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Aus gutem Grund

Wut, Rückzug, Aggression: Verhaltensweisen, die uns fordern, haben immer einen Grund. Der Sammelband „Das schwierige Kind?“ zeigt, wie Fachkräfte den Blick verändern und Wege finden, Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten – statt sie zu bewerten.

Das als herausfordernd wahrgenommene Verhalten von Kindern in der Kita beschäftigt pädagogische Fachkräfte zunehmend – Kinder, die keine Grenzen kennen, die laut sind, andere Kinder ärgern und körperlich angehen oder aber auch Kinder, die sich zurückziehen und nicht mehr ansprechbar erscheinen.

Solches Verhalten von Kindern führt wiederum zum Burn-out-Risiko für Fachkräfte, die sich überfordert, ohnmächtig und frustriert fühlen und so immer weniger konstruktiv mit diesen Situationen umgehen können. Der mögliche Beginn einer gefährlichen Eskalationsspirale, in der Kita-Fachkräfte Kinder im schlimmsten Fall auch immer wieder physisch oder psychisch verletzen. Der Schutz der Kinder ist dann nicht mehr gewährleistet.

In dem von der Psycholinguistikerin  Andrea Tures herausgegebenem Band „Das schwierige Kind?“ stellen 17 unterschiedliche Autor*innen aus Wissenschaft, Fachpraxis sowie Aus- und Weiterbildung Hintergründe, konkrete Konzepte, Strategien und Tools für den professionellen Umgang mit den als herausfordernd wahrgenommenen kindlichen Verhaltensweisen vor.

Der bewusst provokante Titel des Buches soll, wie die Herausgeberin einleitend anmerkt, auf eine weitverbreitete und unreflektierte Defizitperspektive auf Kinder und ihre vermeintlich auffälligen Verhaltensweisen aufmerksam machen. Ziel des Buches sei es, aus dieser Defizitperspektive herauszukommen und pädagogische Fachkräfte in die Lage zu versetzen, so zu reagieren, dass es für die beteiligten Kinder förderlich und entwicklungsangemessen ist. Dafür stellt der Sammelband entsprechende systematisch-fachliche Grundlagen und Reflexionsangebote zur Verfügung.

Perspektivwechsel

Das großformatige und knapp 300 Seiten umfassende Buch gliedert sich in drei Teile. Zunächst vermitteln Expert*innen wissenschaftliche Grundlagen und Konzepte im Umgang mit herausforderndem Verhalten. Ein roter Faden ist dabei, dass pädagogische Fachkräfte sich vom kindlichen Verhalten nicht persönlich angegriffen und herausgefordert fühlen, sondern die Perspektive wechseln und reflektierend auf die Bedürfnisse des Kindes und auf den immer vorhandenen „guten Grund“ seines Verhaltens schauen und entsprechend agieren sollen. Zur Unterstützung stellt Klaus Fröhlich-Gildhoff hier unter anderem den „Kreislauf professionellen pädagogischen Handelns“ vor, der vom „Beobachten“, „Analysieren/Verstehen“ über das „Planen“ und „Handeln“ bis zum „Evaluieren/Überprüfen“ reicht. Als Orientierung und struktureller Rahmen werden auch ethische Leitlinien wie zum Beispiel die „Reckahner Reflexionen“  sowie Konzepte für Kindeswohl und Kinderschutz von Jörg Maywald und Regina Remsperger-Kehm vorgestellt und auch im Hinblick auf verletzendes Verhalten von Fachkräften konkretisiert. Formen von Gewalt können z.B. körperliche Übergriffe und Vernachlässigung, sexualisierte Grewalt oder auch oftmals ganz unbewusste seelische Gewalt wie Demütigen, Beschämen, Ausgrenzen oder Anschreien sein.

Der zweite Teil des Buches nimmt verschiedene Phänomene herausfordernden Verhaltens näher in den Blick: vom überdrehten und wilden über das unkooperative, beißende oder aggressive bis hin zum sprachlosen Kind. Die Phänomene werden entwicklungspsychologisch beziehungsweise neurobiologisch eingeordnet und mit konkreten pädagogischen Handlungsstrategien unterlegt. Andrea Tures zeigt so z.B. Regulationsstrategien für überreizte oder untererregte Kinder auf und geht dabei auch auf neurodivergente beziehungsweise sensorisch-sensible Kinder ein. Sie beschreibt, wie eine Überreizung des Nervensystems durch äußere Sinneseindrücke zu einem dysreguliertem Verhalten führen und wie Fachkräfte diesem durch eine „feste Routine, wiederkehrende Abläufe sowie vertraute Bezugspersonen“ begegnen können. Sie plädiert dafür, Regulationsstrategien wie zum Beispiel Rückzugs- und Ruhemöglichkeiten schon präventiv oder bei ersten Anzeichen von Dysregulation anzubieten und bei besonders gefährdeten Kindern auch „Erregungsprotokolle“ zu verfassen – also aufzuzeichnen zu welchen Zeiten und Anlässen die Erregungskurve ansteigt.  

Der dritte, deutlich kürzere Teil des Buches thematisiert schließlich noch weiterführende Perspektiven im Umgang mit herausforderndem Verhalten wie die Zusammenarbeit mit Familien oder auch psychotherapeutische Unterstützung. Vorgestellt werden hier u.a. konkrete Gesprächsstrategien mit Eltern für das äußerst sensible Thema des heraufordernden Verhaltens von Kindern.

Nicht erfüllte Bedürfnisse

 „Das schwierige Kind?“ bietet als Herausgeberband ein breites Spektrum an Grundlagenwissen sowie konkreten Konzepten und Ansätzen rund um das Thema von herausfordernd wahrgenommenem Verhalten von Kindern. Die Beiträge sind dabei mit Praxisbeispielen und Reflexionsimpulsen sowie mit Empfehlungen zur Vertiefung und Hinweise auf Online-Ressourcen angereichert. Durch die Praxisnähe bekommen pädagogische Fachkräfte, aber auch Kita-Leitungen und Fachberater/-innen darin hilfreiche Ansatzpunkte, um ressourcenorientiert, reflektiert und professionell mit herausfordernden Situationen in der Kita umzugehen und auch eine entsprechenden Team- und Organisationsentwicklung auf den Weg zu bringen. Die wichtigste Grundregel dabei: konsequent auf das Kind und seine nicht erfüllten Bedürfnisse schauen, auf fachwissenschaftlicher Grundlage den Sinn für sein Verhalten ergründen und daraus pädagogische Strategien ableiten.

  • Das schwierige Kind? Herausforderndem Verhalten professionell begegnen – in Krippe, Kita und Grundschule. Hrsg. von Andrea Tures. Cornelsen, 2025, 34,99 Euro

Karsten Herrmann

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"Im Mittelpunkt der Arbeit des nifbe steht das Kind in seinem sozialen Kontext und mit seinem Anspruch auf bestmögliche Förderung und Begleitung von Anfang an."
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