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Begabungen entdecken und entfalten – bei allen Kindern!

Veröffentlicht:
29. Mai 2026

Abschlusstagung Karg Campus Projekt

Jedes Kind hat Talente – doch wie können diese unabhängig von individuellen, sozio-ökonomischen oder kulturellen Hintergründen entdeckt und gefördert werden? Diese Frage stand im Fokus von „Karg Campus Kita Niedersachsen“, einem knapp fünfjährigen gemeinsamen Projekt von Karg Stiftung und nifbe. Zum feierlichen Projektabschluss wurde im Hannoveraner Stephansstift jetzt gemeinsam Resümee gezogen und Aladin El Mafaalani zeigte in einem packenden Vortrag die grundsätzlichen Voraussetzungen für Bildungsgerechtigkeit von Anfang an auf.

Zum Auftakt führten die Moderatorinnen Dr. Carolin Kiso von der Karg Stiftung und Michaela Kruse vom nifbe mit einer sinnbildlichen Geschichte von einem verhinderten Rennpferd in das Thema ein: Allzu leicht würden die Talente von Kindern aufgrund von Vorannahmen und festen Vorstellungen von Erwachsenen nicht entdeckt. Daher gelte es genau hinzusehen und den Denkrahmen zu erweitern, um Begabungen bei allen Kindern zu entdecken und zu entfalten.

„Jedes Kind mitnehmen“

In seinem Grußwort bewertete Dr. Dag Danzglock, Abteilungsleiter im Niedersächsischen Kultusministerium, das Karg Campus Projekt als „gelungenes Beispiel einer Public Private Partnership“. Auch er betonte, dass jedes Kind eine Begabung habe, die es zu fördern gelte. Dies sei allerdings pädagogisch herausfordernd angesichts einer großen Heterogenität in den KiTas sowie der hohen Arbeitsbelastung im Alltag. Ziel der KiTas müsse es sein, jedes Kind mitzunehmen und ihm bis zum Übergang in die Schule auch zentrale Kompetenzen zu vermitteln – ohne KiTa dabei zu verschulen. Dafür, so Dag Danzglock „muss die Qualität systematisch weiterentwickelt werden“ – und hier richtete er seine Hoffnung auch auf die Unterstützung des Bundes mit dem aktuell offenbar gerade hart umkämpften Qualitätentwicklungsgesetzes.

In einem Intermezzo des Improtheaters Ratz Fatz gaben die am Projekt teilnehmenden KiTas erste Einblicke in ihre Erfahrungen, die dann auf der Bühne spontan in Szene gesetzt wurden. So berichteten die KiTa-Leiter*innen und Fachkräfte, dass ihr Team in den fünf Jahren „größer geworden und gewachsen ist“ und dass man jetzt genauer auf die Kinders schaue und flexibler agiere. „Wir haben einen bewussten Blickwechsel von den Defiziten der Kinder zu ihren Stärken vollzogen“ und „wir heben jetzt die verborgenen Schätze der Kinder und die verborgensten sind die spannendsten“ – so die Teilnehmer*innen. Notwendig für eine solche Begabungsförderung seien allerdings Zeit und nochmals Zeit sowie Ruhe, Pausen und das bewusste Rausnehmen von Stress aus dem KiTa-Alltag.

Bildungs(un)gerechtkeit in Schlaglichtern

In seinem Impulsvortrag beleuchtete der Soziologe Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani die Bildungsgerechtigkeit in der Kindheit als Grundlage einer inklusiven Begabungsförderung – und konfrontierte die Tagungsteilnehmer*innen dabei mit geradezu erschütternden Zahlen und Fakten zu einer „vergreisenden Gesellschaft“. So gebe es in Deutschland schon seit 2008 mehr Rentner*innen als Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren und die Schere gehe seitdem immer stärker auseinander. Jedes Jahr würden jetzt nur noch halb so viele Kinder eingeschult, wie Erwachsene in Rente gehen. Klar sei daher: „Spätestens jetzt kommt es auf jedes Kind an!“

Doch die von Aladin El-Mafaalani präsentierten Zahlen zur Bildung und Bildungsgerechtigkeit sprachen eine andere Sprache, denn:

