begleitung aggressiven Verhaltens.
Es gelingt der Autorin, entwicklungspsychologisches Wissen sehr praxisbezogen einzubringen und sie eröffnet damit Fachkräften die Möglichkeit, das eigene pädagogische Handeln zu reflektieren. Es gibt immer wieder auch Impulse und Reflexionsfragen im Buch, die Kita-Teams für eine gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Thema nutzen können. Dabei gelingt es der Autorin, nicht vorwurfsvoll zu werden, sondern vielmehr erhellend Zusammenhänge aufzuzeigen. Ein eigenes Kapitel für die Begleitung von Jungen mag zunächst befremdlich wirken, da kein komplementärer spezifischer Blick auf die Begleitung von Mädchen angeboten wird. Es wird im Kapitel selbst aber deutlich, dass hier keine Stereotype aufgebaut oder bedient werden sollen, sondern vielmehr dem Umstand Rechnung getragen wird, dass empirisch betrachtet Jungen häufiger mit aggressivem Verhalten beschrieben werden. Und letztlich geht es auch nicht nur um Jungen in dem Kapitel, sondern insgesamt um Geschlechtersensibilität statt um Zuschreibungen.
Man wird in diesem Buch sicher nicht die Antwort auf alle Fragen zum Thema finden oder für jede Fallsituation eine Lösung. In der leichten Zugänglichkeit des Textes und den vielen (teils fragenden) Anregungen und Impulsen steckt jedoch das Potenzial, sich zu der Thematik generell besser und reflektierter aufzustellen, als Fachkraft und ebenso als Team. Das alleine dürfte schon für alle Beteiligten zur Erleichterung beitragen.
Haug-Schnabel, Gabriele (2020): Umgang mit aggressivem Verhalten von Kindern. Praxiskompetenz für Kitas. Freiburg (Brsg.): Herder.
Peter Keßel