  • Seit 10 Jahren gibt es einen deutlichen negativen Trend bei Kompetenzmessungen
  • Die Zahl der Schulabgänger*innen ohne Abschlüsse steigt
  • Das Wohlbefinden junger Kinder nimmt deutlich ab – und zwar insbesondere auch durch die Digitalisierung und Nutzung sozialer Medien
  • Das Armutsrisiko von Kindern steigt an

Obwohl heute mehr Kinder denn je immer länger in die KiTa gehen, so der Referent, seien die Bildungschancen in Deutschland nach wie vor sehr ungleich verteilt. Schon vor der Einschulung habe sich die größte Kompetenz-Differenz zwischen Kindern von Eltern mit niedrigerem und solchen mit höherem Bildungsniveau herausgebildet. Im Hinblick auf die Frage, warum KiTas hier noch nicht zu mehr Chancengerechtigkeit beitragen können, verwies der Soziologe auf die „Schere zwischen steigenden Herausforderungen und den zur Verfügung gestellten Ressourcen.“ An dieser Stelle griff Aladin El-Mafaalani zum Edding und vergegenwärtige auf einer Flipchart die berühmte „Heckman-Kurve“ nach der rein volkswirtschaftlich die Investition in frühkindliche Bildung die größte direkte Rendite überhaupt erbringe – noch vor Aktienfonds.

Auf die Kita kommt es an!

Im Sinne der Bildungsgerechtigkeit empfahl er den KiTas, die Kinder und ihre Familien in all ihre Unterschiedlichkeit dort abzuholen, wo sie stehen. Folgenden Fragen seien dafür zielführend:

  • Wo steht das Kind und seine Familie?
  • Wo stehe ich?
  • Wer oder was steht im Weg?
  • Wo soll die Reise hingehen?
  • Wie kommen wir gemeinsam dorthin?

Pädagogisches Selbstverständnis überholt?

Durchaus kritisch blickte Aladin El-Mafaalani auf das aktuelle pädagogische Selbstverständnis von Erzieher*innen. Hier sei angesichts der rasanten gesellschaftlichen Entwicklungen und den immensen Herausforderungen im Bildungsbereich zu fragen „Wo kommt unsere pädagogische Haltung her und ist sie noch zeitgemäß?“. Dies Frage sei insbesondere im Hinblick auf die Pluralisierung von Familien, verfestigte Armutsstrukturen, Digitalisierung sowie Migration und Superdiversität zu beantworten. Er selbst konstatierte: „50 Prozent der aktuellen pädagogischen Haltung von Erzieher*innen sind nicht mehr zeitgemäß“ und dies gelte mindestens ebenso für Lehrer*innen.

Im Hinblick auf die verfestigten Armutsstrukturen machte der Wissenschaftler einen entscheidenden Unterschied zu früher fest: Aus dem Zukunftsversprechen „Unseren Kindern wird es einmal besser als uns gehen“ und aus der entsprechenden Bildungsaspiration sei zunehmend Resignation geworden – „und gegen diese Resignation muss die KiTa erst einmal ankämpfen“. Eine weitere große Herausforderung sei die „Superdiversität“, die insbesondere durch eine seit den 1960er Jahren sich kontinuierlich steigende Zuwanderung resultiere. In einer exemplarischen Grundschulklasse hätten heute 60 Prozent der Kinder Migrationshintergrund und mehr als ein Dutzend Muttersprachen.

Eingestehen musste Aladin El-Mafaalani, dass die Frage, was KiTas und Grundschulen heute alles können müssten, um mit diesen vielfältigen Herausforderungen umzugehen, „ungelöst ist“. Als zentralen Qualitätsaspekt stellte er jedoch das Wohlbefinden der Kinder heraus, denn: „Kitas und Grundschulen sind heute die Orte, an denen Kindheit stattfindet“.

Perspektiven auf das Projekt

In einem Rückblick auf das Projekt Karg Campus Niedersachsen skizzierten die vier Projektleiterinnen von Karg (Lisa Mol und Dr. Carolin Kiso) und dem nifbe (Michaela Kruse und Dr. Meike Sauerhering) aus ganz persönlicher Sicht und symbolisiert durch einige Gegenstände die Entwicklung in den acht teilnehmenden KiTas: „Am Anfang war ein Funke, der über die Jahre zu leuchten begann“. Aus Interesse sei Begeisterung und gemeinsame Motivation geworden und eine wertschätzende und vertrauensvolle Atmosphäre habe das Projekt getragen. Im Projekt „gab es nicht den einen richtigen Weg, sondern jede KiTa hat ihren eigenen gefunden und jede KiTa hat ihre ganz eigenen Blumen zum Blühen gebracht“. Es sei erstaunlich gewesen zu sehen, „was alles wachsen kann, wenn man Vielfalt ernst nimmt“ und besonders wichtig sei es dabei „auch die kleinen und unscheinbaren Dinge im Blick zu haben“. Natürlich habe es aber auch Klippen und schwierige Gewässer auf dem Weg gegeben, insbesondere durch Personalwechsel und die hohe Alltagsbelastung in den KiTas. Aber diese seien gemeinsam um- und durchschifft worden und nun würden in den KiTas mit Begeisterung die Talente der Kinder entdeckt und gefördert.

Netzwerke wurden ausgebaut

Aus wissenschaftlicher Sicht zeigten Prof. Dr. Peter Cloos und Prof. Dr. Katja Zehbe vom ITES die Entwicklung im Projekt auf. Der Fokus der drei Erhebungswellen lag dabei auf den begabungsförderlichen Netzwerken und Kooperationen im Sozialraum und der Frage „Wie haben sich Beziehungen nach innen und außen entwickelt?“ Als Erhebungsinstrumente wurden dabei Netzwerkkarten erstellt, Interviews geführt und Fallportraits erstellt sowie ein Fallvergleich vorgenommen. Dabei habe sich eine exemplarische Schrittabfolge bei den KiTas ergeben:

  • Wissen aufnehmen
  • Haltung entwickeln
  • Team mitnehmen
  • Veränderungen planen
  • Maßnahmen umsetzen
  • Sich vernetzen
  • Multiplikator*in werden

Festgestellt werden konnte auch eine deutliche Steigerung der Netzwerk-Partner*innen über die Laufzeit und „eine immens wichtige Rolle der KiTa-Leitung“. Als zentrales Thema habe sich des Weiteren die Zusammenarbeit mit der Grundschule herausgestellt.

Auf dem Weg zum Kompetenzzentrum

Auch einige der beteiligten KiTas zeigten in Schlaglichtern weitere Herzstücke des Projekts auf. Besonders wurde die „tolle Unterstützung von Karg und nifbe“ in Form von Prozessbegleitung, Inhousequalifizierungen und Netzwerktreffen herausgehoben. Nadine Seebode vom Kindergarten Springhof in Bad Lear resümierte: „Es bleibt eine riesengroße Freude an der Begabungsförderung, am Entdecken und Fördern von oftmals versteckten Schätzen. Wir sind auf einem guten Weg, uns zu einem Kompetenzzentrum für Begabungsförderung zu entwickeln.“ Die Ergebnisse der einzelnen KiTas wurden ebenso wie die wissenschaftliche Evaluation auf einem Markt der Möglichkeiten bzw. Expertisen präsentiert und es entwickelte sich ein reger Austausch.

Zum Abschluss der Tagung wurden den acht beteiligten KiTas feierlich ihre Zertifikate von Karg-Vorstand Dr. Ingmar Ahl und dem nifbe-Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. Kai-Uwe Kühnberger übergeben. Sie zeigten sich über die Projektergebnisse sehr erfreut und dankten den KiTas für „ihr tolles Engagement“. Es sei gelungen, „den pädagogischen Handlungsalltag im Hinblick auf eine inklusive Begabungsförderung zu stützen und zu unterstützen“. So könnten kognitive, musische, emotionale oder motorische Potenziale der ganz verschiedenen Kinder jetzt besser ausgeschöpft werden und dies sei „ein Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit“. Jetzt gelte es, das Projekt in die Nachhaltigkeit zu überführen und die Kompetenzen für eine inklusive Begabungsförderung in Niedersachsen weiter auszubauen.

Zur Projekt-Website geht es hier:

https://nifbe.de/das-nifbe/projekte/aktuelle-projekte/karg-campus-niedersachsen-inklusive-begabungsfoerderung/

Karsten Herrmann

Niedersächsisches Institut
für frühkindliche Bildung und Entwicklung e.V.
Jahnstraße 79
49080 Osnabrück
Tel: 0541 - 58 054 57 - 0
E-Mail: info@nifbe.de
"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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